Mythos, das heißt hier: identitätssichernde Erzählung. Der Kern des amerikanischen Exzeptionalismus liegt in der Überzeugung, die Vereinigten Staaten nähmen als Nation eine heilsgeschichtliche Sonderrolle ein. Ihr unaufhaltsamer Aufstieg sei unleugbares Indiz einer gottgewollten Bevorzugung, aus der sich wiederum eine besondere weltgeschichtliche Verantwortung ableite.
Dieser Mythos ist in seinem Fundament bedroht. Die akuten innenpolitischen Krisenherde – von Wirtschaft über Erziehung bis zu Infrastruktur, Immobilien, Arbeitslosigkeit und Altersarmut – sind einfach zu nachhaltig und offensichtlich. Der Tatsachendruck damit zu groß. Amerika ist von konkreten Statusängsten geplagt.
Abschied vom Mythos des Exzeptionalismus
In diesen breiteren Kontext gestellt, ist die Tea-Party-Bewegung der politisch explosivste Ausdruck der angstbesetzten Unwilligkeit, Abschied vom Mythos des Exzeptionalismus zu nehmen. Getragen von einem drängenden Verlusts- bzw. Verratsempfinden, artikuliert sich die Bewegung deshalb in einer konsequenten Rückeroberungsrhetorik: "Reclaim America!“, rufen ihre Anhänger aus und marschieren unter dem Motto "Taking Our Country Back!“ bis nach Washington. Der explizite unterstellte Landesverrat wird dabei elitenfeindlich gedacht (Wall Street, Washington), die eigenen Verlustängste aber mit der Fiktion eines vergangenen goldenen Zeitalters beruhigt. Erklärtes Ziel der Bewegung ist nicht etwa die Wiederherstellung eines konkreten Gesellschaftszustands historischer Vergangenheit, sondern das trotzige Einfordern eines mythischen Sollzustands, dessen dokumentierter Bezugspunkt die amerikanische Verfassung bildet. Natürlich darf dabei nur der mutmaßlich eindeutige Wortlaut des heiligen Dokuments Verbindlichkeit beanspruchen. Interpretation ist Verrat.
Der politische Gegner wird rhetorisch zum Feind, deliberative Verfahren zu faulen Kompromissen, das schlichte Einnehmen eines anderen Standpunkts zum Symptom geistiger Verwirrung, Widerstand mit Waffengewalt eine offen erwogene Option. Das ist politischer Fundamentalismus par excellence.
Die Leute bei Laune halten
Die Republikanische Partei muss die außerordentlich motivierte Basis dieser von Angst und Verdrängung getriebenen Bewegung auf absehbare Zukunft hofieren und gezielt bei Laune halten. In dieser Erkenntnis bestand das entscheidende Ergebnis der Zwischenwahl von 2010. Sie bildet auch den medialen Hintergrund, vor dem das Attentat von Tucson, Arizona, als politischer Akt wahrgenommen werden musste. Zwar führt keine schlüssige Kausalkette von der rigoristischen, oftmals offen hasserfüllten Rhetorik der Tea-Party-Führer zum Handeln des jungen Täters. Doch liegt der Schock für alle Beteiligten darin begründet, dass es im Herzen niemanden überrascht hätte, wenn es genau so gewesen wäre. Ein Irrer exekutierte aus ganz eigenen Gründen eine Vision, auf deren Realisierung führende Tea-Party-Köpfe über Monate ruchlos angespielt hatten.
Zudem gilt: Auch Geisteskranke erhalten ihre Impulse letztlich von außen. Auch sie denken in den Zeichen und Worten, die wir alle verwenden und zirkulieren lassen. Der Begriff, der die Bewegung der Tea Party im Innersten ihrer Wut zusammenhält, lautet "American Exceptionalism“. Was dieser Begriff in Zeiten der Globalisierung mit wahrem amerikanischem Patriotismus zu tun haben könnte, bleibt dabei eine schrecklich offene Frage.





















Wenn das Wörtchen “wenn” nicht wär, wär mein Vater Millionär…
Fakt ist, dass der Attentäter von Tucson ein schizophrener Einzeltäter war, den eine ehemalige Mitschülerin sogar als “9/11-Truther” und Bush-Hasser beschreibt. Fakt ist ebenso, dass hasserfüllte Propaganda, Mordaufrufe oder die Menschenwürde verletzende Rhetorik gegen George W. Bush und Sarah Palin durch die extreme Linke wesentlich älter sind als die Tea Party Bewegung. Ein Blick in amerikanische Medien, die dieses Phänomen aufarbeiten (wie zB Pajamas Media) würde hier sicher den Horizont erweitern.
Auch wäre es – sollten die Behauptungen europäischer Antiamerikaner auch nur ansatzweise stimmen – ein Offenbarungseid der Administration Obama, wenn die Haushaltssituation der USA wirklich so katastrophal wäre. Denn gemessen an den Eckdaten hatte George W. Bush trotz des Kriegs gegen den Terror sogar einen ausgeglicheneren Haushalt mit weniger Schulden hinterlassen als all seine Vorgänger der 2 Jahrzehnte zuvor inklusive Reagan…
Im Unterschied zu Europa haben die USA auch in schwierigen Situationen die Idee der Freiheit, auf der sie gegründet sind, nie angetastet und haben sich auch nie dem Totalitarismus hingegeben. Im Gegenteil, sie haben sogar noch Kraft gefunden, dem Totalitarismus in Europa und anderen Teilen der Welt erfolgreich die Stirn zu bieten.
Ein Land, das nicht nur die eigene freiheitliche Ordnung gegen jede Anfechtung zu verteidigen geschafft hat, sondern auch den Weitblick besitzt, die Bedingungen zur Entstehung einer solchen auf der ganzen Welt nachhaltig zu fördern, hat das Recht, sich für etwas Besonderes zu halten.
@Christian Rogler
Das einzige Land dem die USA eine nachaltige Demokratie gebracht haben ist Deutschland und auch daran haben sie über Jahrzehnte sehr gut verdient.Noch in den 90ern waren Waffenexporte der grösste Verkaufsschlager der USA. Ein Land in dem eine gesetzliche Kranken oder Rentenkasse als kommunistisches Zugeständnis ist, das seine aussenpolitische Interessen in über 100 bewaffneten Konflikten ausgetragen hat und damit seine Waffenindustrie am Leben erhält, ich glauben nicht, das es das Anrecht hat sich für bessere Menschen zu halten. Das kapitalistische Amerika ist am ENDE, ohne zutun eines von Amerika so gehassten Kommunisten, hat die Oberklasse geschaft ein Volk in die Armut zu stürtzen. Die USA ist ein Auslaufmodell, nur wollen es die Träumer von einen unendlichen Wachstum noch nicht realisieren.
“Denn gemessen an den Eckdaten hatte George W. Bush trotz des Kriegs gegen den Terror sogar einen ausgeglicheneren Haushalt mit weniger Schulden hinterlassen als all seine Vorgänger der 2 Jahrzehnte zuvor inklusive Reagan…”
Ich wüsste gern, welche Quellen Sie zu so einer Aussage bewegen.
Increase debt/GDP (in percentage points):
Jimmy Carter: -3.3%
Ronald Reagan: +11.3%
Ronald Reagan: +9.3%
George H. W. Bush : +15.0%
Bill Clinton: -0.7%
Bill Clinton: -9.0%
George W. Bush: +7.1%
George W. Bush: +20.0%
Aber klar, Obama ist Schuld an der Krise….
Budget Comparison Table des Congressional Budget Office:
Verhältnis Ausgaben zu BIP:
Reagan (81-88) – 22,4%
Bush sen. (89-92) – 21,9%
Clinton (93-00) – 19,8%
Bush jun. (01-08) – 19,6%
Verhältnis Steuern zu BIP:
Reagan (81-88) – 18,2%
Bush sen. (89-92) – 17,9%
Clinton (93-00) – 19,0%
Bush jun. (01-08) – 17,6%
Verhältnis Defizit zu BIP:
Reagan (81-88) – 4,2%
Bush sen. (89-92) – 4,0%
Clinton (93-00) – 0,8%
Bush jun. (01-08) – 2,0%
Verhältnis Schulden zu BIP:
Reagan (81-88) – 34,9%
Bush sen. (89-92) – 44,0%
Clinton (93-00) – 44,9%
Bush jun. (01-08) – 36,0%
Aber mir ist klar, wie die Debatte hier in Europa läuft. Frei nach der Knüppelkuh in dem Film “Matilda” nach dem Motto “Ich bin groß, du bist klein. Ich hab Recht, du hast Unrecht. Die Demokraten sind gut, die Republikaner sind böse. Und dagegen kannst du überhaupt nichts tun…”
Na ja, und Genosse Rolf Kohl wird ab Sonntag bestimmt große Freude daran haben, dass seine Auffassungen durch die Bluthilde-Kolumne endlich einem noch größeren Leserkreis zugeführt werden.
Ich finde es gut und wichtig, daß Herr Eilenberger darauf hinweist, daß auch psychisch allem Anschein nach Gestörte eben nicht auf einer Insel leben, sondern Informationen aus ihrer Umgebung verarbeiten und daraus Schlüsse ziehen. Leider wird heutzutage so ein Ereignis schnell mit “irrer Einzeltäter” abgefrühstückt, ohne auf weitergehende Kausalketten einzugehen. In praktischer Konsequenz führt das zu einer schafsartigen Haltung, die solche Ereignisse als “unvermeidlich”, “gottgewollt” oder vermutlich auch “alternativlos” hinnimmt und jedem, der eine mögliche Multikausalität aufzeigt, “Relativismus” und “Täterverständnis” vorwirft. Ja, das ist leider immer noch so.
Zu Herrn Rogler hatte ich jetzt einiges geschrieben, bis mir aufgefallen ist: das hätte ich auch aus alten Diskussionen aus der Bush-Zeit copypasten können. Und da mir das Interesse fehlt, längst überholte schematisierte dogmatische Standards zum x-ten Mal wiederzukäuen, lasse ich es einfach. Die USA sind weder ein besonders schlimmes noch ein besonders tolles Land, sondern ein sehr vielfältiges, das weder den Verteufelungen der einen noch den Verherrlichungen der anderen entspricht (das ist jetzt wieder “Relativierung”, richtig?). Mir tun Leute wie Herr Rogler oder Michael Moore immer etwas leid, weil sie so viel verpassen. Aber das Leben ist mit so einer Denke beträchtlich einfacher und übersichtlicher, muß ich ja wissen, ich war auch mal so drauf…