Nirgends wird so viel gelogen und betrogen wie im Krieg und vor einem Krieg. Hans-Peter Kaul

Herr Wilde, sind Sie der Velázquez der Berliner Republik?

Ob berühmte Schauspieler oder Musiker, Vorstandsvorsitzende oder Politiker – der Hamburger Starfotograf bekommt sie alle vor die Kamera. Wolfgang Wilde hat den Blick für das Detail und inszeniert die Großen dieser Welt. „The European“ traf ihn zum Gespräch.

Mit einem Bild von Alfred Herrhausen begann die außergewöhnliche Karriere von Wolfgang Wilde. Eigentlich wollte er den Banker, der 1989 von der RAF ermordet wurde, mit Geldnoten überschütten – doch gegen ein Bild vor dem Tresor hatte der Vorstandssprecher der Deutschen Bank dann nichts einzuwenden.

The European: Wie und warum sind Sie eigentlich Fotograf geworden?

Wolfgang Wilde: Ich habe in Hamburg Kommunikation studiert. Während dieses Studiums lernt man Zeichnen und Malen, aber auch Fotografie. Sie war es dann auch, der seit dieser Zeit meine ganze Leidenschaft galt. Ich habe mich auf diese zunehmend konzentriert und sie letztendlich zu meinem ­
Beruf gemacht

Ihre ersten Aufträge von Prominenten haben Sie als ­Student bekommen?

Von irgendetwas muss man als Student leben, und so war Foto­grafieren der erste Broterwerb. Mit meinen Porträts, die ich für das Studium gemacht habe, bin ich dann zum „Manager-­Magazin“ gegangen, die zu dieser Zeit eine neue Bildsprache für ihre Fotos gesucht haben. Gewöhnlich gab es ja so im „Spiegel“ immer nur Schwarz-Weiß-Fotos und Reportagen. Das „Manager-Magazin“ wollte mit diesen alten Zöpfen aufräumen. Und so durfte ich junger Fotograf neue Formen, Formensprachen ausprobieren und habe dort begonnen, meine Bilder zu inszenieren. Einer meiner ersten Jobs war dann auch schon ein Schwergewicht, der Banker Alfred Herrhausen. Bei diesem Projekt bin ich ein wenig naiv drangegangen. Ich hatte eine gewisse Vorstellung, habe mir 200.000 D-Mark von der Deutschen Bank besorgt und flog nach Frankfurt.

Zu Herrhausen sagte sich dann: „Ich stelle mir das so vor, Sie stellen sich da unten hin, und da oben steht mein Assistent und schmeißt die 200.000 D-Mark herunter, und die flattern dann so um Sie herum.“ Das hat er natürlich nicht gemacht. Ich wollte ihn aber unbedingt fotografieren, und es war natürlich das Wichtigste überhaupt, dass ich dieses Foto hinbekomme. Diesen jugendlichen Drang hat er gespürt und auch wie wichtig mir das Projekt als Jugendlicher war. Und dann hat er gesagt: „Pass mal auf, das mit dem Geld das machen wir nicht. Aber wenn Sie möchten, stelle ich mich vor den Tresor.“ Nach zwei Stunden weiterer Vorbereitung hatten wir dann endlich das gewünschte Foto vor dem Tresor. Herrhausen hatte grandios reagiert und einen meiner ersten Jobs gerettet.

Was interessiert Sie am Menschen?

Mich interessieren Menschen, aber eben auch die Fotografie. Was meinen Beruf so interessant macht, ist, dass man Persönlichkeiten kennenlernt, die man im realen Leben nie kennenlernen würde. Es sind nicht nur die ganzen Wirtschaftsgrößen und Politiker, sondern auch die tollen Schauspieler. Und dann wird es interessant, weil man von vielen dieser Menschen ein bestimmtes Bild hat, das sich dann bei der persönlichen Arbeit völlig verändert, ja oft ins positive Gegenteil verkehrt. Ich stehe permanent vor neuen Herausforderungen, jedes Shooting ist anders, hat seine eigenen Regeln. Manchmal werde ich entzaubert, meistens aber bezaubert. Vorstellung und Realität gehen da ganz wunderbare Synthesen ein, die ich immer mit meinem Team diskutiere.

Darüberhinaus ist das ganze Umfeld, die Mitarbeiter oder Pressesprecher, interessant. Hier herrscht ein Geben und Nehmen, weil nicht alle immer so denken und handeln, wie ich mir das vorstelle. Aber auf alle Fälle lernt man dabei, wie man mit den vielen Persönlichkeiten umgehen muss, wo sie ihre Stärken und Schwächen haben, was man erwarten oder nicht erwarten kann, wann man weiterbohren soll und wann es besser ist, sich zurückzuziehen. Was mich fasziniert, ist die persönliche Geschichte der ganz Mächtigen. Auch der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat sich wunderbar in Szene setzen lassen – er hat sich selbst in meiner Inszenierung inszeniert. Diese Pose habe ich dann genauso gelassen, ohne irgendwie zu versuchen, irgendwelche Dinge aus ihm herauszukitzeln. Er steht, wie er ist, auf dem Foto, in seiner ganzen Herrlichkeit.

Was unterscheidet Politikerporträts von Fotos von Wirtschaftsbossen?

Generell gibt es bei den Menschen natürlich unterschiedliche Charaktere – die einen ticken so und die anderen ticken so. Bei Politikern und Wirtschaftsgrößen allerdings sehe ich eine große Differenz. Politiker kooperieren mehr. Dabei spielt es sicherlich eine Rolle, dass sie auf die nächste Wahl hinarbeiten und sich dementsprechend präsentieren. Bei den Wirtschaftlern hat man manchmal das Gefühl, sie machen die Inszenierungen eher ein bisschen für sich. Gleichwohl sie gern ihre Macht präsentieren, habe ich immer das Gefühl, dass man sich tiefer mit ­
ihnen beschäftigt, dass man sie mitnimmt und ­ihnen Widerpart bietet. Eine gewisse Aggressi­vität schadet manchmal nicht. Ich glaube, dies wird auch von ihnen in irgendeiner Form gewünscht. Das setzt allerdings eine starke Persönlichkeit voraus, und diese muss ich sein. Starker Auftritt, dann starke Kooperation, so könnte man vereinfacht sagen.

Welches war das bemerkenswerteste Shooting mit einem Politiker?

So ein einzelnes Shooting gibt es nicht, es gibt auch nicht einzelne Bilder. Manchmal sind das einzelne Leute, die man ganz toll findet. Letzte Woche habe ich Lars Eidinger fotografiert, und da muss ich einfach sagen, das ist eine Person, die ist großartig.

Ursula von der Leyen fotografiert von Starfotograf Wolfgang Wilde
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen inszeniert sich für Wolfgang Wilde auf der Balustrade im alten Teil des Bendlerblocks. Copyright: Wolfgang Wilde

Ist das eine Art Philosophie von Ihnen, dass Sie nur noch bekannte Leute fotografieren?

Nein das war von Anfang an so. Die neue Bildsprache, die mich auszeichnet, und der Stil, den ich kreiert habe, ist ein künstlerischer Prozess, vergleichbar einem Maler. Deswegen fasziniert mich der Spanier Diego Velázquez. Er hat ja auch Stile erfunden, und auch Goya und Picasso haben sich von ihm inspirieren lassen. Eine gewisse Verbindung zwischen Velázquez und mir sehe ich schon. Er hat am spanischen Hof gemalt, und ich fotografiere diese Republik. Wichtig ist und bleibt, dass man die passende Inszenierung für die jeweilige Person findet, die diese einzigartig werden lässt und wo es darüber hinaus gelingt, diese auch noch aus einer ungekannten Perspektive oder mit einer unerkannten Eigenschaft zu repräsentieren.

Horst Seehofer fotografiert von Starfotograf Wolfgang Wilde
Eine Woche vor der alljährlichen Klausurtagung in Wildbad Kreuth hält CSU-Chef Horst Seehofer die Zügel fest in der Hand. Copyright: Wolfgang Wilde

Woher beziehen Sie denn Ihre künstlerische Kreativität?

Ich wähle immer das Risiko! Wenn ich auf Risiko gehe, ­bekomme ich wahrscheinlich ein gutes Bild. Wenn ich kein Risiko eingehe, dann wiederholt sich alles immer wieder und wird langweilig. Es gibt nichts Neues. Wir bereiten alles sehr ­sorgsam, oft teuer und aufwendig vor. Es gibt bei mir keinen Plan B, es muss einfach klappen. Für das Risiko habe ich mich daher bewusst entschieden.

Wenn Außenminister Frank-Walter Steinmeier über Sie sagt, „Wildes Bilder sind kleine Romane und erzählen mehr als 1000 Worte“, was denkt man da? Dann ist man doch geschmeichelt, oder?

Natürlich ist man geschmeichelt. Und Steinmeiers Menschlichkeit macht es einem sehr angenehm, mit ihm kann man reden, und er bleibt auch fair. Ich versuche ja auch immer, fair zu bleiben.

Thomas de Maizière fotografiert von Starfotograf Wolfgang Wilder
Bestens bewacht wird Thomas de Maizière im Neubau des Innenministeriums, das nur einen Steinwurf von seinem früheren Arbeitsplatz im Kanzleramt entfernt liegt. Das Bild entstand im Juli 2015. Copyright Wolfgang Wilde

Wie viel Zeit planen Sie für Ihre Fotoaufnahmen
immer ein?

Die Fotos werden oft vor oder nach einem Interview gemacht. Gute Vorbereitung ist dann alles, um in kurzer Zeit ein besonderes Ergebnis zu bekommen. Aber ich habe auch schon Bilder in 30 Sekunden gemacht. Oft entscheidet der Moment, wo Großes entsteht.

Was ist jetzt der Stil der Sie auszeichnet, 
die Inszenierung?

Ich war wirklich mit der Erste, der Manager in dieser bestimmten Form inszeniert hat. Diese Methode habe ich bei den Politikerporträts nochmals aufgegriffen und versucht, immer neue Kontexte zu erzeugen. Diese Arbeit, dieses Ausprobieren, macht mich dann ein wenig stolz, weil es etwas Konstruktives ist. Viele Fotografen kopieren dies dann alles nur. Aber immerhin bin ich doch der Vorgänger, der, an dem sie sich alle orientieren. Und im Großen und Ganzen geht es tatsächlich um die Idee, um die Inszenierung, um das Umsetzen, und das auf eine neue Art.

Welche vorreiterische Rolle spielt bei Ihren Inszenierungen denn die Malerei? Gibt es da einen Lieblingsmaler?

Es ist nicht so sehr die Malerei, sondern die Inspiration kommt bei mir tatsächlich durch den Film. Ich schaue viele Filme an, ich gehe auch in Museen, und natürlich kenne ich auch andere Fotografen. So wird man am laufenden Band inspiriert. Und manchmal ist es auch noch ein bisschen Glück und Zufall, dass es was Besonderes wird.

Wen würden Sie denn gern noch fotografieren, wer wäre der Traumkandidat?

Ein Einzeltermin mit Bob Dylan bei der Nobelpreisverleihung. Ich arbeite gern auch in einem anderen Genre. Musiker und Moderatoren habe ich viele fotografiert, aber Dylan wäre noch ein Highlight.

Das Gespräch führte Stefan Groß.

Weitere Fotografien von Starfotograf finden Sie in der aktuellen Print-Ausgabe von The European. Hier können Sie die aktuelle Ausgabe bestellen.

Alle veröffentlichten Bilder dürfen ohne die ausdrückliche Genehmigung des Fotografen nicht kopiert oder vervielfältigt werden. Für Anfragen können Sie sich gerne sich direkt mit Wolfgang Wilde in Verbindung setzen unter info@wolfgangwilde.de.

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