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Der Roman ist tot, es lebe der Roman

Die Lesegewohnheiten werden sich weiter Radikal verändern. Technik dringt durch Kürzestromane, Prosaminiaturen und SMS-Romane weiter in unseren Alltag ein. Das gedruckte Buch aber bleibt.

Dass sich mit dem wachsenden Marktanteil des E-Books auch Lesegewohnheiten verändern werden, dem wird jeder zustimmen. Das heißt hingegen nicht, dass das gedruckte Buch als bewährtes Medium sterben wird. Im Gegenteil: bei zunehmender Digitalisierung wird es eher einen größeren Wert haben. Es ist fast schon eine Binsenweisheit, trotzdem besteht der größte Genuss, ein Buch zu lesen, darin, schön gedrucktes Papier zu lesen.

Der Roman als Genre hat überlebt

Als kleinerer Verlag ist es zur Zeit spannend, über die Idee “Ich mach jetzt mal ’n E-Book“ hinauszugehen. Zwei Dinge sind da besonders interessant: Zum einen hat sich der Roman als Genre irgendwie überlebt, weil sich das Prinzip, dass eine Einzelperson die Gegenwart auf dem Weg der Schrift mit Geschichten einfangen kann, erschöpft hat. Natürlich gibt es auch heute tolle Autoren, die Romane schreiben, zum Beispiel Foster Wallace oder Bolaño. Es wird immer Leute geben, die die Fähigkeit besitzen, als Einzelpersonen die Vielstimmigkeit der Welt einzufangen. Trotzdem wird es vermutlich früher oder später einen Sprung geben, durch den der Roman vielleicht nicht als tote Form abgelöst, aber doch ergänzt wird. Ich könnte mir vorstellen, dass an diese Stelle die wie auch immer geartete Community tritt, vielleicht befeuert von sozialen Netzwerken.

Daneben sind andere Medien interessant, um die reine Textebene auszubauen. Das fängt jetzt schon ein wenig an. Audio, Video, Text – diese drei Ebenen werden neue Formen schaffen, die auch die Form des Romans verändern. Da kann man immer noch tolle gedruckte Versionen machen, was wir auch mit Sicherheit weiterhin tun werden. Es wird aber auch kleine Pools geben, die mit einem Stoff etwas machen. Es könnten sich etwa ein Autor, ein Musiker und ein Videokünstler zusammentun, die aus einem Romanstoff eine interessante E-Book-Version schaffen, und der Roman wird neu lesbar sein. Das wird, stelle ich mir vor, eine ganz eigene Qualität bekommen und zum Beispiel über Konzeptalben einer Popband hinausgehen.

SMS-Roman als neuer japanischer Trend

Das andere ist, dass die kleinere Form interessanter werden wird, sprich, die Lesegewohnheiten werden sich in Richtung kleinere Zeiteinheiten, in denen auch ein literarischer Text gelesen wird, verändern. Ich kann mir vorstellen, dass die klassische Shortstory wieder mehr kommt. In Japan sind ja SMS-Romane sehr beliebt. Vermutlich wird es so etwas wie Kürzestromane geben, Prosaminiaturen, die man zwischen vier U-Bahnstationen lesen kann. Das wird dann eine umgekehrte Durchdringung sein: E-Books verändern nicht nur technisch das, was Literatur ist, sondern Literatur dringt über die technischen Möglichkeiten stärker in den Alltag ein.

Wir selbst fangen gerade ganz klein damit an, zum Beispiel haben wir in die E-Book-Version von Sebastian Horsleys “Dandy in der Unterwelt“ ein Video implantiert, in dem er das Vorwort zur deutschen Ausgabe liest. Man kann ihm in die Augen schauen, und der Autor selbst begrüßt den “German reader“. Das ist natürlich noch banal, aber eben ein kleiner Anfang.

Aus Blumenbar-Perspektive ist es zu begrüßen, dass das E-Book auch zu einer Art Bereinigung im gedruckten Bereich führt. Denn die Millionen Bücher, die jährlich in der Buchpresse landen und zu Dämmmaterial verarbeitet werden, werden nicht mehr gedruckt werden müssen. Und wenn man jetzt ein kleinerer Verlag ist, der jeden Titel so gut wie möglich versucht zu betreuen, dann wird der Stellenwert von ambitioniert gemachten Büchern größer werden. Ich kann mir vorstellen, dass das kurzlebige Trash-Taschenbuch vom Markt verschwinden wird.

Auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt übrigens schmolz das Thema E-Book sehr schnell zusammen, denn eine Messe ohne Bücher hätte – ein wenig pathetisch gesagt – auch keine Seele mehr. Eine Messe ohne Bücher mag man sich nicht vorstellen. Das Herzstück eines Verlages, meinem Verständnis nach, werden Bücher bleiben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Simon Rosenberg, Ansgar Warner, Ulrik Deichsel.

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