Die meisten Massenmörder sind merkwürdig. Mark Benecke

Götter und Eltern fressen ihre Kinder

Wir sitzen vor den Nachrichten, haben gerade unserem eigenen Kind „bloß einen Klaps“ gegeben und empören uns über die Barbarei in der Welt. Dabei sind wir ihre Wurzel. Und die Religion erteilt ihr Absolution.

Es geht beim Prügeln immer um Demütigung, um Erniedrigung und um die Lust, zu schlagen. Die Ungeheuerlichkeit, die Würde eines Menschen im Gesicht, aber nicht auf seinem Körper festzumachen, die der lächelnde Papst hier gelassen ausspricht, lässt mich sofort an Raif Badawi denken, der ja auch nicht ins Gesicht, aber auf den Rücken geschlagen wird – ist seine Würde damit gewahrt? Die mörderische Prügelstrafe in Saudi-Arabien ist gleichsam das letale Ende der patriarchal-religiösen Gewalt. Sie beginnt im Vatikan mit solchen Verteidigungen elterlichen Prügelns und endet in Nigeria, wenn sich eine Zehnjährige im Namen Boko Harams mit einem Bombengürtel in die Luft sprengt.

Schlüssel zur mangelnden Empathie, zu Sadismus und Verbrechen

Nein und nochmals Nein, komme mir keiner mit dem gefährlichen Unsinn, es ginge hier nur um einen Klaps oder gar „uns hat eine Tracht ja auch nicht geschadet!“ – aber leider bin ich mir sicher, die einmal Geprügelten werden sich hier melden und die Schläge, die sie in der Kindheit erhalten haben, rechtfertigen, damit sie selbst wiederum ihre Kinder schlagen dürfen – diese armen Sado-Masochisten –, denn die Schläge tun ihnen ja mehr weh als ihren Kindern … die aus lauter Liebe geschlagen werden. Es hat keinen Zweck, den Verteidigern der Gewalt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu kommen, mit den Traumata, die auch nur eine Tracht im Kind auslösen kann oder mit den nachweisbaren Hirnläsionen, die diese Grausamkeiten hinterlassen. Wer sein Kind schlagen will, glaubt sich im Recht des Stärkeren, er hat das Kind gemacht, er kann es auch vernichten! Wer sein Kind schlagen will, hat nichts anderes gelernt – und ist gewiss selbst so behandelt worden. Einmal Vater oder Mutter geworden, kann er/sie sich schadlos halten für die in der eigenen Kindheit erfahrenen Grausamkeiten und das auch noch elterliche Fürsorge und Liebe nennen.

Diese transgenerationelle Erziehungsmechanik ist seit mehr als dreißig Jahren in der Psychologie bekannt. Sie ist der Schlüssel zur mangelnden Empathie, zu Sadismus und Verbrechen. Nicht nur Alice Miller, auch Erwin Ringel, Lloyd de Mause, Jennifer Freyd, Philippe Ariés und viele andere haben zu diesen Erkenntnissen beigetragen, die nur zäh in gesellschaftliche Änderungen umgesetzt werden: Erst unter der Schröder-Regierung wurde die Prügelstrafe auch in der Familie endlich abgeschafft; zu Beginn des 21. Jahrhunderts! Und kaum 40 Staaten weltweit haben ähnliche Gesetze.

In Großbritannien debattierte man das Verbot elterlicher Prügel über Monate im Unterhaus, in den USA bieten Firmen aus den Südstaaten die verschiedensten Holz- und Gummiprügel im portofreien Versand für züchtigende Eltern an. Diesen Eltern gestatten die Gesetze einzelner Staaten, ihre Kinder aus „guten Gründen“ zu schlagen. Evangelikale Prügelsadisten vertreiben Anleitungen in Buchform zum gottgefälligen Züchtigen. Deutsche Behörden brauchten Jahre, um endlich gegen das systematische Prügeln von Kindern in der christlichen Gemeinschaft „Zwölf Stämme“ vorzugehen. Solche Beispiele ließen sich ad infinitum fortsetzen.

Eltern, die jammernd fragen – und ich bin mit vielen solcher Eltern zusammengeraten, „wie soll ich meine Kinder denn sonst strafen, disziplinieren, erziehen?“, erhalten auch noch Schützenhilfe von Jugendpsychiatern wie Michael Winterhoff oder sogenannten Erziehern wie Bernhard Bueb, die, wenn sie nicht gerade der Prügelei das Wort reden, so doch dem Gehorsam, der kindlichen Unterordnung, der Disziplin, dem Drill, der kühlen Elterlichkeit! Der Vatikan verteidigt die unsäglichen Papstworte ja auch als eine Bemerkung zur erzieherischen „Korrektur“ der Kinder. Und alle Eltern, die prügeln, abwerten, verspotten und niedermachen, geben im schwindsüchtigen Brustton der Überzeugung von sich, das geschähe nur zum Nutzen der Kinder und aus Liebe, damit sie lernten, sich in die Welt zu fügen. Erbärmlichere Lügen gibt es nicht – wer prügelt, seine Kinder beschimpft oder auch ohne körperliche Gewalt, seelische Grausamkeiten zufügt, macht es um seiner Selbst willen. Er agiert seine Frustrationen, seine Wut und seine eigene Lebensenttäuschung an den Kindern aus.

Das nennen wir dann die Dramen des Alltags

Zwei anscheinend harmlose Beispiele aus meiner „all“täglichen Beobachtung sollen das verdeutlichen: In einem engen Supermarktgang steht ein kleines Mädchen vor einem Regal mit Comicheften (die natürlich so platziert sind, dass Kinder stehen bleiben müssen). Leider versperrt mir das Mädchen so den Weg, dass ich mit meinem Einkaufswagen nicht an ihr vorbeikomme. Das Kind ist in sein Heft vertieft, wie ihr Vater daneben in ein Magazin. Es kann mich einfach nicht bemerken. Also bitte ich höflich (warum sollte ich mir bei einem Kind die Höflichkeit sparen?), vorbeifahren zu dürfen. Noch bevor das Kind überhaupt reagieren kann, Padautz, rollt der Vater mit einer Bewegung sein Magazin zusammen und haut damit der Tochter auf den Kopf: „Mach mal Platz und steh nicht im Weg rum!“ Ich habe mir nichts dabei vergeben, das Kind zu bitten, Platz zu machen. Hätte ich aber den Vater auf den Kopf geschlagen, wäre der zu Recht empört gewesen – warum darf man ein Kind so von oben herab behandeln, als wäre es lästig? Warum es als plumpes Hindernis erniedrigen – es wird nicht der erste und nicht der letzte „Klaps“ gewesen sein. Und alle „klapsen“ tief ein in das Selbstwertgefühl des Kindes.

Das andere Beispiel ist drastischer: In der Fußgängerzone schreit eine kaum 20 Jahre alte Mutter ihr höchstens zwei Jahre altes Kind im Sportwagen hockend mit sich hysterisch überschlagender Stimme an. Das Kind weint und kräht natürlich, es kann noch keine Worte artikulieren. Je mehr die Mutter krakeelt, desto mehr fürchtet es sich und schreit umso lauter und hilfloser. Die Passanten ziehen alle vorbei, viele schauen demonstrativ weg. Ich gehe dazwischen. Die Frau schreit mich an: „Das ist mein Kind, mit dem mache ich, was ich will!“, und sie WILL ausholen und ihren Besitz schlagen. Wieder schiebe ich mich zwischen Mutter und Kind – da krächzt die Frau auf, als hätte ich sie wie ein Vergewaltiger berührt, es ist ein Schrei des Zorns, dass sie da ein Fremder hindert, ihr Kind zu misshandeln; es ist ein Schrei der Angst, dass ihr vielleicht selbst etwas angetan werden könnte, obwohl ich keine entsprechende Geste gemacht habe. Sie hat Angst um sich, nicht um das Kind. Jetzt erst, da die Mutter schreit, wenden sich die Passanten der Szene zu.

Es braucht keine Fantasie, festzustellen, dass es hier um mehr geht als eine von ihrem weinenden Kind genervte Mutter. Diese überforderte junge Frau agierte an ihrem Kind einen tiefsitzenden Hass aus, der einmal auf sie abgeladen worden war. Sie war nicht nur nicht fähig, mit ihrem Kind umzugehen, sie konnte mit sich selbst nicht fertig werden. Ihr Kind aber wird lernen: Es darf nicht weinen, seinen Unmut nicht zeigen, seine Angst nicht offenbaren; Traurigkeit, Enttäuschung und Angst muss es in sich bewahren, bis daraus so viel Zorn und Wut erwächst, dass sich diese explosive Mischung entlädt. Am leichtesten, am praktikabelsten später, aufgespart, bevorzugt am eigenen Kind.

Das nennen wir dann die Dramen des Alltags, über die wir schulterzuckend hinweggehen. Wir sitzen vor den Nachrichten, haben gerade unserem eigenen Kind bloß einen Klaps gegeben und empören uns über die Barbarei von Paris. Wie könnten wir auch glauben, dass dieser „nicht demütigende“ Klaps zusammenhängt mit der Lust am Töten in den Redaktionsräumen einer Satirezeitschrift oder zwischen den Verkaufsregalen eines jüdischen Geschäftes? Wir trösten uns damit, die Morde seien nicht von richtigen Muslimen verübt worden und wundern uns, woher der Hass kommt? Ist der Papst Franziskus kein richtiger Christ, wenn er das Schlagen von Kindern gutheißt? Da ruft ein Imam in Berlin dazu auf, Frauen einzusperren und erlaubt ihre Vergewaltigung im Namen Allahs – ist der auch kein richtiger Muslim? Und Georg Ratzinger, der Bruder des Papstes, diese ästhetische Sängerseele, prügelt auf Regensburger Domspatzen ein, bis ihm vor Eifer das Gebiss aus dem Mund rutscht. Ist der auch kein richtiger Katholik? Aber ja doch, der Papst und die Ratzinger-Brüder sind katholisch und jeder Imam muslimisch. Ihre Religionen erlauben ihnen alles … was ihnen Recht ist!

Die Erbsünde ist das Vehikel zur lebenslangen Herrschaft

Ein bisschen schwanger gibt es nicht. Und genauso wenig gibt es nur bisschen würdevolles Schlagen oder Foltern oder Vergewaltigen, Köpfen oder Abfackeln. Die Religionen sind nicht die wirklichen Urheber der Gewalt, aber durch ihre Deutungshoheit legitimieren sie sie. Die Erfindung der Götter soll uns nicht nur die Welt erklären – was ja inzwischen die Wissenschaft und die Philosophie weil beweglich und diesseits viel besser können –, Religionen sind starr(sinnig) ewiglich und völlig immobil. Religionen erlauben wegen ihrer unhinterfragbaren Transzendenz jeden Unsinn, jede Grausamkeit, jede Brutalität. Und Unsinn – dazu gehört vor allem die nicht hinterfragbare Autorität der Clanchefs, der Eltern, des Klerus – Grausamkeit und Brutalität dienen immer dazu, die Untertanen, die nächste Generation auf Kurs zu bringen.

Die abrahamitischen Religionen sind der Hort der Kinderunterdrückung, ja sogar des Kindesmordes. Noch heute bringt man im staatlich gewollten Religionsunterricht den Kindern bei, der Gehorsamsakt Abrahams, der seinen Sohn ohne Murren auf Gottes Befehl hin zu ermorden bereit ist, sei eine Großtat. War ich der einzige Konfirmationsschüler, dem auffiel, dass hier ein mörderischer Vater als Wundermann, als Religionspatriarch gefeiert wurde? Jedenfalls erhielt ich auf meine Fragen in der Schule nur ausweichende Antworten und der Religionslehrer war froh, dass bald die Pausenklingel ertönte. Es muss doch auffallen, dass die abrahamitischen Religionen einen Kult ums Kinderschlachten und Kinderverstümmeln machen. Von Abrahams sogenanntem Opfer (wobei er nicht nur seinen Sohn, sondern vor allem seine eigene Urteilsfähigkeit, damit seinen aufrechten Gang und seine Liebe zum Kind opfert), über die Beschneidungsorgien im alten bis zum vollendeten Sohnesmord im Neuen Testament: Immer wieder erklären mir die Apologeten, ich verstünde das falsch – der Tod Jesu wolle uns alle erlösen. Erlösen? Von einer Schuld, die der Liebe Gott genauso erfunden hat wie die Erlösung? Ich will von so was nicht erlöst werden! Ich trage keine Erbsünde mit mir …

Die Erbsünde ist das Vehikel zur lebenslangen Herrschaft über die nächste Generation, die ein bisschen länger lebt als man selbst. Die Erfindung der Erbsünde ist eine elterliche Niedertracht, aus Neid geboren. Der angebliche Verlust des ewigen Lebens im Paradiese wird so auf die nächste Generation projiziert. Wenn ich schon sterben muss, dann will ich mich wenigstens bei meinem Kind so lebendig und allmächtig fühlen wie Gott. I can make you and I can break you. Da sind mir alle Mittel zur Beherrschung recht. Und das raffinierteste Mittel: einen Gott erfinden und auf ihn verweisen, dann darf ich prügeln, zwar nicht würdelos ins Gesicht, oder ich darf töten, zur höheren Ehre des Herrn.

Man erspare mir, die zahlreichen Stellen der Bibel aufzulisten, in denen der Herr zum Kinderprügeln, ja sogar zum Mord am eigenen Kind aufruft, um Kinder zu „korrigieren“, wie Franziskus und sein Vatikan sagen oder zu bestrafen – und sei es auch ultimativ letal. Die Bibel segnet das ab und die anderen heiligen Bücher auch. Es ist eben ein Vergnügen, Gott zu spielen und der Sadismus – der „göttliche Marquis hat es uns gelehrt“ – ist die ultimative göttliche Allmacht. Und wer an göttliche Allmacht glaubt, der darf mit Gott natürlich auch prügeln und töten. Deus lo vult!

Allmachts- und Gotteswahn im ganz großen Stil

Aber woher kommt dieses Hirngespinst der göttlichen Allmacht? Ich habe es hier schon einmal erläutert: es ist ein atavistisches elterliches Gefühl. Ich habe dich gemacht! Eltern empfinden ihre Kinder als ihren Besitz, als Organ ihres Körpers. Das Kind hat ein ähnliches Empfinden: es kann lange nicht zwischen der Mutter und sich unterscheiden. Diese anthropologische Notwendigkeit, die das Überleben des Kindes garantieren soll, dieses Gefühl elterlicher Allmacht und die Symbiose zwischen Kind und machtvoller Mutter ist der Urgrund der Illusion von Göttlichkeit.

Während andere Tierarten (jawohl, wir sind auch nur Primaten) ihre Kinder entlassen können, klammern sich menschliche Kinder und Eltern ihr Leben lang aneinander. Vielleicht sind diese anderen Arten dazu fähig, ihre Kinder als Erwachsene loszulassen, weil sie gerade nicht die Gewissheit ihres Todes fürchten und das Leben ihrer Kinder als Verlängerung des eigenen ansehen. Deshalb dressieren, zwingen, gängeln ERZIEHEN Eltern ihre Kinder, nicht um der Kinder willen, sondern um ihrer Selbst willen, wegen ihrer Todesfurcht und nennen das Liebe. Der Verweis auf den göttlichen Willen ist nur ein Zügelungsinstrument, um ja keinen eigenen Willen, keine eigene Lebensgestaltung aufkommen zu lassen. Und so schlagen Eltern ihre Kinder oder drangsalieren sie psychisch, nur damit sie „nicht vom rechten Weg abkommen“, der immer der Weg der Eltern sein soll; und die Kinder treiben das so fort und steigern es womöglich, um das Loch, das die Lüge hinterlassen hat, das alles geschähe aus Liebe, zu stopfen – aber vergeblich.

Kein Diktator oder Religionsführer, der als Kind nicht misshandelt worden ist und der später, einmal zur Macht gekommen, behauptet, all die Grausamkeiten, die er seinem Volk zumutet, geschähen aus Liebe. Das Volk, diese Kinderschar, die nicht erwachsen werden will, glaubt das – die Deutschen glaubten, dass ihr Führer sie liebte, alte Stalinisten glauben noch heute, dass Josef Wissarionowitsch sie liebte und die Nordkoreaner glauben, dass die Dreifaltigkeit von Opa, Papa und Sohnemann Kim sie liebt. Das ist der Allmachts- und Gotteswahn im ganz großen Stil.

Aber er fängt an in der Dyade Mutter-Kind. Weshalb beschweren sich die Mütter über machohafte Söhne, die so werden wie ihre Väter, da sie doch die Modelle der Abhängigkeit und Untertänigkeit, des Gehorsams und der Unterwerfung wiederholen und schon früh in ihre Kinder einpflanzen. Es ist zu kurz gegriffen, wenn wir über falsche Freunde klagen, die Jugendliche zu Kriminalität und Gewalttätigkeit anstiften; auch die Klagen über die fanatischen Imame, die junge Männer mit salafistischem Gedankengut vergiften, klingen in meinen Ohren wie Katzenmusik. Es sind ja auch nicht immer die sozial Depravierten, die auf kriminelle, rechte oder muslimische Rattenfänger hereinfallen. Denn was wird den jungen Menschen geboten: die Möglichkeit, sich zu rächen, zu herrschen, die Sadismen herauszulassen, die sie einmal selbst erleiden mussten.

Ist der Gekreuzigte nicht auch ein ausgelieferter Kinderkörper?

Religion bietet nur die Rechtfertigung. Die fruchtlosen Diskussionen über die Ursachen für die mörderische Attraktivität des IS verdrängen, was uns nicht behagt: endlich einmal wirklich Eltern, Herrschaft und Religion zu diskutieren. Mithilfe der Religion wird zurzeit im Nahen Osten von vor allem jungen Männern ein anerzogener, bisher unterdrückter Sadismus ausgelebt. Hier haben sie die Möglichkeit, endlich unbegrenzt auszuagieren, was ihnen einmal widerfahren ist.

Es gibt ein YouTube-Video, das ich aus guten Gründen nicht verlinke, in dem deutsche Salafisten während einer Autofahrt in den Wüsteneien des IS darüber flachsen, räsonieren und sich daran aufgeilen, wie großartig es wäre, jemandem den Kopf bei lebendigem Leibe abzuschneiden. Am besten, sagt einer, sogar mit einem stumpfen Messer. Ihr Insh Allah gibt ihnen nur die Sicherheit, dass ihr geiler Sadismus gerechtfertigt sei. Sie fühlen tiefinnerlich, über was für ein Verbrechen sie sich amüsieren, ganz ist ihnen damit die Menschlichkeit nicht abhandengekommen. Also bringen sie schnell Gott ins Spiel, dann ist das schlechte Gewissen verflogen.

Ein IS-Kämpfer macht letztendlich nichts anderes (und wird durch sein genauso empfindendes Umfeld auch noch darin bestärkt) als – sagen wir – Jürgen Bartsch gemacht hat. Der bekam schon als Kleinkind „Klapse zur Korrektur“, das steigerte sich zur Prügelei mit Kleiderbügel und Ochsenziemer, er wurde in die blutige Kälte des Schlachthauses seines Adoptivvaters geprügelt, als intelligentes Kind auf verschiedenen katholischen Internaten für dumm verkauft und mit gnadenloser Selbstverständlichkeit von Geistlichen missbraucht. Frei fühlte er sich am Ende nur, wenn er diese Grausamkeiten selbst ausüben und überhöhen konnte. Nicht der sexuelle Missbrauch kleiner Jungen war für ihn das Erregendste, sondern die Quälerei, der Schnitt mit dem Messer, das Ausweiden eines Kinderkörpers, so wie er selbst einmal der ausgelieferte Kinderkörper war.

Ist in diesem Sinne der Gekreuzigte nicht auch ein ausgelieferter Kinderkörper? Was Jürgen Bartsch angetrieben hat zum „Schlachten“, treibt die IS-Kämpfer an oder auch einen italienischen oder russischen Mafioso, der die Unterordnung, die er als Kind kennengelernt hat, im Erwachsenenleben weiter betreibt und sich im Begehen eines Verbrechens machtvoll fühlt. Ja, selbst die vermeintlichen Irrationalitäten von Politikern, nehmen wir Putin, sind gar nicht so irrational: Putin kehrt auch immer wieder in die eigene Kindheit zurück. Er selbst hat berichtet, wie grausam sie war, wie sehr bestimmt von Gewalt zu Hause und auf der Straße. Aber auf sein Mütterchen lässt Putin genauso wie der Papst nichts kommen – auch nicht auf sein Mütterchen Russland, dessen Zerfall, Korruption und politisches Chaos er nicht wahrnehmen will – er träumt wie so viele von der Vergangenheit, vom Früher, vom vermeintlichen Glanz der Geborgenheit im Elternhaus – sei es auch noch so grausam gewesen – oder vom Glanz der nationalistischen Zarenzeit im 19. Jahrhundert – und all das soll in die Zukunft verlängert werden. Seine Landes-Kinder werden gegängelt und unterdrückt wie er einst selbst.

Bin ich jetzt sehr weit weg gekommen von der schludrig hingeworfenen Anekdote des Papstes? Nein, ich denke nicht. Denn diese kleine Anekdote über die „Erziehung“ des Kindes repräsentiert die Haltung der katholischen Kirche. Die beiden anderen abrahamitischen Religionen denken da nicht anders – sie berufen sich ja alle auf das Unterwerfungsmodell Abrahams. Der ist bereit, Gott seinen Sohn zu opfern und ihn – so ist das interessanterweise in allen Darstellungen – auch noch bis zum letzten Moment sadistisch zu belügen und betrügen, indem er diesem Sohn die Hand über die Augen legt und ihn so unfähig macht, die Wahrheit der Grausamkeit zu erkennen.

Zügeln, Bestrafen, „Korrigieren“ und Beherrschen

Noch immer suchen wir die Ursachen für Gewalt in der Familie und in der Politik auf Nebenkriegsschauplätzen – natürlich liefern auch sozialer Abstieg und Armut Gründe. Aber sie sind nicht die wirklichen Ursachen. Die sind in den ganz frühen Beziehungen von Kindern und Eltern zu suchen, sie liefern Verhaltensmodelle fürs ganze Leben; aber davor verschließen wir die Augen, weshalb sonst hätte der Vatikan Alice Miller nie geantwortet?

Zurzeit meinen wir, bloß der Islam sei grausam – und verkennen, dass alle drei monotheistischen Religionen Erfindungen sind, um die anscheinende elterliche Allmacht und den daraus resultieren Sadismus zu transzendieren und zu rechtfertigen. Die angebliche Rückkehr der Religionen ist eigentlich die Rückkehr der barbarischen Grausamkeit in einer sich immer schneller entwickelnden Welt, in der sich viele Menschen nach behütender Elterlichkeit sehnen, auch um den Preis der Freiheit oder der körperlich-psychischen Unversehrtheit. Der aktuelle Fundamentalismus ist ein Ausdruck für diese Sehnsucht nach Unselbstständigkeit und dem erlösenden Ausagieren der einmal erlebten Grausamkeiten, die man anderen aufpressen will.

Die Psychoanalytikerin, Linguistin und Literaturtheoretikerin Julia Kristeva weist in ihrem jüngsten Buch „Dieses unglaubliche Bedürfnis zu glauben“ darauf hin, dass es ein Fehler ist, zu meinen, dass nur der Islam fundamentalistisch sei: „Der religiöse Fundamentalismus spart das Christentum selbstverständlich nicht aus, und diese Tendenz scheint heute in den Vereinigten Staaten, in einem bestimmten-neokonservativen Protestantismus, ziemlich ausgeprägt zu sein. Man kann sich aber die Frage stellen, ob nicht auch der Katholizismus (…) die Versuchung einer abwehrenden Identitätsverhärtung spürt: als würde das Überleben des katholischen Glaubens vom Dschihad abhängen und er müsse seine Authentizität auf einem Rückzug in die eigenen Konservatismen suchen. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht so weit bis zur ,Identifikation mit dem Aggressor‘ gehen wird!“

Leider hat Kristeva eines übersehen: Religion fordert geradezu die Identifikation mit dem Aggressor von ihren Gläubigen, so wie der seine Offiziere schlagende Soldatenkönig forderte: „Ihr sollt mich lieben, Kerls!“ Religionen fordern die Identifizierung der Gläubigen mit Gott ohne jeden Zweifel – eine Projektion elterlicher Wünsche ans Kind. In diesem Sinne transzendieren und sanktionieren Religionen die Grausamkeit und lenken davon ab, dass es immer, wie es jetzt dem Papst herausgerutscht ist, um das Zügeln, Bestrafen, „Korrigieren“ und Beherrschen des Kindes geht, das nicht eigenständig werden darf und das Leben der Eltern leben soll, weil die Angst vorm Tod haben.

Götter und Eltern fressen eben immer ihre Kinder.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Brosche: Liebet den Zellklumpen!

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