Bei der Energiewende jonglieren wir mit 25 Bällen gleichzeitig. Claudia Kemfert

Ein Horrorfilm

Was sieht man in diesem öffentlich-rechtlichen Film vor allem? Erwachsene, die über Kinder reden; reden, reden und sie ab und zu missbrauchen. Nein, Nein, so geht das nicht.

So sieht es aus, das Elend des deutschen Fernsehspiels – oder um den Blablabegriff der TV-Profis zu benutzen (und ich bin selber einer und schäme mich bald dafür): des Dokudramas!

Christoph Röhls pseudo-doku-mäßig sogar in der Odenwaldschule gedrehter Film „Die Auserwählten“ bringt den jahrzehntelangen Missbrauch in jener Vorzeige-Reformschule aufs übliche Niveau des deutschen Fernsehfilms à la Bergdoktor mit Rosamunde-Pilcher-Dramaturgie. Fehlte nur noch, dass Christine Neubauer oder Fritz Wepper mitspielten. Aber damit die Zuschauer merkten, dass es sich um ein ernstes Thema handelte, hatte man den Schauspielschwitzer Ulrich Tukur in der Rolle des missbrauchenden Leiters Gerold Becker engagiert. Stanislawski-Schwitzen hält man ja in Deutschland für eine schauspielerische Leistung…

An die Quote denken

Hach, da gibt es doch die schöne Anekdote, die Laurence Olivier zugeschrieben wird: Der Lord steht in Kostüm und Maske von Richard III. in der Bühnengasse und wartet, eine Zigarre rauchend, auf seinen nächsten Auftritt. So ein Schwitzschauspieler (Tucholsky – ihm verdanke ich diesen Begriff –, regte sich über diese transpirierend Agierenden auch so auf wie ich) tritt zum wartenden Star und jammert: „Sir, ich kann heute nicht auftreten, ich bin ganz verzweifelt, ich fühle meine Rolle nicht!“

„Junger Mann“, Olivier reicht dem Klagenden seine Zigarre, „halten Sie mal“, spricht’s, geht auf die Bühne, humpelt plötzlich wie für seinen Part angemessen, legt eine Szene hin, die sich gewaschen hat, kehrt zurück, greift sich seine Zigarre und sagt souverän: „Sehen Sie, so macht man das!“ Naja, aber ein Schauspieler von solcher Souveränität – der Schauspieler braucht nix zu fühlen, die Zuschauer sollen was fühlen und kapieren – hätte diesen Film wohl aus dem Gleichgewicht gebracht, darum nahm man Tukur. Die Dramaturgie sollte niemanden aus dem Gleichgewicht bringen, denn sie wird in öffentlich-rechtlichen Redaktionsstuben ausgetüftelt, deren Mitarbeiter an die Quote denken müssen.

Öffentlich-rechtliche Klischeevorgaben

Auftritt der tapfer-idealistischen Junglehrerin, die schnell durchschaut, dass es in der Musterschule keinesfalls musterhaft zugeht, dass dort die Knaben reihenweise sexuell missbraucht werden. Sie kämpft heldenhaft gegen sinistre Sexverbrecher und intrigante Betonköpfe, wird schließlich geschasst und erst Jahre später erfährt sie Genugtuung, als die Verbrechen (inzwischen verjährt) von den ehemaligen Opfern endlich öffentlich gemacht werden. Übrig bleibt aber nur bis zum Ende des Abspanns triste Ratlosigkeit.

So sieht es aus, das deutsche Fernsehspiel. Öffentlich-rechtliche Klischeevorgaben: bornierte Lehrerkollegen, karikaturenhafte Eltern, ein schleimiger Finstermann als Bösewicht. Alles aus der Erwachsenenperspektive erzählt.

Die wenigen authentischen Blicke der jungen Darsteller, die von Ulrich Tukur betatscht werden, versenden sich. So wie die Lehrer und Eltern ÜBER ihre Kinder in diesem Film reden, so ist der ganze Film ein Stück ÜBER Kinder. Ihr Leiden wird nur kurz mit Szenen dargestellt, die man zur Sendezeit um 20:15 Uhr bequem im Sessel mit Chips und Bier aushalten kann – denn für solche Filme sind ja auch die Unterhaltungsredaktionen verantwortlich.

Opfer spielen nur Nebenrolle

Was sieht man in diesem Film vor allem: Erwachsene, die über Kinder reden, reden, reden und sie ab und zu missbrauchen. Wieder wird NUR über das Versagen der Erwachsenen, der Eltern, der Institution geredet. Das wirkliche Grauen, das die Missbrauchten ein Leben lang mit sich herumtragen, heißt es leider so oft, sei nicht darstellbar… Was für eine billige Entschuldigung. Wann endlich geben auch Filmemacher die schäbig-verlogene Erwachsenenobjektivität auf? Hier wurde der „Fall Odenwaldschule“ auf dem Niveau der ominösen Kinderschutz-Organisationen verhandelt, die in Sachen Sexualerziehung für das Elternrecht plädieren.

Das ist doch keine Frage, dass in Sachen Odenwaldschule (wir wollen auf keinen Fall den kirchlichen Missbrauch vergessen, da ist es genauso) die Organisationen versagt haben, denen ihr Selbstbild wichtiger ist als das Leben der Kinder, die ihnen anvertraut werden. Ich sage: das Leben – denn Missbrauch, Missachtung, Qual, Autoritätsterror prägen das ganze Leben.

Dieses Versagen auch der Eltern ist zurecht Gegenstand von kriminologischen und soziologischen Untersuchungen. Das Versagen der Institutionen und der Eltern aber setzt sich immer weiter fort, solange die Opfer Verschiebemasse bleiben, wie man z.B. beim Runden Tisch oder bei den schäbigen Entschädigungsangeboten der katholischen Kirche feststellen musste.

Und auch in diesem Film spielten die Opfer nur Nebenrollen. Ach, wie konnte man sich schön gruseln als Ulrich Tukur als Internatsleiter einem Knaben das Knie streichelte oder ein anderer leicht korpulenter pädagogischer Kotzbrocken einen Schüler im Bully betatschte. Nä, wie ekelig, was für Sexmonster, nä Vatter?! Da mussten doch die Zuschauer glatt einen Asbach hinterherschütten. Na, Gottseidank, wir sind nicht so. Wenn so einer meiner Püppi was antäte, ich würde mich vergessen. Aber ist ja auch nur Fernsehen… Nach dem Film huschte Anne Will mit ihrer Betroffenheitsmiene auch noch ins Bild und wollte diskutieren. Nä komm‘ Vatter, das wird mir zu viel, schalt auf HEUTE um. Immer diese Pädophilen!

Ein Ensemble der Erschütterung

Vierzig Jahre lang hat Alice Miller in ihren Büchern über den psychischen und physischen Missbrauch wie er nahezu allen Kindern auch heute noch widerfährt (zumeist von den Eltern, die damit selbst erfahrenen Missbrauch weitergeben) gnadenlos berichtet und ihn genau beschrieben. Man hat ihr nicht geglaubt, ihr Überdramatisierung vorgeworfen. Miller schrieb keine Fiktion, sie beschrieb „nur“ das Leben.

Christoph Röhl hat bereits einen Film über die Odenwaldschule gedreht: einen Dokumentarfilm, in dem einzig die heute erwachsenen Männer, die im Verlauf von Jahrzehnten missbraucht wurden, von damals und von ihrem weiteren Leben erzählen. In „Und wir sind nicht die einzigen…“ kommen sie zu Wort, die einstigen Kinder, denen man das Leben zerstörte. Nur Gesichter wie Bühnen oder Leinwände, auf denen sich Grauen, Schmerz, Resignation und Verzweifelung spiegeln, ohne Klischees und den Fernsehspiel-Protagonistenwahn. Ein Ensemble der Erschütterung. Dieser Film wurde aber im deutschen Fernsehen nur zu mitternächtlicher Stunde gezeigt – nur für reife Erwachsene!

Der Regisseur meinte zurecht, dass sich mit einem fiktiven Spielfilm am frühen Abend gewiss ein größeres Publikum erreichen lässt. Aber er ist in die Falle der öffentlich-rechtlichen Dramaturgie geraten. Eine infantile Routine-Dramaturgie, die paradoxerweise immer die Erwachsenenperspektive einnimmt, die Geschichten erzählt mit Schuss- und Gegenschuss, manchmal mit gewagten Schärfeverlagerungen, wenn die Drehzeit reicht auch mit anständigem Licht (allerdings ohne Konzept) und natürlich mit Colourmatching in der Endfassung.

Gut gemeint

Christoph Röhl, der selbst einmal an der Odenwaldschule gearbeitet hat und die Verhältnisse kennt, hat es gut gemeint – und eigentlich ist er ja auch ein Kämpfer für die Opfer, das kann ihm keiner in Abrede stellen. Doch „Die Auserwählten“ (der Titel klingt ein wenig nach Thomas Mann und lockt auf falsche Spuren) besitzt sozusagen eine „Unterdramatisierung“. Der Film macht das Problem gefällig und am Mittwochabend konsumierbar. Dieser Film schmerzt nicht oder wenigstens nicht genug!

Verdammt noch mal, das macht mich wütend: Wann endlich wird eine so notwendig zu erzählende Geschichte vom Zerstören der Kindheit aus der gnadenlos subjektiven Perspektive des Kindes erzählt? Wann wagen Kameraleute und Regisseure (ich weiß, viele würden gerne, aber sie werden öffentlich-rechtlich gezügelt) endlich Bilder drehen, die so verstörend sind, wie das Erleben der Kinder, wenn sie missbraucht, missachtet, verprügelt, belogen werden, wenn sie sich niemandem anvertrauen können, wenn sie der Lüge bezichtigt werden und man sich über ihren Schmerz und ihre Schmerzen lustig macht?

Kinder, denen heiß und kalt wird

Das wären dann verstörende unter- oder überbelichtete Bilder – egal –, augenschmerzende Reißschwenks, da hätte die sonst trendmäßig eingesetzte Wackelkamera endlich ihre Wirkung, es wären finstere, abgerissene Bilder, auf der Tonspur herrschte schäbiges Auslachen, würde das Keifen überforderter Mütter und das geile Lallen und Schnaufen vögelnder Väter zu hören sein, das Geseiere von Sozialarbeitern und der Zynismus von Juristen oder die Beterei frömmelnder Christen.

Es gäbe keine bekannten Schauspieler, die sich eitel in ihre Rollen schwitzen, sondern vor Angst schwitzende Kinder zu sehen, denen heiß und kalt wird, die aus toten Augen starren; Kinder, die dressiert sind bis zur Gefühllosigkeit oder gewalttätig werden weil sie ihr Innerstes nach außen kehren oder resignierte Abziehbilder sind ihrer Eltern, Lehrer oder Pfarrer. Nicht-Mehr-Kinder also…

So ein Film, dreckig, rauh, kratzend in Auge und Ohr, der sich auf Brust und Hirn drückte, der wirklich wehtäte, würde leider keinen Sendeplatz um 20:15 Uhr kriegen. Vielleicht beim Kleinen Fernsehspiel im ZDF nach Mitternacht aber mit dem Einblendung: „…ist nicht für Jugendliche geeignet!“

Das wäre nämlich ein richtiger Horrorfilm und kein deutsches Fernsehspiel mehr.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Wolfgang Brosche: Liebet den Zellklumpen!

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