Es gab Zeiten, da gab es ein Recht auf Vergessen. Da hat man, als Schluss war, den Packen Liebesbriefe genommen, und dramatisch in Flammen aufgehen lassen – und dann ward nie wieder gelesen, was einst zwei Herzen schrieben. So ein Recht auf Vergessen fordert nun die EU-Kommissarin Viviane Reding. Nur eben für online. Was man einmal gelöscht hat, soll auch verloschen bleiben. Auch bei Facebook.
Das ist bis jetzt ein frommer Wunsch angesichts der Ankündigung des Unternehmens, die Nutzerkonten auf Chroniken umzustellen, bei denen alles abrufbar ist, was man längst vergessen gewähnt hat. Wo ist das Problem?, fragen meine Nerdfreunde jetzt genervt. Wer sich anmeldet, weiß doch, worauf er sich einlässt.
Wirklich? Einerseits wird Transparenz im Netz gefordert. Andererseits sind die Funktionen hinter vielen Online-Angeboten alles andere als transparent. Es gibt neben dem berühmten Kleingedruckten im Geschäftsbetrieb Grundsätze wie „Treue und Glauben“. Also eine Art Common-sense-Vereinbarung, auf die sich jeder verlassen können muss. Nur im Internet darf das offenbar anders sein. Da muss man klicken, bis der Arzt kommt, muss dauernd auf dem neuesten Stand sein, muss eigentlich einen Bachelor in Onlineverhalten haben – um keine Fehler zu machen, die man dann nicht mehr beheben kann und lange bereut. Es gibt Menschen, die nicht professionelle Onliner sind – und trotzdem soziale Netzwerke nutzen.
Auch sie müssen ein Recht darauf haben, sich verlassen zu können. Und nein, das meint nicht ein Recht auf Dummheit im Umgang mit Online-Angeboten. Facebook in Sachen Datenschutz zu vertrauen, das ist im Moment so, als steige man in ein Flugzeug, von dem man nicht weiß, wo es landet.
Wer nachfragen will, hat’s schwer
Aber was steht hinter der Facebook-Idee? Was hinter den Google-Plänen? Sind das wirklich wohlmeinende Nerds mit einer prophetischen Gesellschaftsvision? Oder geht es einfach um die Chance auf Milliarden an Werbedollar?
Wer nachfragen will, hat’s schwer. Wir wollen Facebook in die Sendung am Mittwoch einladen. Doch das ist nicht so leicht. Die Pressesprecherin: im Netz versteckt. Und das bei einer Firma, die in diesem Land geschätzt 20 Millionen Kunden hat. Wir recherchieren eine Frau in Hamburg. Sie geht nicht ans Telefon, antwortet immerhin auf SMS. Zur Sendung kommt sie nicht.
Bleiben die Fragen. Warum ist es dem Nutzer nicht möglich, Daten bei Facebook endgültig zu löschen?
Bleiben die User. Wenn der Bundestag die Vorratsdatenspeicherung diskutiert, empört sich das Netz. Wenn Facebook und Google sich datenkrakenhaft verhalten, wird das mit einem Schulterzucken geduldet. Ist das konsistent?
Bleiben die Datenschützer, die gleich einsamen Rufern in der Wüste vor dem ungenierten Datensammeln warnen. Ungehört von Politikern, die wahrscheinlich das Problem gar nicht verstehen, weil sie das Geschäftsmodell gar nicht verstehen, weil sie wahrscheinlich noch nie auf Facebook waren.
Wir brauchen einen Konsens über die Zukunft der Privatheit
Es ist ja auch nervig. Da sind diese millionenschweren IT-Wunderkinder in T-Shirt und Adiletten, die man am liebsten in Potsdam-Mittelmark vor sich hin nerden sehen will statt in Kalifornien. Da möchte man sich die Magie des Zuckerberg nicht mit spießigen Datenschutznölern vermiesen lassen.
Am Ende brauchen wir wohl einen gesellschaftlichen Konsens über die Zukunft der Privatheit. Was war da noch los, als Horst Herold in den 70ern die Rasterfahndung propagierte! Heute rastert jeder paarungswillige Großstädter routinemäßig den neuesten Flirt. Kein zweites Date ohne Google-Check der Zielperson.
Ich warte auf die nächste Stufe. Die Chronik der Welt. In der Zuckerberg auch gelöschte Profile wieder vollständig online stellt – „weil es toll ist, zu wissen, welchen Fußabdruck Du auf diesem Planeten hinterlassen hast“.
log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: „Social media your life – gefährlich oder gefällt mir?“ Im Livestream unter login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo. Leserbriefe von The European können in der Sendung aufgegriffen und diskutiert werden.

















Dieser Text ist, wie so viele derselben Art, vor allem durch diffuse Ängste vor einer unklaren Bedrohung durchzogen. Es wäre schon interessant etwas konkretere Gefahren aufzuzeigen, am besten mit echten Beispielen, bei denen das “nicht vergessen” eine entscheidende Rolle gespielt hat. Und bei dem es sich nicht um Einzelschicksale handelt, denn an diesen können und dürfen wir nicht Gesetzgebung und Regeln für ganze Gesellschaften festlegen. Worin genau liegt jetzt die Bedrohung wenn Facebook Statusupdates für meinen autorisierten Freundeskreis in chronologischer Abfolge einsehbar sind? Sie sind übrigens auch weiterhin löschbar (okay, man kann sie aus dem für Nutzer zugänglichen Bereich Facebooks entfernen also quasi-gelöscht), sogar besser als früher, denn nun habe auch ich die Übersicht, was ich vor 7 Monaten auf Facebook schrieb. Es wäre sinnvoll diese Diskussion mehr auf einer sachlichen Ebene zu führen. Man könnte zum Beispiel fragen, welche Standardeinstellungen ein solches Netzwerk bieten sollte. Oder aber, gänzlich undeutsch und total verrückt: Welche Chancen bietet uns eigentlich all dies? Müssen wir vielleicht einfach weniger Angst haben oder sollten wir uns mehr konstruktiv damit auseinander setzen? Und: werden die Menschen nicht mit der Zeit selbst entscheiden, ob sie bei Netzwerken aktiv sein wollen von denen sie den Eindruck haben, dass der Umgang mit Daten nicht ihren Vorstellungen entspricht? Der Ruf nach dem Staat in einer globalisierten Internet-Welt ist hier eben nur begrenzt hilfreich.
Die Frage wie man nun gegen eine Vorratsdatenspeicherung sein aber gleichzeitig Facebook eher unkritisch betrachten könne ist doch recht einfach zu beantworten. Auf der einen Seite handelt es sich um die verdachtslose und zwangsweise Anhäufung von (Verbindungs)Daten aller Bürger eines Staates durch denselben – und damit Judikative und Exekutive – zum Zwecke der möglichen Strafverfolgung. Auf der anderen Seite geht es um eine Firma mit einem kostenlosen Angebot, welche durch die (freiwillig eingegebenen und somit beliebig konkreten) Datenmengen möglichst genaues Werbetargeting erreichen möchte. Werbetargeting bedeutet übrigens keineswegs den Verkauf der Daten an Dritte. Es handelt sich dabei nämlich um die Kernressource von Unternehmen wie Facebook. Diese wird selbstverständlich nicht einfach verkauft sondern über Abstraktionsebenen nutzbar gemacht – Tageting auf der Plattform eben. Wenn der Autor hier zwischen VDS und Facebook keinen fundamentalen Unterschied zu erkennen vermag, dann ist die Diskussion darüber natürlich auch hinfällig.
Fff
Letzendlich ist es in der Tat eine “freiwillige” Überwachung in die man sich gibt – im Gegensatz zur Vorratsdatenspeicherung und ähnlichen Dingen – von denen die meisten hier den gleichen Kenntnisstand haben wie von den Datenschutzrichtlinien bei Facebook.
Ich bin Facebookverweiger, und werde aus auch bleiben. Ich habe meinen Partner ohne Facebook gefunden, meinen Job ebenso. Allerdings hat sich letztens eine Frau für die Wohnung meiner Schwiegermutter beworben – die nach einem kleinen Check ihres öffentlich zugänglichen Facebookprofils nicht mal eine Antwort bekommen hat. Erspart uns zumindest die Zeit, denn wir mußten sie ja nicht kennenlernen (die Entscheidung wäre dann sicherlich ähnlich ausgefallen).
Es wird nur problematisch, wenn man durch die Mehrheit gezwungen wird Facebookler zu werden, weil man sonst keine Aussicht auf Partner/Job/Wohnung bekommt – weil eben alle da mitziehen. Und vor allem auch diejenigen, die sonst gegen Facebook wettern nutzen das System. Letztens auf einer Party lernte ich jemanden kennen, den ich gerne wiedersehen wollte – erste Frage: Wie ist denn Dein Facebookname? – hab keinen! – wie? – ja, aber du kannst mir gerne deine nummer geben…
Anyway. Facebook, Google etc sind längst existent und mit Millardenumsätzen ein gewichtiger Teil der Wirtschaft. Der einzige Weg damit umzugehen ist die Schaffung von Medienkompetenz, im Umgang mit solchen Netzwerken und vor allem zur Entscheidung OB man sich denn da anmelden will. Und wenn die bekannten Informationen zum Datenschutz der Anbieter nebulös oder gar falsch sind – wie schon oft diskutiert, dann ist es meine Entscheidung mich dort anzumelden oder nicht.