Im Jahre 2002 bezeichnete The Economist Deutschland als “sick man of Europe” und meinte damit vor allem den unflexiblen Arbeitsmarkt, der Wachstumschancen verhinderte. Die überfälligen Strukturreformen am Arbeitsmarkt wurden mit den Hartz-Reformen in Angriff genommen. Der Sachverständigenrat resümiert, dass “am Arbeitsmarkt nicht nur eine zyklische Erholung zu beobachten ist, sondern dass die Flexibilität und die Dynamik am Arbeitsmarkt zugenommen haben”.
Bisher ist noch kein überzeugendes Gesamtbild der Logik des aktuellen Strukturwandels der Arbeit entstanden. Der Wandel ist sehr komplex und unübersichtlich, was schon allein aus den zahlreichen Schlagworten ersichtlich wird: Globalisierung, Deregulierung von Arbeitszeiten, systemische Rationalisierung, posttayloristische Betriebskonzepte, Business Reengineering, Wertewandel, Corporate Culture u. v. a. m. Technischer Fortschritt, Globalisierung und neue Formen der Erwerbsarbeit werden den Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren weiter verändern. Erwerbsbevölkerung, Unternehmen und Politik müssen sich an diese Veränderungen anpassen. Die Zeitarbeit kann dabei eine wichtige Rolle spielen, wenn die Spielregeln fair sind und auf eine breite gesellschaftspolitische Akzeptanz stoßen.
Besonders die FDP ist gut beraten, ihren ideologischen Widerstand endlich aufzugeben
Die aktuellen Diskussionen zeigen, dass hier noch erhebliche Defizite bestehen. Auch die Politik muss sich vorhalten lassen, zu wenig auf Fairness geachtet zu haben. Dubiose Gefälligkeitsbillighaustarife in der Branche wurden lange ebenso hingenommen wie die Organisation von Drehtüreffekten im Konzernverleih. Besonders die FDP ist gut beraten, ihren ideologischen Widerstand gegen einen tarifierten Mindestlohn in der Zeitarbeit endlich aufzugeben. Im Hinblick auf die Herstellung der vollen EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit ab Mai 2011 muss zur Vermeidung von sozialen Verwerfungen die Zeitarbeitsbranche schnell in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz aufgenommen werden. Denn immer wenn die “Schutzzäune” löchrig sind, darf man sich über das Eindringen von schwarzen Schafen nicht wundern.
Ein wesentlicher Bestandteil der Imageverbesserung wäre auch ein umfassendes Weiterqualifizierungsprogramm für die Personaldienstleister, zumal die Versäumnisse auf diesem Gebiet bei akut drohendem Fachkräfteengpass direkt in eine Nachfragesackgasse führen.
Zeitarbeit ermöglicht Arbeitssuchenden den direkten Einstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung
Vor allem sind diese Reformmaßnahmen auch erforderlich, um keinen begründeten Widerstand gegen die Branche aufkommen zu lassen und eine Rückkehr zu stärkerer Regulierung der Zeitarbeit zu vermeiden. Andererseits ist den “Verbotsfanatikern” bzw. “Totalregulierern” vorzuhalten, dass es unsinnig ist, einem tropfenden Wasserhahn mit Zuschweißen zu begegnen.
Unstrittig ist: Zeitarbeit ermöglicht Arbeitssuchenden den direkten Einstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Dies ist besonders bedeutsam für sogenannte Risikogruppen des Arbeitsmarktes, die unter Zeitarbeitnehmern überdurchschnittlich häufig vertreten sind. Wer bietet diesen Menschen, insbesondere auch überdurchschnittlich vielen mit Migrationshintergrund, denn sonst noch eine faire Chance zur Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt?
Auf mittlere Sicht ist zu erwarten, dass es zumindest bei längeren Kundeneinsätzen im qualifizierten Bereich zu vergleichbaren Zeitarbeits-Tariflöhnen wie die der jeweiligen Stammbelegschaften kommen wird. Umso wichtiger werden die übrigen Stärken der Branche wie Flexibilität, Passgenauigkeit, Erprobung, Qualifikation und Motivation der von ihr überlassenen Arbeitskräfte sein.
















Lieber Herr Stolz!
Gerade eben habe ich aus einem Bericht gelesen das der Personaldienstleister ,,headway logistic" seinen Mitarbeitern, die in der Verteilungszentrale von LIDL und NETTO eine Vollzeitstelle hatten einen fullminanten Monatslohn von 380€ zahlte.Der Bonus von 0,75€ die Std. wurde bei einem Krankheitstag für den ganzen Monat gestrichen.Solche Fälle sind nur die Spitze des Eisberges.Reden wir doch mal so richtig offen.Was bringt einem die Leiharbeit? Ein niedriges Einkommen und soziale Unsicherheit.Das Recht auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall besteht zwar, wird aber durch die folgende Kündigung unwirksam.Ebenso besteht ein Anspruch auf bezahlten Urlaub, den aber keiner nimmt, weil es andernfalls seine Stelle verliert.Weder ein Mindestlohn oder sonst irgendetwas ersetzen einen sicheren Arbeitsplatz.Wenn es in meiner Firma personell eng wird, greife ich auf Selbständige zurück. Die sind teurer, aber darum auch hoch motiviert.Leiharbeit führt unweigerlich zu Lohndummping und damit in die Armut der Beschäftigten. Das beginnt bei niedrigerem Lohn und endet bedingt durch niedrigere Beisätze zur Rentenkasse in der Altersarmut für die dann die Allgemeinheit wieder zur Kasse gebeten wird.Das ist das Geld das sich der Leiher spart, auf kosten späterer Generationen. Leiharbeit ist weder flexibel noch sozialstaatlich vertretbar weil der Staat später für die Folgen aufkommen muss. Zudem führt diese Art von Arbeit dazu, das bedingt durch ein Leben hart an der Grenze zur Armut a.) Anschaffungen zu Risikoreich, b.) ein Leben nicht mehr planbar wird. Das heist Ehe, Familie, das Häuschen flallen weg, weil man nicht weis was Morgen ist.Die selbigen Argumente gellten auch für die sogenannten Aufstocker. Wenn so die Arbeit der Zukunft aussieht, ist der Grundstein zum Ruin der Wirtschaftsmacht Deutschland schon gesetzt.
Lieber Herr Kohl,
mir scheint es, als wenn Sie den Artikel von Herrn Stolz nicht wirklich durchgelesen haben und stattdessen nur auf die klassische, pauschale “Zeitarbeit”-Prügel verweisen.
Wir alle wissen, wie viel Mißbrauch in der Zeitarbeit getätigt wird. Den Unterschied zu vielen Mittelständischen und kleinen Unternehmen in diesem Hinblick sehe ich aber aus eigener Erfahrung nicht.
Viele Unternehmen, egal ob Zeitarbeit oder “normale” Firmen, versuchen Mitarbeiter auszunutzen. Dies ist alles ganz deutlich zu kritisieren und dagegen muss auch ein Staat vorgehen.
Aber wir haben nun einmal durch die Hartz Gesetze endlich Regelungen, die die Zeitarbeit verpflichten würden, fair und gut zu arbeiten. Leider ist ein Teil des Gesetzes aber als Schlupfloch von den schwarzen Schafen genutzt worden (Tarifwerk zwischen christlichen Gewerkschaften und dem Zeitarbeitsverband AMP). Dieser Missstand müsste von der Politik behoben werden, aber hier sträubt sich vor allen Dingen die FDP vor einer Aufnahme der Zeitarbeit ins Entsendegesetz.
Zeitarbeit hat das Potenzial zu einem sehr guten, effizienten und menschlichen Instrument auf dem Arbeitsmarkt zu werden. Junge Menschen finden schnell einen Einstieg in den Arbeitsmarkt, erhalten viele Möglichkeiten Unternehmen kennen zu lernen (und nicht durch Praktika). Menschen mit Beschäftigungshemmnisssen wird eine Möglichkeit gegeben, den Arbeitgebern das Risiko in den ersten Monaten zu nehmen. Ältere Arbeitnehmer können ebenfalls länger in Beschäftigung bleiben.
Uns müssen dafür aber viele Wahrheiten auf dem Arbeitsmarkt klar gemacht werden:
Jeder Arbeitgeber versucht die Risiken einer Beschäftigung so gering wie möglich zu halten. Dadurch würden viele sehr junge und viele ältere Arbeitssuchende überhaupt nicht mehr in die Auswahl kommen.
Es gibt Menschen, für die es schwer ist, kontinuierlich einen Job zu erfüllen. Dieser Anteil wird eher größer als kleiner. Die Kosten hierfür sollten nur in Ausnahmefällen vom Staat aufgefangen werden müssen. Und das heißt auch, dass ein Kombilohn mit 100 Euro extra auf den Lohn vom Staat besser sind, als 700 Euro direkt vom Staat.
Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt ist einfach (und da können wir noch so lange über die Globalisierung diskutieren) ein absolutes Muss in der heutigen Zeit.
Der Anteil an Menschen, die voll Beschäftigungsfähig sind (also im Alter von 25 – 45) sollte in der Zeitarbeit so gering wie möglich gehalten werden.
Sie sollten nicht den Fehler machen und auf eine Branche schimpfen, durch die viele schwierige Biographien wieder in konstante, sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse gelangen. Und da ist die Zeitarbeit schlichtweg spitze. Aus meinen Erfahrungen hat die gesamte Branche der Zeitarbeit in den letzten 10 Jahren mehr für die Integration von ausländischen Mitbürgern, mehr für die Integration älterer Arbeitssuchender und mehr für die Reintegration von Frauen nach der Erziehungsphase, getan, als jede Gewerkschaft. Denn dafür helfen keine Demos sondern einfach nur Taten und an denen sind unternehmerisch denkende Zeitarbeitsunternehmer mehr interessiert als ein Gewerkschaftsfunktionär.
Viele Grüße
BR
@Boris Radke.
Der Traum eines JEDEN Unternehmers ist doch der, das er mit einem kleinen Kader und einem Grossteil mit Personal aus der Leiharbeit arbeiten kann.Weg mit dem Risiko von der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, dem Kündigungsschutz, dem bezahlten Urlaub. Leiharbeit ist da für ihn die Ideallösung. Sie ist aber nicht die Ideallösung für den Arbeiter und für den Staat erst recht nicht. Setzt sich die Leiharbeit durch, steigen die Sozialausgaben ins unbezahlbare oder wollen sie in schlechten Zeiten die Leute verhungern lassen und auf die Strasse setzen weil die Miete und Nebenkosten nicht mehr bezahlbar sind. Da werden in einer Krise wie der Letzten die Zahl der Transferempfänger schnell mal über die 10 Millionen hinausschiessen. Das alles nur um das unternehmerische Risiko zu minimierem und die Gewinne zu maximieren.Ich finde es nicht in Ordnung, das Verluste der Unternehmen auf die Allgemeinheit verteilt werden, den Gewinn aber nicht.Angesichts der horrenden Subventionen und Steuervorteile die gerade die Exportwirtschaft in Deutschland erhält kann man, nein muss man sagen, das es dieser Wirtschaftszweig es geschaft hat sich dem Fiskus und damit der Allgemeinheit total zu Entziehen und als Dank dafür kann er sich zusätzlich noch aus der Steuerkasse bedienen.In meinen Augen haben wir Leiharbeit nicht nötig. Die Ich-AG wie es sie mal gab war da weit besser. Nur wollte die Wirtschaft die nötige Preise zum Überleben nicht zahlen.
Lieber Herr Kohl,
Ich bezweifle sehr, dass dies der Wunsch eines JEDEN Unternehmers ist. Die Unternehmer, die Deutschland zu dem wichtigen Wirtschaftsstandort nach dem 2. Weltkrieg gemacht haben, wollten auch immer Wohltäter und Vater- bzw. Mutterfiguren sein. Leider hat sich in den letzten Jahrzehnten die Unternehmerkultur in Deutschland verändert. Daran hat aber leider auch zu einem großen Teil die Gesetzgung im Arbeits- und Steuerrecht schuld und nicht nur die Raffgier von Managern.
Für viele Unternehmen sind Leihkräfte immer noch sehr viel teurer als eigene Kräfte somit würden sie mit guter Organisation nur in Spitzenzeiten mit Leiharbeit in Berührung treten.
Die Problematik der ungelernten Kräfte in der deutschen Industrie ist eine spezielle. Uns muss allen bewusst sein, dass 90% der Unternehmen Helfer nur beschäftigen aus Imagegründen. Jedes Unternehmen könnte einen Großteil der Helfertätigkeiten locker rationalisieren und maschinell ersetzen oder der beliebtere Weg im Moment: outsourcen. Die Arbeitsplätze in diesem Bereich sind Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen und nur Goodies für das Standing bei Kommunal- oder Landespolitikern um in deren Wahlkreisen einen guten Eindruck zu schinden in Sachen Arbeitsplatzsicherheit. Natürlich wollen die Unternehmen diese Risiken größtmöglich minimieren und in einer Welt in der eben auch der Helfer nach ein paar Jahren einfach mal sagt: Jetzt muss die Firma etwas für mich tun!, und über Betriebsräte fast schon unkündbar wird. Ich will damit aber nur klar machen, dass es nicht per se immer die bösen Unternehmer sind und die bösen Firmen, die die Menschen so schlecht behandeln.
Ich kenne genug Unternehmer, die mit ihrem “guten Herzen” direkt in die Insolvenz gejagt sind. Leider eben auch genügend Unternehmen, in denen Mitarbeiter wie Häftlinge behandelt werden und die sich ein Haus auf Mallorca nach 2 Jahren leisten können und ihren Laden nach 15 Jahren für ein paar Mille verkaufen.
In bestimmten Wirtschaftszweigen werden Zeitarbeitsfirmen zu den Gewerkschaften des 21. Jahrhunderts. Gewerkschaften haben schon seit langem den Blick auf den Mitarbeiter, den Unternehmer und die Gesellschaft verloren. Aufgrund des Fachkräftemangels und der Angst vieler Unternehmer vor festen Beschäftigten werden die guten Zeitarbeitsfirmen eigene Teams aufbauen, die Projekte abarbeiten und in der Regel weit über tariflich bezahlt sind. Wenn ein Unternehmen diese Teams nicht “gut behandelt” geht die Zeitarbeitsfirma mit diesen Kräften einfach zu einer anderen Firma. Es gibt einen Bereich der Wirtschaft, der dies sehr gut vormacht: Wirtschaftsberatungen. KPMG, ErnstYoung, PWC, etc. sind Zeitarbeitsfirmen…aber mit guter Bezahlung. Die Teams arbeiten dort in Firmen, ersetzen vielfach unwirtschaftlich arbeitende Abteilungen und bleiben nur so lange, wie der Kunde sie braucht. Danach geht’s zum nächsten Einsatz (Mandat).
In den meisten Regionen in DEutschland kann es sich kaum eine Zeitarbeitsfirma leisten, Mitarbeiter schlecht zu bezahlen oder zu behandeln. Dafür gibt es schlichtweg zu wenig Alternativen. Finden sie mal eine arbeitslose Krankenschwester in Westdeutschland! Finden sie mal einen arbeitslosen Ingenieur in Süddeutschland!
Ich stimme ihnen aber in folgenden Punkten gerne zu:
Zeitarbeit muss die Ausnahme bleiben.
Die Mitarbeiter haben anrecht auf eine gute Bezahlung und ausreichenden sozialen Schutz.
Der Staat muss einfache Vorkehrungen treffen, um Unternehmen daran zu hindern Risiken auf Kosten des Steuerzahlers zu verlagern.
Viele Grüße
BR