Keine Macht der Welt kann Menschenwürde und Freiheit auf Dauer stoppen. Hans-Dietrich Genscher

Die Qual der Wahl

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil nicht genügend Organe gespendet werden. Wir müssen deshalb damit beginnen, Bürger um ihre individuelle Entscheidung zu bitten, und ihren Ängsten adäquat begegnen. Dann muss in Zukunft hoffentlich niemand mehr einen solch sinnlosen Tod sterben.

Mit der Bereitschaft für Organspenden kann jeder für seine Mitmenschen neue Lebens- und Heilungschancen schaffen. Das Ende der eigenen Existenz wird damit zu einem Neuanfang für andere. Die Organspende ist auch ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe ein Zeichen der Solidarität. Man gibt etwas für einen anderen. Entscheidungen für Organspenden machen unsere Gesellschaft damit auch ein Stück menschlicher und wärmer. Sie zeigen, dass unserer Gesellschaft nicht nur genommen, sondern auch gegeben wird.

Seit einiger Zeit gibt es eine Diskussion, wie wir zu mehr Spenderorganen kommen können. In Deutschland wird die sogenannte Einverständnislösung praktiziert. Sie beruht auf dem Gedanken, dass der Spender vor einer Organentnahme stets sein Einverständnis abgegeben haben muss. An diesen Grundgedanken muss weiter festgehalten werden, gleichzeitig ist er jedoch weiterzuentwickeln.

Entscheiden Sie sich jetzt!

Manche denken bei uns sogar an die Einführung einer sogenannten Widerspruchslösung. Sie wird auch in einigen europäischen Ländern praktiziert. Ich lehne diesen Weg ab. Der Staat darf die Bürger nicht durch Gesetz zunächst zu einer Organspende zwingen, von der sich diese nur durch einen Widerspruch lösen können. Der Staat darf in dieser hoch sensiblen und höchst persönlichen Frage niemanden zwingen oder drängen.

Der Staat kann aber den Bürger sehr wohl zu einer Entscheidung für oder gegen Organspende auffordern. Das ist ein großer Unterschied zur Widerspruchslösung. Diese Entscheidungslösung sieht vor, dass jeder Mensch einmal in seinem Leben, möglichst in jungen Jahren, mit der Frage der Organspende konfrontiert wird. Der Staat bittet den Bürger, Stellung zu beziehen. Das kann beim Erwerb des Führerscheins geschehen oder auch bei der Ausstellung von Pass oder Personalausweis. Über die Einzelheiten kann und muss man noch reden. Zentral ist für mich: Die Entscheidung muss freiwillig bleiben.

Ich weiß, dass es bei dem Thema große Ängste und Vorbehalte in der Bevölkerung gibt. Diese sind aber unbegründet. Es kursieren zahlreiche Vorurteile. Die Sorge etwa, man bekäme weniger Hilfe, um zu überleben, wenn man Organspender sei, ist nicht zutreffend. Solche und ähnliche Ängste kommen teilweise daher, weil unsere Gesellschaft große Schwierigkeiten hat, sich mit dem Tod und mit allen damit zusammenhängenden Fragen zu befassen. Aber der Tod gehört nun einmal unabänderlich zum menschlichen Leben. Und für den Fall des eigenen Todes sollte man so viel wie möglich geregelt haben.

Organspende ist immer eine Gewissensentscheidung

Wenn nicht entschieden wird, müssen die Angehörigen die Entscheidung fällen. Es ist für Angehörige, die sich ohnehin in so einer an sich schon belastenden Situation befinden, mitunter sehr schwierig, herauszufinden, was wohl der Wille des Verstorbenen gewesen wäre.

Wichtig ist, dass die Bürger noch besser und breiter über Organspenden informiert werden. Organisationen wie Pro Organspende leisten hier schon Großartiges. Um die Zahl der Organspenden zu steigern, sollten wir auch versuchen, die Ärzte stärker als bisher in die Aufklärung miteinzubeziehen.

Im Deutschen Bundestag wird es darum gehen, das Transplantationsgesetz zu ergänzen. Dieser Gesetzgebungsbereich ist sicherlich eine Gewissensentscheidung für jeden Abgeordneten. Ich würde mir aber wünschen, dass wir Parlamentarier zu einer möglichst einhelligen Position kommen. Es wird daher Gespräche mit den anderen Fraktionen geben. Eine solche möglichst einstimmige Entscheidung würde auch helfen, den Ängsten der Menschen zu begegnen.

Leserbriefe

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    G. Bente – 19.01.2011 - 12:14

    Organspenden sind Gewissensentscheidung – richtig, aber in diesem Zusammenhang muß auch klar sein, daß mir als Privatpatient nicht zugemutet werden kann, ein Kassen-Organ zu erwischen…

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    T. Naumann – 19.01.2011 - 13:38

    Seien Sie sicher lieber G. Bente, sie würden nach einem Kassen-Organ betteln!

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    G. Bente – 19.01.2011 - 16:36

    Nun, T. Naumann, Sie konnten meinen subtilen Humor nicht unterbringen!
    Ich denke jedoch, eigentlich steckt eine gewisse Logik dahinter, daß Privatpatienten, die sich der Solidarität im Gesundheitsswesen verschließen, unmöglich die billigen Kassen-Innereien bei sich einbauen lassen können. Die haben doch Anspruch auf Besseres…
    Das darauf noch keiner unserer Gesundheitsapostel gekommen ist oder sind die Brüder auch alle privat versichert?

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    P. Feldmann – 25.01.2011 - 18:46

    Lieber Herr Kauder, so sehr ich Ihren Ansatz befürworte (ich verstehe Sie so: es muss ab der Schule dieses Thema in den Raum der Entscheidungsfindung des Einzelnen gestellt werden und irgendwann muss der junge Erwachsene hierzu eine juristisch gültige Entscheidung treffen ) so sehr ich also Ihren Ansatz befürworte, die Einleitung zu Ihrem Artikel wirft bei mir ziemliche Fragen auf. Als Erstes sprechen Sie von einem “sinnlosen Tod”, der durch die Organspende unnötig wird. Vermutlich ist das nur eine begriffliche Ungenauigkeit. Ein “bitterer oder ein unnötiger” Tod- ja, aber"Sinnlos" ist hier ganz sicher die falsche Kategorie!

    Dann führen Sie in der Einleitung einen Impuls zur Organspende aus, den ich als praktizierender Katholik zumindest problematisch finde. Die Organe sind Teile meines Leibes, aber kann ich sie geben? Habe ich ethisch überhaupt ein Verfügungsrecht über meinen Leib, meine Organe? – Meint, gehören sie mir, ist der Leib mein Besitz? Ich denke in dieser Formulierung wird klar, dass vom christlichen Standpunkt aus hier eine andere Argumentation geführt werden müßte als Sie sie oben führen!
    Sätze wie: “Das Ende der eigenen Existenz wird damit zu einem Neuanfang für andere. Die Organspende ist auch ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe ein Zeichen der Solidarität. Man gibt etwas für einen anderen” sind den anstehenden existentiellen und ethischen Fragen in meinen Augen in keiner Weise gewachsen. Und noch einmal: Die Organe sind nicht als Dinge dem Menschen verfügbar, sie sind als Teile des Leibes Teil dieses Menschen. (natürlich kann man sich als Mensch “geben”, aber dieses Geben wüsste ich doch gerne anders ausgelotet als Sie das getan haben.)
    Ich sehe bei dieser Argumentation von Ihnen, die vielleicht einer begrifflichen Unschärfe geschuldet ist, die große Gefahr, dass ein sozialer Druck, unter emotionaler und falscher Prämisse, auf den Einzelnen entsteht, der eben dann doch die Gewissensentscheidung zur Farce macht.

    Ihr eigentlicher Ansatz dagegen trägt viel weiter: es gilt, die Fragen um die Organspende genau zu besprechen. Dies sind zentrale Fragen jeder menschlichen Existenz (insofern verliert niemand hierbei Zeit im Partikularen wenn er sich damit auseinandersetzt!) : Die Frage nach dem Tod, der Endlichkeit menschlicher Existenz; die Fragen nach Wert, Würde und Erfüllung menschl.Lebens. Also auch: was ist der Sinn des Lebens, was ist Glück. Die Fragen nach dem Wesen des Menschen, die natürlich in den Fragen der Hirntod-Debatte berührt werden. Bspw. auch (wie oben) bin ich mein Leib oder habe ich einen Leib?

    Geht man diese Fragen an, so gelangt man zu einer echten Gewissensentscheidung. emotionaler Scherenschnitt führt hier in die Beliebigkeit.

    Praktisch wäre es vielleicht auch nicht falsch, die Fragerichtung des Gewissensentscheides zu drehen:

    nicht- bin ich bereit Organe zu spenden?
    sondern- möchte ich Organe gespendet bekommen? !
    Ich vermute, dass den Meisten die Antwort auf die zweite Frage wesentlich einfacher und eindeutiger kommt als die auf die erste Frage.

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    Richard Fuchs, Sachbuchautor – 26.01.2011 - 15:33

    Sehr geehrter Herr Kauder,
    eine Neufassung des Transplantationsgesetzes würde die Chance bieten, ein schweres Versäumnis nachzuholen. Bislang ungeregelt ist, ob die sterbenden, noch lebenden Menschen vor dem schweren Eingriff narkotisiert werden oder nicht. Ob dies geschieht, wird bislang dem Zufall überlassen. Denn kein seriöser Arzt kann bestätigen, dass sogenannte “hintote” Menschen keine Schmerzen mehr empfinden. Wenn beim ersten Schnitt unter Verzicht von Schmerzmitteln die Haut sich rötet, der Blutdruck steigt, der Patient sich noch bewegen kann und transpiriert, könnte das auf Angst- und Schmerzreaktionen hindeuten. Um lebendfrische Organe zu gewinnen, wird die Beatmung erst dann beendet, wenn das letzte Organ entnommen wurde. D. h., der Mensch beendet sein Leben, mit oder ohne seine Einwilligung durch die Organentnahme. In der weitaus größeren Zahl der Fälle, entscheiden ja Angehörige über das Schicksal eines hilflosen Patienten. Damit spenden die Angehörigen etwas was ihnen nicht gehört. Eine von Ihnen geplante Befragung setzt zunächst einmal eine wahrhaftige Aufklärung über alle Implikationen einer schmerzhaften Hirntoddiagnose und einer Organentnahme voraus. Denn im Akutfall ist das nicht mehr möglich. Jeder medizinische Eingriff setzt eine Aufkärung und eine Einwilligung des Patienten voraus. Dass von Betreiberseite auf eine seriöse Aufklärung verzichtet wird, ist sehr verständlich. Denn es würde kaum noch jemand einen Organspendeausweis unterschreiben. Es wird sich lohnen, eine Viertelstunde darüber nachzudenken, denn ein hirtoter Mensch ist nicht tot. Dieser Irrglaube bassiert auf einer interessengeleiteten Vereinbarung. Nicht von ungefähr bezeichnete der überwiegende Teil der Staatsrechtler in der Anhörung im Rechtsausschutz des Deutschen Bundestages während des Gesetzgebungsverfahrens das TPG als verfassungswidrig.
    Mit freundlichem Gruß
    Richard Fuchs

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 26.01.2011 - 18:50

    lieber Herr Fuchs,
    die Hirntod-Diagnose ist ein Terminus technicus für einen Zustand, in dem unwiderbringlich eine bewusste Persönlichkeit verloren ist. Das Pallium, der Cortex ist abgestorben, dort sind Bewusstsein und Schmerzwahrnehmung lokalisiert. Andere Hirnteile (limbisches System, Thalamus etc.) gehören zwar zu einem funktionierenden Schmerzwahrnehmungssystem, können aber allein keinen “Schmerz” vermitteln. Wenn Sie eine Quelle angeben könnten dafür, dass “kein seriöser Arzt” angeben könne, dass ein hirntoter Pat. keinen Schmerz mehr haben könne…. .
    Natürlich ist ein “Hirn”-toter Pat. noch nicht vollkommen tot.
    Ich erinnere an Bardo . das tibetanische Totenbuch.
    Aber vielleicht lässt sich das Ganze doch etwas weniger emotional (Hirntote haben noch Schmerzen etc.) formulieren. Und ich bin sicher, dass eine Gesellschaft, die offen über diese Fragen spricht, ohne dabei in Aberglauben zu verfallen, davon nur profitieren kann.

  • Theeuropean-placeholder
    Jürgen – 03.03.2011 - 12:47

    “Die Organspende ist auch ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe”

    Steht im obigen Artikel.

    Gerade die überzeugten Christen lehnen doch selbst Kondome ab weil es ein Eingriff in Gottes Wille ist, wie aber kann es sein das Organe umbauen von Gott dann gewollt ist ?
    Das kann Ich nicht verstehen!

    Und das Privatpatienten doppelt so häufig Organe bekommen (prozentual) als Kassenpatienten ist doch auch komisch !
    Ist das auch Christlich, oder verdienen die Ärzte an dabei einfach besser ?
    Ich denke bei Organspende immer an Fürst Rainer von Thurn+Taxis !
    Seitdem bin Ich kein Organspender mehr !

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