Kein Mensch kommt zu großen Vermögen nur durch seine eigene Arbeit. Uwe Knüpfer

Jauchs #Herrenrunde

Weniger als 30 Prozent der Gäste bei Günther Jauch sind weiblich. Kurz vor dem Ende seiner Sonntagabendkarriere fragen wir: Herr Jauch, wo sind all die Frauen geblieben? Ein offener Brief.

Lieber Herr Jauch,

in wenigen Tagen ist es soweit. Voller Stolz können Sie auf vier Jahre als Talkshowkönig Deutschlands zurückblicken. Eine respektable Leistung, haben Sie schließlich auf dem Sendeplatz Nr. 1 seit 2011 Millionen von Zuschauer/innen begrüßt. Unter Ihrer Regie konnte die Republik die Woche Revue passieren lassen und die großen Themen der Zeit besprechen. Doch bevor Sie sich endgültig aus dem Sonntagabend verabschieden, möchten wir noch eine Beobachtung mit Ihnen teilen.

Jauchs Herrenrunde

Woche für Woche fiel uns Ihre Sendung nicht bloß durch das Präsentieren politischer Inhalte auf, sondern in erster Linie auch dafür, dass es überwiegend Männer waren, die es sich auf Ihren runden Drehstühlen gemütlich machten. Bei 155 Sendungen mit 778 Gästen waren gerade einmal 230 Frauen vertreten, das sind weniger als 30 Prozent. An einigen Sonntagen war sogar nicht eine Frau unter den Gästen zu finden. Da hätte man gut und gerne auch von „Jauchs #Herrenrunde am Sonntag“ sprechen können. Allwöchentlich sahen wir also überwiegend, manchmal nur, Männer (gerne auch ältere Männer), die unter den neugierigen Blicken von Millionen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Republik schwadronierten. In Ermangelung deftiger Zigarren (wohl mehr der Berliner Brandschutzverordnung als der Atmosphäre geschuldet) wurden wir alle doch eingeräuchert von dem Eindruck einer Runde der Weisen, die über allen Zweifel erhaben, Probleme wie Antworten geschickt und nicht ohne Amüsement vorzubringen verstanden. Wir können uns daher nur schwer dem Gefühl verschließen, dass da bei Ihnen (oder der Redaktion) etwas gewaltig nicht stimmen kann.

Von Hausfrauen und Finanzexperten

Die Damen Ihrer Runden, so sie denn anwesend waren, konnten letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eher aufgrund einer (wie auch immer angesetzten) Quote eingeladen waren, als um in der Debatte inhaltlich wie rhetorisch eine zentrale Rolle einzunehmen. Natürlich gibt es hier Ausnahmen. In immerhin 19 Sendungen hatten Sie gleich viele oder sogar mehr Frauen als Männer bei sich. Wirft man einen Blick auf die Themen dieser Abende, so drängen sich einem weitere Fragezeichen auf. Bei den Damenabenden ging es mehr oder weniger ausnahmslos um soziale, manch einer nennt sie auch gern „weiche“, Themen; oder direkt um fehlende Gleichberechtigung in Deutschland (einer Debatte, der Sie sich ansonsten ja wohl nicht zugewandt haben können). Diskutiert wurde von den Damen beispielsweise: „Herrenwitz mit Folgen,“ „Billigkleidung aus Bangladesch,“ „Auslaufmodell Hausfrau,“ oder „Deutschland XXL – Brauchen wir Steuern auf Dickmacher?“.

Dagegen standen die „harten“ Inhalte der Männerrunden. Ob unter Titeln wie „Die Entscheidung der Griechen – Schicksalstag für Europa?“ oder „ Frustbürger und Fremdenfeinde – wie gefährlich sind die neuen Straßen-Proteste?“, oder generell bei Themen der Finanz- und Steuerpolitik, Ökonomie oder Außen- und Sicherheitsfragen erweckte Ihre Gästeliste stets den Eindruck, dass diese Inhalte besser überwiegend oder ausschließlich von Männern diskutiert und behandelt werden sollten. Bedauerlich, finden wir, hätte es doch gerade weiblichen Inputs bedurft, um das Zimmer hin und wieder vom nebulösen Rauch sich wiederholender Meinungen und auch wenig erhellender persönlicher Fehden oder Konfrontationen zu befreien. Doch auf so etwas warteten wir leider in der Regel vergebens. Scheinweise blieben Sie am liebsten in Ihrer muffigen Räucherhöhle. Schade eigentlich.

Woran liegt’s?

Wenn in 136 Ihrer 155 ausgestrahlten Sendungen stetig mehr Männer als Frauen sitzen, dann gibt es im Prinzip gibt es nur drei mögliche Erklärungen für diesen Umstand: a) Dahinter steckt ein System, in dem Frauen nichts zu suchen haben, b) es war Ihnen tatsächlich egal, oder c) Sie waren erfolglos darin, genauso viele Frauen wie Männer von einer Teilnahme Ihrer Sendung zu überzeugen. Während die ersten beiden Optionen ehrlicherweise ziemlich beschämend und ziemlich 20. Jahrhundert sind, sagt die dritte Option wohl mehr über die Attraktivität ihres Formats, als über die Qualifikation und Bereitschaft zur Öffentlichkeit der Frauen in diesem Land aus. Können Sie uns hierzu erhellen, also quasi den Rauch zerschlagen?

Lieber Herr Jauch, uns ist klar, dass Sie am Ende Ihrer Sendung stehen. Dennoch glauben wir, dass es wichtig ist, wenn gerade Sie diesem Thema die Bedeutung beimessen, die es verdient. Als Betreiber eines der großen Talkshowformate unserer Republik kommt Ihnen neben hohen oder manchmal weniger hohen Einschaltquoten auch eine gewisse Verantwortung zu. Eine sich wöchentlich wiederholende, ja ritualisierte, Unterrepräsentation von Frauen hat mit Sicherheit auch Wirkungen auf das Selbstverständnis von Mädchen und Frauen im gesellschaftlichen Leben. Ihre Runde erweckt kontinuierlich den Eindruck, dass die großen wichtigen Themen am Ende doch überwiegend bzw. nur von den Männern des Landes wirklich verstanden und gelöst werden könnten. Damit senden Sie ein fatales, und obendrein realitätsfremdes, Signal.

Sie haben es in der Hand!

Unser Land, lieber Herr Jauch, braucht mehr Frauen mit Sichtbarkeit und Einfluss, nicht weniger. Im Gegensatz zu den meisten Menschen haben Sie tatsächlich die Möglichkeit diese Entwicklung zu beeinflussen, ja zu steuern. Wir verstehen, dass das Problem der Unterrepräsentation von Frauen nicht bei Ihnen beginnt oder endet. Die meisten Gremien von TV, Film, Radio (und auch Print) sind überaus männlich geprägt und dominiert. Da ist eine solche Veränderung nicht leicht. Das macht sie aber nicht weniger notwendig.

Ganz konkret schlagen wir Ihnen also vor, Ihren letzten Sendungen on-air eine radikale Dunstabzugshaube zu verpassen und quasi als Ausgleich für vier Jahre der Räucherhöhle nur noch weibliche Gäste zu laden und zu wichtigen Themen zu Wort kommen zu lassen. Zwar könnten Sie so Ihren allgemein schwerlich passablen Schnitt nicht wieder richten, aber dennoch ein Zeichen setzen, dass auch Sie die Stimmen der Frauen schätzen und Ihnen gerne den verdienten Fokus geben.

Herr Jauch, wo sind all die Frauen geblieben?
Wir freuen uns auf Ihre Stellungnahme.

Mit freundlichen Grüßen
Zwei Nichtraucher,

Vincent-Immanuel Herr & Martin Speer

Diesen Brief können Sie bei change.org mitunterzeichnen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Martin Speer: Lieber Helmut Schmidt – Ein offener Brief

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