Der globale Infokrieg ist nicht virtuell. Luciano Floridi

Ab in die Orgasmus-Schule

„Shades of Grey“ beschreibt Erotik aus weiblicher Sicht – das ist gut. Um tatsächlich sexy und emanzipiert zu sein, mangelt es der Protagonistin jedoch an einer wichtigen Eigenschaft.

Wir schreiben den Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Ein Erotik-Roman steht auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten. Dieser Roman ist von einer Frau geschrieben. Dieser Roman handelt von einer Frau. Es ist ihre Perspektive, die die Leserschaft einnimmt. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Eigentlich könnte das aus feministischer Perspektive eine großartige Errungenschaft sein, ist das sexuelle Feld doch schon immer eine Männerdomäne gewesen. Allerdings machen weder eine Frau als Autorin noch eine weibliche Protagonistin Feminismus aus.

Sich hingeben, führen lassen

Es ist nicht die sadomasochistische Komponente, die diesen Roman zu einem problematischen Phänomen macht. Sadomasochismus (SM) ist eine facettenreiche Spielart der Sexualität, die vor allen Dingen auf dem ausdrücklichen Einverständnis der Akteure beruht. Darüber hinaus bietet SM viel Raum für Fantasie und die Möglichkeit, sich alltäglichen Zwängen auf spielerische Weise zu entziehen. Wenn sich also eine Frau in heterosexuellen Konstellationen einem Mann im Rahmen dieses Spiels unterordnet, so kann sie sich von den Rollenerwartungen befreien, denen sie – gerade eben auch als emanzipierte Frau – unterworfen ist. Davon, das Ruder in der Hand zu halten, die Situation zu kontrollieren, Handlungen aufgrund möglicher Konsequenzen abwägen zu müssen.

In dieser sexuellen Spielweise kann sie sich einfach hingeben, führen lassen, Freiheit erleben – weil die ganze Verantwortung, ich betone, im Rahmen dieses Spiels, auf den Schultern des dominanten Parts liegt. Für Männer gilt das im Übrigen ebenfalls, wenn sie sich fallen lassen und den devoten Part einnehmen. Wenn Frauen also zu ihren Unterwerfungsfantasien stehen, ist das in höchster Form feministisch. Denn sie stehen zu ihren Neigungen, ihren Vorlieben, ihrer sexuellen Identität und üben diese qua Statement selbstbestimmt aus.

Das Problem bei „Shades of Grey“ sehe ich viel eher darin, dass sich die Grenzen zwischen dieser spielerischen Ebene und der reellen zwischenmenschlichen Interaktion verschieben. Mr. Grey übt in der von ihm angestrebten Beziehungsform immer die Kontrolle aus. Diese nennt sich im SM-Fachjargon „24/7“, ein Machtgefälle also, das 24 Stunden sieben Tage die Woche gilt. De facto immer. Ob die Protagonistin Anastasia überhaupt Interesse an seiner bevorzugten Art der Sexualität und Beziehung hat, ist dieser selbst jedoch unklar. Wobei wir beim nächsten Problem wären: Anastasia kommt zum SM wie die Jungfrau zum Kinde. Apropos Jungfrau: Es reicht offenbar nicht aus, dass Anastasia unglaublich unerfahren ist. Nein, Mr. Grey ist der erste Mann, mit dem sie sexuelle Erfahrungen sammelt. Er ist überhaupt der erste Mensch, mit dem sie sexuelle Interaktionen auslebt. Denn selbst befriedigt hat sie, die 21-jährige Universitätsabsolventin, sich bis zu dieser schicksalhaften Begegnung mit dem Mann ihrer Träume noch nie.

Dass ein Erotik-Roman mit einer derart unerfahrenen und darüber hinaus an der Materie offenbar auch noch vollkommen uninteressierten Protagonistin auffährt, stößt mir bitter auf. Mein feministisches Auge tränt an dieser Stelle. Erscheint es der Autorin wirklich notwendig, eine junge Frau als weißes, unberührtes Blatt ins Rennen zu schicken, welches erst von ihrer großen Liebe, ihrem Herrn, beschrieben werden muss? Ist das ihre Auffassung von Romantik?

Die Frau als asexuelles Wesen

Woran es „Shades of Grey“ und seiner Protagonistin mangelt, ist das sexuelles Selbstbewusstsein und die sexuelle Selbstbestimmung, welche ich den Frauen unterstellen möchte, die zu ihren Unterwerfungsfantasien stehen. Diese junge Frau jedoch hat niemals ihren Körper selbst erkundet. Sie weiß nicht, wie sie sich „da unten“ anfühlt. Sie hat sich noch nie selbst zum Orgasmus gebracht. Sie hat offenbar nie in sexuellen Fantasien und Träumen geschwelgt. Sich vorgestellt, wie diese oder jene Praktik sich wohl anfühlt. Sich hineinversetzt in Szenarien, die man lieber für sich behält, weil sie sich im Kopf gut anfühlen, aber irgendwie auch „unanständig“, „schmutzig“ oder „verboten“ zu sein scheinen. Eben so ein Szenario, in dem ein Mr. Grey gut und gerne auftreten könnte. Ein reicher, mächtiger Mann von dunkler Aura, dem man gefügig ist, der sich von einem alles nehmen kann, was er haben möchte.

All das hat sie nicht erlebt. Stattdessen sind wir als Leserschaft angehalten, uns mit einer Person zu identifizieren, die ihre sexuelle Identität eben erst durch ihn kennenlernt. Durch einen Mann, für den BDSM die Normalität ist. Während es für sie überhaupt gar keine Normalität geben kann, weil ihr ein sexuelles Selbstbewusstsein, eine Reflexion über Praktiken, Vorlieben, Neigungen eben fehlt.

Ein Erotik-Roman also, der mit Frauenpower auftrumpfen, weiblicher Sexualität gerade in der Kombination mit devianten Praktiken zu neuem Bewusstsein verhelfen könnte, reproduziert stattdessen das Bild der Frau als asexuelles Wesen, welches erst durch diesen sie betörenden Mann seine „sexuelle Bestimmung“ als „Objekt der Begierde“ findet.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lucy Gellman, Melissa Febos, Petra Joy.

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