Die einzige Pflicht des Künstlers ist die Kunst. T.C. Boyle

Mehr Frankfurt, weniger Hoffenheim!

Die Bundesliga steht vor einem Einbruch, der viele noch bitter überraschen wird. Stimmung, Gefühle und Leidenschaft geraten ins Abseits. Weitere große Traditionsclubs werden absteigen, neue Retortenvereine kommen. Finanzkicker von Leipzig bis Hoffenheim, von Wolfsburg bis Leverkusen drängen die Herzensvereine aus der Liga. Der wahre Fußball bleibt auf der Strecke. Es ist Zeit für einen Mahnruf.

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So kann das mit dem deutschen Fußball nicht weitergehen. Mit Hannover, Frankfurt und Bremen stehen gleich drei große Traditionsclubs auf den Abstiegsplätzen. Vereine mit hunderttausenden Fans und Millionen, die ihnen voller Emotionen zugetan sind. Um sie wird geweint und gebetet und gejubelt wie um wahre Lebensfreunde. Aufsteigen wird wohl das Managementprodukt des österreichischen Energydrinkherstellers „Rasenballsport Leipzig“. Im letzten Jahr hatte sich Audi einen Club aus Ingolstadt in die Bundesliga gekauft, damit dem Beispiel des SAP-Milliardärs Hopp aus Hoffenheim nacheifernd. Bei diesen Clubs ist der emotionale Fan-Pegel eher im Bereich eines gepflegten Businesstermins. Kurzum: die Herzen steigen blutend ab, die Portemonnaies steigen kaltblütig auf – Geld schießt Tore. Ein trauriger Tiefpunkt in der Geschichte der Bundesliga.

Die DFL trägt eine Mitschuld

Jammern hilft den Traditionsvereinen natürlich nicht, und ja der Wettbewerb muss angenommen werden. Bayern München und Borussia Dortmund kriegen das ja auch perfekt hin. Trotzdem blutet die Liga Stück für Stück aus, und diese Entwicklung hätte verhindert werden können. Als 1998 die 50+1 Regel eingeführt wurde, war dies ein wichtiger Schritt zur Bewahrung der „Identität Bundesliga“. Die 50+1 Regel besagt, dass kein Investor die Stimmenmehrheit bei einem Fußballverein übernehmen darf. So sollte verhindert werden, dass Scheichs oder Unternehmer Bundesligavereine nach ihren Belieben finanzieren und somit Ungleichheiten geschaffen werden.

Eigentlich wäre das eine vernünftige Regel – wenn man sie denn anwenden würde. Aber schon im Jahr nach der Einführung, 1999, hat die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH die erste Ausnahmeregelung erhalten: Bayer Leverkusen ist eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG. Nur rund drei Jahre später wiederholte sich das mit dem VfL Wolfsburg, einer hundertprozentigen Tochter der Volkswagen AG. Im Jahre 2015 ist mit Hoffenheim schon die dritte „Werksmannschaft“ von der 50+1 Regel ausgenommen. Die DFL braucht nicht zu jammern über ein kümmerliches Bild, das im Ausland über den deutschen Fußball vermittelt wird, wenn man sich das leere Stadion des VfL Wolfsburg in der K.O.-Phase der Champions-League (!) ansieht.

Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim sind uninteressant

Kein normaler Fußballfan würde sich freiwillig Wolfsburg gegen Hoffenheim oder Leverkusen gegen Ingolstadt ansehen. Das zeigen auch die Einschaltquoten: In der Vorrunde dieses Jahres landeten die Vereine Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und Ingolstadt auf den Plätzen 13, 14, 16 und 17 der Einschaltquotentabelle. Das Spiel zwischen Ingolstadt und Wolfsburg hatte eine so geringe Quote, dass diese für Sky kaum messbar war. Das wiederum interessiert die DFL nicht. Fernsehgelder werden nämlich nicht, wie es der Name suggeriert, danach verteilt, wie viele Zuschauer der jeweilige Verein hat, sondern nur nach dem sportlichen Erfolg. So hat der VfL Wolfsburg beispielsweise nicht nur den krassen finanziellen Vorteil durch den milliardenschweren Konzern, sondern auch durch die Geldvergabe der DFL.

Dabei ist es gerade die DFL, die sich mit der Tradition und Leidenschaft der deutschen Fans vermarktet. Die Entwicklung nervt seit Jahren, und doch nimmt sie neue Fahrt auf: Der „Rasenballsport Leipzig“, dem der Name „Red Bull“ verboten wurde, schickt sich an, in die Bundesliga zu marschieren. Eigentlich wird es dringend Zeit, dass ein Club aus Ostdeutschland in die erste Bundesliga kommt, aber RB Leipzig verträgt sich mit Ostdeutschland so gut wie Red Bull mit gesunden Getränken – also gar nicht. Gerade Leipzig ist eigentlich eine Fußballhochburg mit jeder Menge Tradition: VfB Leipzig als erster deutscher Fußballmeister und später zwei Erfolgsmannschaften der DDR mit Chemie und Lokomotive Leipzig. Mit dem Aufstieg von RB wäre die ehrliche, bodenständige Fußballtradition hier endgültig Geschichte.

Das Millionen-Näschen des Herrn Mateschitz

Nun gut, dem Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz ist sicher ein geniales Näschen für wirksames Marketing zu attestieren. In wenigen Jahren machte er einen klebrigen indischen Energy-Drink zum milliardenschweren Konzern. Vor allem das brillante Sport-Marketing trug Früchte. Nun wollte Red Bull neben einigen anderen Fußball-Investments – unter anderem in New York – auch die Bundesliga erstürmen. Nach nur sechs Jahren und vielen Millionen Euros wird das dem Managementprodukt gelingen, diese Prognose ist simpel. Es wird sich für ihn mit der Zeit wahrscheinlich sogar auszahlen. Was aber auf der Strecke bleibt, ist der Fußball. Denn mit einer leidenschaftlichen Fankultur und einem Traditionsreichen Verein hat das nichts mehr zu tun.

Wir echten Fußballfans machen Euch einen Vorschlag: Bitte, spielt doch Eure eigene Liga, in der VW gegen SAP und Audi gegen Bayer antritt. In der „Businessliga" wird 300 Mitarbeitern mit Klatschpappen ein nettes Wochenendprogramm gestaltet. Ich habe damit kein Problem, wenn ihr euren Angestellten etwas bieten möchtet, oder gerne Fußball in euren Dörfern sehen wollt. Macht das! Aber bitte macht nicht unseren Fußball kaputt, bei dem es noch um viel mehr geht, als um die Marken-Management, Busniess-Pläne und Vip Lounges. Ja, wir Fußballfans sind Fußballromantiker, aber wir wollen es auch bleiben. Denn das, was den Fußball ausmacht, kann niemand kaufen. Nicht einmal Red Bull.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Valentin Weimer: Fünf Gründe warum Berlin eine miserable Hauptstadt ist

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