Eher werden Sie sich halbieren als die Arbeitslosigkeit. Joschka Fischer

Die Arbeitswelt wird weiblicher, anspruchsvoller und älter

Arbeit ändert sich. Die Arbeitswelt ändert sich: Sie wird flexibler, anspruchsvoller, weiblicher und auch älter. Der Schlüssel, um mit einem Teil dieser Veränderungen umzugehen, ist Bildung.

Bei aller Veränderung in der Arbeitswelt, eines bleibt: Arbeit verhindert Armut, Arbeitslosigkeit erhöht das Armutsrisiko. 22 Prozent der Arbeitslosen sind armutsgefährdet. Umgekehrt liegt das Armutsrisiko bei Erwerbstätigen seit 1992 relativ konstant unter 8 Prozent. Das zeigt auch, dass der von manchen kritisierte Anstieg von Teilzeit- und Mini-Jobs Armut eben nicht vergrößert hat.

Teilzeit- und Mini-Jobs sind häufig nur eine Notlösung

Für viele Arbeitslose sind flexible Beschäftigungsformen wie befristete Stellen, Teilzeitarbeit, Mini-Jobs und Zeitarbeit eine wichtige, manchmal die einzige Möglichkeit, einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. Damit sind diese Jobs nicht nur im Interesse der Unternehmen, sondern oft auch im Interesse der Beschäftigten.

Trotzdem sind gerade Teilzeit- und Mini-Jobs häufig nur eine Notlösung, insbesondere für Mütter mit kleinen Kindern. Noch schlimmer sind die dran, die wegen fehlender Kinderbetreuung gar nicht arbeiten können: Für sie und ihre Kinder steigt dadurch das Armutsrisiko. Es ist aber auch schlecht für die potenziellen Arbeitgeber und die Gesellschaft. Denn bei uns steigt das Qualifikationsniveau von Frauen kontinuierlich. Frauen erreichen heute durchschnittlich höhere und bessere Bildungsabschlüsse als Männer. Es ist fatal, wenn Stellen unbesetzt bleiben, nur weil qualifizierte Frauen keine Kinderbetreuung bekommen. Hier sind das A und O Kinderbetreuung und zielgenaue Vermittlung in Arbeit.

Die Bundesregierung hat hier die Weichen neu gestellt. Mit den 4 Milliarden Euro des Bundes für den Ausbau der Kinderbetreuung für unter 3-Jährige bekommen viel mehr Eltern die Chance, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Trotzdem müssen wir da noch weitergehen: Hier sind Betriebe genauso gefordert, wie es der Staat ist.

Bildung ist der Schlüssel

Der wichtigste Schlüssel für den modernen Arbeitsmarkt ist Bildung: Das geht in der Schule los. Wer den Abschluss verfehlt, verpasst den Anschluss. Eigentlich eine Länderaufgabe, aber auch der Bund übernimmt da Verantwortung. Ein aktuelles Beispiel: Das Verfassungsgericht hat uns aufgetragen, die Arbeitslosengeld-II-Sätze neu zu berechnen. Dabei werden wir vor allem Bildungsausgaben stärker berücksichtigen, und zwar so, dass es bei den Kindern auch ankommt.

Doch mit dem Schulabschluss ist es nicht getan: Jeder muss sich permanent weiterbilden. Arbeitgeber müssen diese Fortbildung selber einfordern und fördern. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel: Lebenslanges Lernen ist kein Luxus, sondern muss Leitbild werden, um im Wandel der modernen Wirtschafts- und Arbeitswelt vorne dabei zu sein.

Das Bild der Belegschaften ändert sich: In zehn Jahren ist jeder dritte Beschäftigte älter als 50. Weder die Wirtschaft noch die Gesellschaft sind darauf ausreichend vorbereitet. Während so mancher noch von Frührente schwärmt, sind ältere Beschäftigte als Fachkräfte bereits heute unverzichtbar. Wir müssen deshalb Wege finden, um sie zu motivieren, um sie altersgerecht weiterzubilden, um sie auf der Höhe der Zeit zu halten. Gleichzeitig müssen wir altersbedingte Herausforderungen annehmen: z. B. durch anders gestaltete Arbeitsplätze. Das ist wirtschaftlich notwendig und menschlich bereichernd: Ältere sind nachweislich genauso leistungsfähig wie Jüngere. Sie sind vielleicht nicht mehr so schnell, aber sie kennen die Abkürzung.

Arbeit ändert sich. Die Arbeitswelt ändert sich: Sie wird flexibler, anspruchsvoller, weiblicher und auch älter. Wer das beklagt, hat schon verloren. Wir müssen diese Herausforderung annehmen, als Chance nutzen – und gestalten.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Machii – 18.02.2010 - 15:58

    Die Teilzeitbeschäftigung ist bei den meisten Müttern mit kleinen Kindern keine Notlösung, sondern ausdrücklich gewünscht. Die von Frau von der Leyen damals als Familienministerin im Auftrag gegebene Studie in 2008 ergab, dass nur 16% der Mütter, die zurück in den Beruf streben, Vollzeit arbeiten wollen. Wichtig ist deswegen die flexiblere Arbeitszeiten.

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