Das Schöne ist, ich bin ja nur im Ausland zur Diplomatie verpflichtet. Guido Westerwelle

„Ich glaube nicht an eine Entfremdung“

Als ehemaliger Frankreich-Korrespondent kennt Ulrich Wickert Eigenarten und Besonderheiten der Franzosen. Mit Julia Korbik sprach er über die Notwendigkeit der deutsch-französischen Achse, alte Ressentiments und mit wem er sich eher identifiziert – Konrad Adenauer oder Charles de Gaulle.

The European: Sie sind voriges Jahr Vater von Zwillingen geworden. Wünschen Sie sich da manchmal, das flächendeckende System der französischen „crèches“ (Krippen) gäbe es auch in Deutschland?
Wickert: Ich finde es unglaublich, dass die Deutschen nicht auf die Idee kommen, dieses Erfolgsrezept zu übernehmen. Aber das liegt daran, dass wir immer noch ein absolut veraltetes Mutterdenken haben, ein bürgerliches Mutterideal. Und das wird gegen Frauen ausgespielt, die arbeiten gehen. Wir Deutschen sind da maßlos altmodisch.

The European: Frankreich ist Ihre zweite Heimat. Sie haben erstmals von 1956 bis 1959 dort gelebt, Ihr Vater arbeite für die deutsche Nato-Vertretung in Paris. Waren die alten Ressentiments gegen Deutschland damals noch spürbar?
Wickert: Gar keine Frage. Ich bin als 13-Jähriger nach Frankreich gekommen. 1955 haben wir in der Normandie Urlaub gemacht und da waren dann eines Morgens Hakenkreuze an die Mauer des Hauses gemalt, in dem wir wohnten. Als Kind wusste ich gar nicht, was das bedeutete, meine Eltern haben den Vorfall heruntergespielt. Solche Ressentiments waren ja aber auch kein Wunder: Die alliierte Landung war erst knapp zehn, elf Jahre her. Interessanterweise bezeichnen die Deutschen dieses Ereignis immer noch mit dem Nazi-Wort „Invasion“. Das war keine Invasion, sondern die Befreiung Frankreichs!

The European: Die alten Ressentiments haben Frankreich und Deutschland irgendwann hinter sich gelassen. 2013 jährt sich die Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags, des Élysée-Vertrags, zum 50. Mal. 1963 waren Sie 21 Jahre alt. War der Vertrag damals überhaupt ein Thema?
Wickert: Ein großes sogar. In den Monaten vor der Unterzeichnung gab es zum Beispiel den Besuch von Adenauer in der Kathedrale von Reims – der war besonders wichtig, weil die Kathedrale ja im Ersten Weltkrieg durch deutsche Luftangriffe schwer beschädigt worden war. Dann de Gaulles großer Staatsbesuch in Deutschland. Dort hat er eine große Rede auf dem Bonner Rathausplatz gehalten. Noch wichtiger für Leute in meinem Alter war aber seine „Rede an die deutsche Jugend“ in Ludwigsburg.

The European: Mit wem könnten Sie sich eher identifizieren: Konrad Adenauer oder Charles de Gaulle?
Wickert: Schwer zu sagen. An Konrad Adenauer mochte ich den rheinischen Humor unheimlich gern. Bei Charles de Gaulle finde ich seine politische Kraft absolut faszinierend, er hat Frankreich ja zweimal gerettet: 1944 machte er es zur Siegernation, obwohl das Land ja nun auch aufgrund der Kollaboration durch das Vichy-Regime nicht unbedingt zu den glücklichen Siegern gehörte. Dann abermals 1958, als de Gaulle wieder an die Macht kam, und die Fünfte Republik mit einer Verfassung gründete, die Frankreich sein Selbstbewusstsein zurückgab. Eine Verfassung, die absolut zu dem chaotischen französischen System passt.

„Französische Politiker sind nicht unbedingt verrückter als unsere“

The European: Für den WDR waren Sie zwischen 1969 und 1988 bei jeder Präsidentschaftswahl in Frankreich dabei. Welche ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Wickert: Die sind mir alle im Gedächtnis geblieben – die spannendste Wahl war aber trotzdem die 1981, als François Mitterrand zum Präsidenten gewählt wurde und es zu einem Wechsel zwischen den Konservativen und den Sozialisten kam. Der Gang Mitterrands ins Panthéon, das war etwas ganz Besonderes.

The European: Besonders ist auch das politische Leben in Frankreich – meist besonders unterhaltsam. Die ehemalige Justizministerin Rachida Dati kündigte öffentlich einen Vaterschaftstest für ihre kleine Tochter an, Nicolas Sarkozys Bruder ist einer der Kandidaten. Außenminister Laurent Fabius war mal mit Carla Bruni liiert, Frau von Ex-Präsident Sarkozy. Sind deutsche Politiker im Vergleich zu französischen einfach langweilig?
Wickert: Ich empfehle Ihnen die Lektüre meiner Kriminalromane: Die Handlung spielt in Paris – eben weil diese Dinge, die Sie gerade angesprochen haben, so viel aufregender sind als bei uns. Die französischen Politiker sind jedoch nicht unbedingt viel verrückter als unsere: Wenn man sich Horst Seehofer oder Helmut Kohl anguckt, dann gibt es in deren Lebensführung ja auch Verhaltensweisen, die nicht unbedingt dem bürgerlichen Idealbild entsprechen.

The European: Über Dominique Strauss-Kahns Besuche in Bordells und seine außerehelichen Affären wussten sehr viele Franzosen, vor allem Journalisten, Bescheid. Berichtet wurde aber nicht. Warum?
Wickert: Weil man in Frankreich das Privatleben mehr respektiert als in Deutschland. Die „Bild“-Zeitung hatte ja beispielsweise überlegt, in Frankreich einen Ableger herauszugeben, dieses Unterfangen wurde jedoch eingestellt. In Frankreich wusste man, dass François Mitterrand eine uneheliche Tochter hat – trotzdem wurde nicht darüber geschrieben. Man respektiert das Privatleben: privat ist privat.

The European: Vor der Affäre hatten Sie auf Strauss-Kahn als sozialistischen Präsidentschaftskandidaten gesetzt. Wie gefällt Ihnen nun Staatspräsident Hollande?
Wickert: Bei Hollande ist es zu früh, um zu sagen, wie er sich macht, er ist ja erst ein gutes halbes Jahr im Amt. Er hat am Anfang ein paar Sachen richtig gemacht. Jetzt ist die Frage, inwieweit es ihm gelingt, den Spagat zwischen reformunwilligen Franzosen und notwendigen Reformen auszuhalten.

The European: Welche Sachen hat Hollande denn richtig gemacht?
Wickert: Ein Beispiel ist sein Umgang mit Deutschland. Sowohl Jacques Chirac als auch Nicolas Sarkozy haben zunächst gesagt: Wir brauchen die deutsch-französische Beziehung in dieser Form nicht. Chirac setzte auf Tony Blair, Sarkozy auf die Mittelmeerunion. Beide haben erst nach langer Zeit gemerkt: Sie brauchen auf europäischer Ebene natürlich den Schulterschluss mit Deutschland. Hollande hat – obwohl Angela Merkel ihn während des Wahlkampfes nicht empfangen wollte – gleich angekündigt: Ich muss das mit den Deutschen machen, ich werde das mit den Deutschen machen, selbst wenn ich inhaltlich andere Prioritäten setze.

„Vor zehn Jahren lagen die Franzosen noch in allem vorne“

The European: Helmut Kohl sagte beim Festakt zum 25. Jahrestag des Élysée-Vertrags 1988: „Deutsche und Franzosen müssen gemeinsam den Kern einer Europäischen Union bilden.“ Stimmt das heute so noch? Frankreich orientiert sich gen Süden, Deutschland Richtung Norden und Osten. Frankreich setzt auf Wachstum, Deutschland auf Sparen.
Wickert: Ich sehe das anders. Die Deutschen setzen ebenfalls auf Wachstum – und sie haben es. Die Franzosen hingegen setzen auf Wachstum, ohne es zu haben. Deutschland orientiert sich auch nicht Richtung Norden, sondern hin zu einer europäischen Fiskalpolitik, die von den europäischen Ländern unterschiedlich unterstützt wird. Die Franzosen wollen eher eine wachstumsorientierte oder wachstumsfördernde Unterstützung der Europäischen Union. Sie glauben, dass man über Wachstum aus den Schulden rauskommt. Das ist nicht unbedingt ein regionaler Unterschied, sondern eine Frage der Interpretation von Finanzpolitik. Einige unterstützen das Sparprojekt von Angela Merkel, andere das Modell der Franzosen und Amerikaner.

The European: Von den Rating-Agenturen wurde Frankreich abgestuft, die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch und wirtschaftlich kann das Land nicht mehr mit der Bundesrepublik mithalten. Sie haben es selbst gesagt: Deutschland hat Wachstum, Frankreich nicht. Frustriert die Franzosen das?
Wickert: Wir dürfen eins nicht vergessen: Vor zehn Jahren war es umgekehrt, da lagen die Franzosen in allem vorne. Sie hatten ein größeres Wachstum und weniger Schulden als die Deutschen. Dann kam Sarkozy, und der hat das Land unglaublich verschuldet. Ein Drittel der heutigen französischen Schulden stammt aus seiner fünfjährigen Amtszeit. 600 Milliarden Euro Schulden hat Sarkozy gemacht und nichts getan, um Frankreich so zu reformieren, dass es aus dieser misslichen Lage wieder herauskommt. Die Franzosen waren frustriert darüber, dass Sarkozy im Wahlkampf immer betonte: Die Deutschen machen es besser! Das hat sie geärgert und man hat gemerkt, dass das der falsche Zungenschlag war.

The European: Vielleicht entfremden sich Deutschland und Frankreich ja auch einfach voneinander. Französische Schüler entscheiden sich immer seltener dazu, Deutsch zu lernen und auch Französisch genießt hierzulande bei Schülern kein besonders großes Ansehen.
Wickert: Ich glaube nicht an eine Entfremdung. Allerdings ist die internationale Sprache immer mehr Englisch. Im täglichen Leben, im Arbeitsleben, braucht man das Französische nicht. Es wird leider auch nicht unbedingt von den Schulen gefördert. Ein interessantes Phänomen ist jedoch das folgende: In dem Moment, wo es in Deutschland oder Frankreich ein kulturelles Interesse am jeweiligen Nachbarland gibt, steigt das Interesse an dessen Sprache. Als Tokio Hotel vor ein paar Jahren in Frankreich so beliebt war, haben die französischen Schüler sich wieder öfter für Deutsch als Fremdsprache entschieden.

The European: Berlin ist im Gegensatz zur deutschen Sprache gerade sehr angesagt, gerade bei jungen Franzosen. Was hat die Bundeshauptstadt, was Paris nicht hat?
Wickert: Berlin befindet sich im Umbruch. Die Stadt ist nicht fertig, es kommen Leute von überall her und versuchen, sich dort zu verwirklichen. Paris hingegen ist eine gesättigte Stadt, in die immer mehr reiche Leute aus aller Welt ziehen und sich dort Zweitwohnungen kaufen. Das führt dazu, dass Leute, die nicht so reich sind, aber in Paris arbeiten, in die Vororte ziehen müssen. Das macht die Stadt langweiliger.

„La France est une certaine idée”

The European: Sie haben lange als Journalist in Frankreich gearbeitet und 1990 und 2006 den Deutsch-Französischen Journalistenpreis erhalten. Hat sich die Berichterstattung über das jeweilige Nachbarland in Deutschland und Frankreich verändert?
Wickert: Ich habe nicht das Gefühl. Es wird generell zu wenig berichtet. Und die Vorurteile auf beiden Seiten sind immer noch vorhanden.

The European: Welche Vorurteile sind das?
Wickert: Das kommt darauf an, welche Zeitung gerade schreibt. Der „Spiegel“ zum Beispiel ist sehr Frankreich-kritisch und meint, dass man sich dort immer noch als bessere „Grande Nation“ bezeichnen würde, was überhaupt nicht der Fall ist.

The European: Ist die Bezeichnung „Grande Nation“ tatsächlich ein Problem für Franzosen?
Wickert: Es ist immer ein Unterschied, ob ein Deutscher ein Wort benutzt, oder ein Franzose. Ich selbst benutze das Wort „Grande Nation“ nicht, weil die Franzosen es für sich selbst eigentlich auch nicht verwenden. De Gaulle hat gesagt: „La France est une certaine idée“ – Frankreich ist also etwas Inhaltliches und nicht etwas Geografisches. Und ich glaube, das ist ein sehr viel besserer Begriff.

The European: Was fehlt Ihnen an Frankreich am meisten, wenn Sie in Deutschland sind?
Wickert: Das wunderbare Sonnenwetter von Südfrankreich, ebenso wie der humorvolle, aber auch distanziert-diskrete Umgang der Menschen miteinander. In Deutschland sind die Leute doch häufig sehr unhöflich und grantig. In Frankreich werden Sie in Geschäften immer freundlich begrüßt, wenn Sie in Deutschland in ein Geschäft kommen, meistens überhaupt nicht.

The European: Und umgekehrt?
Wickert: Wenn ich in Frankreich daran denke, dass ich zum Beispiel ein Fenster reparieren lassen muss, wünsche ich mir einen deutschen Handwerker.

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