Ich war beliebt und damit gefährlich. Gabriele Pauli

Fleischer, bleib bei deinen Schweinen

Stefan Raabs Talkshow Absolute Mehrheit misslingt der Versuch, Politik und Unterhaltung zu verbinden. Das Vorhaben war schon in der Anlage zum Scheitern verurteilt.

Eine Gans rosa angemalt, gerupft und mit niedlichem Ringelschwanz ist immer noch kein Schwein. Ein Polit-Talk mit Spielshow-Elementen, ein bisschen Castingshow und ein bisschen albern ist immer noch ein Polit-Talk. Da kann auch der beste Metzger nichts dran ändern.

Aber von vorne: „Absolute Mehrheit“ beginnt mit einem sichtlich nervösen Raab, der erst mal „locker“ in die Runde einsteigen will. So locker, dass er – ganz locker natürlich – locker zehnmal „locker“ sagt. Also alles andere als locker drauf ist. Bei der Vorstellung der fünf Kandidaten spielt Raab seinen einzigen Trumpf aus: nämlich, dass er nicht so ernst sein muss. Ganz im Stile der schnellen Begrüßungsfragen bei Stuckrad-Barre werden jedem einzeln ein paar vorbereitete Fragen gestellt, die so bei Jauch & Co. nie fallen würden: „Herr Kubicki: Muss der Rösler weg und wie kann ich Ihnen dabei helfen?“ Dieser Teil ist aber auch der einzige, bei dem Raab so etwas wie Spontaneität („Hoffentlich fallen dem Rösler nicht die Stäbchen aus der Hand.“) an den Tag legt.

Die Themen

Danach geht es ganz schnell bergab. Denn es geht in die Themen der Sendung. Aus irgendeinem Grund hielt man es für gut, ganze drei Themen in die Sendung zu quetschen. Anders als per Zufallsgenerator können die Themen Steuergerechtigkeit, Energiewende und Soziale Netzwerke zudem nicht zusammengefunden haben. Mögen Steuergerechtigkeit und Energiewende noch einigermaßen tagesaktuell sein, sind die Sozialen Netzwerke wohl eher nach dem Motto „Lasst uns was für die jungen Leute machen“ ausgewählt worden. Da helfen auch die wirklich gut gemachten Einspielfilme nicht weiter. Die Konkurrenz von den Öffentlich-Rechtlichen könnte sich von den im flapsigen Ton vorgetragenen Clips, die gar nicht erst versuchen, objektiv zu sein, eine Scheibe abschneiden.

Aber leider lebt ja jede Talkshow vom Gespräch. Bei vier verschiedenen Parteien und absichtlich kontrovers ausgewählten Themen können Sie sich vorstellen, wie gut eine Diskussion sich entfalten kann – gar nicht.

Die Gäste

Und da wären wir beim nächsten Stichwort: den Gästen. Man kann die Politiker in Deutschland an wenigen Händen abzählen, die für solch ein Format geeignet und gleichzeitig politisch relevant sind. So mag auf Bundestagsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) zwar Letzteres zutreffen. Wer aber den Peter-Altmaier-Ersatz je im Bewegtbild gesehen hat, fragt sich, wie die Redaktion gerade auf ihn kam. Folgerichtig schied er auch als Erster „aus“.

Die anderen drei Politiker Jan van Aken (Linkspartei), Wolfgang Kubicki (FDP) und Thomas Oppermann (SPD) erfüllen zwar die beiden Kriterien. Viel mehr als zwei weitere Sendungen hat Raab aber nicht, ohne auf C-Prominenz ausweichen zu müssen. Und selbst ein absoluter Profi wie Oppermann (Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD) wirkte zum Teil schlichtweg überfordert mit der Sendung und kam viel weniger angriffslustig rüber als bei anderen Talkshow-Auftritten.

Ganz verloren wirkte Gast Nummer fünf, die Berliner Unternehmerin Verena Delius. Sie sollte die „normale Bürgerin“ präsentieren. Das machte sie auch ganz gut. Genauso wie wenn wir uns in eine Diskussion mit vier geschulten Polit-PR-Profis begeben, kam Delius zu selten zu Wort, um wirklich einen Beitrag zu leisten. Also ich persönlich kann mir ja Besseres für den Sonntagabend vorstellen (zum Beispiel eine Kolumne über die neue Stefan-Raab-Show schreiben).

Vier grobe Fehler

Und mit Delius haben wir schon einen Knackpunkt der Sendung erreicht: das Konzept. Bei „Absolute Mehrheit“ war ein typisches Phänomen von neuen Talk-Sendungen zu beobachten. Diese wollen oft zu viel und scheitern dabei an den elementaren Dingen. Vier grobe Fehler wurden gemacht:

  • Fehler 1: Zu viele Themen: Bei 40 Minuten pro Thema + fünf Gästen reicht das ja nicht mal für die üblichen Standard-Phrasen – Vertiefung völlig ausgeschlossen. Als wenn das nicht genug wäre, gibt es da noch die obskure Themenzusammenstellung.
  • Fehler 2: Zu viele Gäste: Vier Parteipolitiker! Es gibt einen Grund, warum bei Jauch & Co. maximal zwei pro Sendung rumsitzen. Dass der fünfte Gast nicht zu Wort kommt, ist wenig verwunderlich.
  • Fehler 3: Zu viel Show: Wenigstens gab es keine Touchscreens. Aber das Durchgeben der Votings und das Abbrechen von Diskussionen, weil Werbung oder die nächsten Zwischenstände anstanden, hat jede Diskussion im Keim erstickt.
  • Fehler 4: Die Abstimmung: Zu guter Letzt geht nicht mal das entscheidende Show-Konzept auf: Dadurch, dass jeder Talkrunden-Teilnehmer die Stimmen von Runde zu Runde mitnahm, gab es am Ende fast keine Bewegung mehr. Wolfgang Kubicki war durchweg Erster, die anderen folgten in ähnlichem Abstand.

Dass Raabs erste Sendung nicht so wirklich Spaß macht, liegt also gar nicht so sehr an ihm. Ob Alleskönner Raab ein geeigneter Talker ist, lässt sich nach der Premiere nicht abschließend beurteilen. Ein neuer Versuch würde sich nur mit weniger Gästen, weniger Themen und weniger Show lohnen. Bis dahin sollte sich Raab lieber um seine vielen anderen Schweine kümmern. Das macht er schließlich seit Jahren ziemlich gut.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann das hier.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Thore Barfuss: Die neue Kohl-Hörigkeit

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