Es hat inzwischen fast etwas von einer schönen Legende. Wenn der Sohn am Wochenende in überfüllten Zügen oder nach halsbrecherischen Autobahnfahrten aus der Kaserne heimkehrt, so will es die Mär, wäscht die Mutter seinen Feldanzug und erfährt dabei die Sorgen und Nöte ihres wehrdienstleistenden Jungen. Die Gesellschaft, wie schön, nimmt Anteil an den Männern, die für sie den Dienst mit der Waffe leisten. Und das Ganze heißt “Verankerung in der Bevölkerung”, die erst gewährleiste, dass die Armee eines demokratischen Staates auch eine demokratische Armee bleibe.
Die Wehrpflicht zum Garant der Demokratie hochzustilisieren, geht an der Wirklichkeit vorbei
Mit der Realität hat das wenig zu tun. Ganze 15 Prozent eines Geburtsjahrgangs rücken inzwischen in die Kasernen ein, um sechs Monate zum Anfangssoldat mit begrenzten Kenntnissen ausgebildet zu werden. In den Auslandseinsatz, für den eine Anteilnahme der Bevölkerung viel wichtiger wäre als für den Wehrdienst, gehen diese Grundwehrdienstleistenden nicht. Die Halbierung der Kalten-Kriegs-Bundeswehr mit ihrer halben Million Soldaten – im Frieden – hat ganze Landstriche soldatenfrei gemacht. Formal ist bald die Hälfte der gemusterten jungen Männer untauglich – weil die Truppe ihre Ansprüche hoch geschraubt hat, um nicht mehr Wehrpflichtige einzuziehen, als sie auch unterbringen und ausbilden kann.
In dieser Situation die in Deutschland bald 200 Jahre alte Wehrpflicht, eingeführt von einem damals nicht gerade demokratischen Staatswesen, zum Garant der Demokratie hochzustilisieren, geht an der Wirklichkeit vorbei. Dass die Truppe auf ihre Wehrdienstleistenden nicht verzichten will, hat vor allem mit dem nötigen Nachwuchs zu tun. Schließlich scheiden jedes Jahr 20.000 Berufs- und Zeitsoldaten aus und müssen ersetzt werden. Und wer schon in der Uniform steckt, ist leichter zu motivieren, das weiter zu machen – vielleicht kurzzeitig bis zu 23 Monaten, Auslandseinsatz zum Beispiel in Afghanistan inklusive. Oder sich gleich auf etliche Jahre zu verpflichten.
Freiwilliges Soziales Jahr, aber in Uniform
Das jetzt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg akzeptierte Spardiktat, bis zu 40.000 Stellen der Zeit- und Berufssoldaten abzubauen, bringt Schwung in die Debatte: Selbst für nur 15 Prozent eines Geburtsjahrgangs hat die Truppe dann nicht mehr die Kapazitäten, die Wehrpflichtigen anständig auszubilden. Wer diese Zwangspflicht erhalten wollte, müsste deshalb sehr gute Gründe haben. Jenseits des Wunschdenkens, nur so sei die gesellschaftliche Verankerung zu erhalten. Die sind für eine Armee, deren Aufträge jetzt und vermutlich auch in Zukunft außerhalb der Bundesgrenze liegen, so leicht nicht zu finden.
Ein Modell, wie es weiter gehen könnte, hat zu Guttenberg bereits in den Überlegungen untergebracht, die er diese Woche der Kanzlerin präsentierte: So was ähnliches wie ein Freiwilliges Soziales Jahr, aber in Uniform. Mit Soldaten, die von sich aus kommen, aber sich nicht auf Dauer verpflichten wollen. “Dienst für die Gesellschaft” nennt das der CSU-Politiker. Jetzt müsste die Gesellschaft nur noch akzeptieren, dass junge Männer (vielleicht auch Frauen?) diesen Dienst für sie leisten. Wie sie es beim Freiwilligen Sozialen Jahr auch tut.





















Volle Zustimmung. Die schlichte Wahrheit auf den Punkt gebracht und die übliche Traumtänzerei der Wehrpflichtbefürworter schön aufgezeigt. Ein Artikel, den man so manchen CDU und CSU Politiker als Bettlektüre nur empfehlen kann.
Da muss ich dem Autor voll und ganz zustimmen.
Die Wehrpflicht steht mittlerweile wirklich auf sehr wackligen Füßen, was nicht zuletzt durch die anstehende Verkürzung auf mittlerweile 6 Monate (geplant ab 2011),
begründet ist.
Die Wehrpflicht macht deshalb einfach keinen Sinn mehr, denn sie bietet höchstens noch die Möglichkeit “mal rein zu schnuppern” wie es so in der Truppe ist, nicht mehr und nicht weniger.
Mit “Nachwuchsgewinnung” hat das nichts mehr zu tun, es ist mehr die Verwaltung einer alten Tradition.
So langsam dämmert mir, wessen Geistes Kinder sich hier tummeln…
Meine Wehrdienstzeit liegt noch keine drei jahre zurück und bei mir, allen Gegenthesen zum Trotz, war es genauso. Ebenso bei all´meinen Kameraden, die “Mär” scheint also immer noch Realität zu sein.
Jeder GWDL’er kann seine Uniformen kostenlos in der Kaserne waschen lassen.
Zeitsoldaten können die auch Waschen lassen, kostet aber ein bisschen ( wie zu Haus ja eigentlich auch)
Und wenn die Heimfahrt Halsbrecherisch ist, selber Schuld, zwingt einen doch niemanden zu rasen??
Und gegen überfüllte Züge helfen Chefs, die einen Freitag eher nach Hause schicken, vor dem ganzen Berufsverkehr…
Und was hat das mit dem eigentlichen Inhalt des Artikels zu tun?
Wie immer versaut es unsere Politik auch bei dem Thema Wehrpflicht eine dringend notwendige Reform auf die Beine zu stellen. Anstatt sich die Frage zu stellen wie die Bundeswehr ihren Aufgaben gerecht werden kann und welcher Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen versucht jede Partei ihrer Klientel gerecht zu werden.Jeder komunistische 5 Jahresplan war besser durchdacht als das, was bei diesem Reförmchen rauskommen wird.Die Wehrpflicht wird als demokratische heilige Kuh der breiten Masse aufgebaut die sie wahrlich schon lange nicht mehr ist.Besteht der Wehrdienst, kann ich auch einen Sozialdienst fordern, das ist der Grund warum mit allen unsinnigen Argumenten am Wehrdienst festgehalten wird.Man appeliert an den Patriotismus und das soziale Gewissen unserer Jugend.Nur gibt es in der Politik nicht ein Vorbild der diese beiden Kreterien besitzt dem unsere Jugend nacheifern kann.Es war die Politik und nicht der Bürger der in den 70ern den Soldaten zum potentiellen Mörder stempelte. Da dieses Argument beim Volk schon lange nicht mehr ankommt bringt man die Wehrgerechtigkeit ins Spiel. Ein falscher Hinweis, denn eine Wehrgerechtigkeit gab es noch nie.Wenden wir uns mal der Ausbildung eines Soldaten zu. Was kann ich ihm in nur 6 Monaten beibringen?Grundkenntnisse mehr nicht. Hitlers Volkssturm war dagen besser ausgebildet. Ein Wehrdienst von 6 Monaten reicht gerade mal um dem Soldaten den Umgang mit seinem Sturmgewehr und etwasVerhalten im Gefecht zu lehren. Für eine witergehende Ausbildung an Fahrzeugen oder etwa Waffensystemen ist da nicht zu denken, selbst ein Jahr, ist sehr zu wenig.Ein weiterer von der Politik angeführte Aspekt, das Geld, das können wir uns nicht mehr Leisten.Nun, wenn man mal so eben 200 Milliarden zur Bankenrettung vom Haushalt zweckentfremdet wegnimmt, klar das da an anderer Stelle gespart werden soll.Nur, zur Stützung der Aktienkurse der Banken war der Bundeshaushalt vom Gesetz nicht vorgesehen, zum Unterhalt der Bundeswehr aber schon.Wäre es da nicht,angesichts der geplünderten Kassen, sinnvoller zu sagen wir lösen die Bundeswehr auf? Das geht auch nicht, denn in der hintersten Ecke ihres Denkaperates ist sich die Politik nicht sicher , es kann ja sein das wir sie doch bräuchten.Es ist daher abzusehen das die Wehrpflicht erhalten bleibt, trotz der damit verbunden mangelden Ausbildung und der Wehrungerechtigkeit.