Transparenz und das Recht auf gesunde, sichere, ausreichende Ernährung ist ein Bürgerrecht. Thilo Bode

Spiegel Online, übernehmen Sie!

Dass der Steuerzahler den Glasfaserausbau in Metropolen bezahlen soll ist ein Skandal. Noch schlimmer ist aber, dass die Telekom-Lobby auf Deutschlands bekanntester Nachrichtenseite dafür argumentieren darf.

Hat da wohl die Lobby der Telekom bei „Spiegel Online“ geschrieben? Der Artikel zur #Schmalband-Republik in Deutschland könnte vor allem den Interessensvertretern aus Bonn gefallen. Grundtenor: Der Steuerzahler soll das ganze Land mit schicken Glasfasern bis an den Vorgarten beglücken. Kosten: 70 bis 80 Mrd. Euro.

Dabei wird ganz bewusst verschwiegen, dass die letzte Meile aus Glas noch lange nicht nötig ist. Denn es gibt zwei Infrastrukturen in diesem Land: Telefonleitungen mit DSL (Klingeldraht) und Kabelfernsehen (Coax). Der Spiegel sitzt dem Irrtum auf, Breitband mit eben jenem Klingeldraht gleichzusetzen. Dort ist tatsächlich selbst mit Vectoring und Bonding bei 200 MBit/s Schluss und das auch nur in idealtypischen Bedingungen.

Produkt statt Science-Fiction

Doch in 61 Prozent der deutschen Haushalte liegt ein Koaxialkabel, ehemals für den Empfang von Kabelfernsehen verlegt. Hier wurde in den vergangenen Jahren viel investiert und 58 Prozent der Haushalte können heute über diese Leitung ins Internet gehen mit Geschwindigkeiten von 100 MBit/s und mehr. DOCSIS 3.0 und HFC sind hier die Stichworte. Ähnlich wie bei DSL haben auch die Kabelnetzbetreiber ihr Netz mit Glasfaser aufgerüstet. Die letzte Meile bleibt dann dem Koaxialkabel, das aber wohl noch Reserven hat.

Wie viele Reserven, das zeigt der deutsche Mittelständler AVM aus Berlin. Auf der CeBIT angekündigt wurde eine neue Fritzbox Cable: „Damit lässt sich am Kabelanschluss eine technologisch maximal mögliche Download-Geschwindigkeit von 880 bis 1.320 MBit/s erreichen. Die Upload-Geschwindigkeit beträgt dabei maximal 440 MBit/s“, heißt es im Pressetext. Hier ist nicht die Rede von Science-Fiction, sondern von einem Produkt, das bald in den Handel kommt.

Ein flächendeckender Glasfaserausbau hilft also vor allem einer Gruppe: den Anbietern von DSL-Anschlüssen – um das eigene Geschäftsmodell zu retten. Das kann aber kaum Aufgabe des Steuerzahlers sein.
Ein besserer Vorschlag kommt vom netzpolitischen Verein cnetz: Die technologieneutrale Forderung nach einem GBit-Netzwerk in den Vierteln, wo viele Internet-Gründer zu finden sind. Das bedeutet auch Anreize und Wettbewerb im Kabel, sodass hier die vorhandenen Ressourcen von 100 auf 1000 MBit/s hochgefahren werden.

Was man beim „Spiegel“ wohl gar nicht verstanden hat, ist der Unterschied zwischen verfügbarer Bandbreite und bestellter Bandbreite. Take-up-Rate nennt sich das im Fachjargon und bezeichnet die Anzahl der Anschlüsse, wo Kunden tatsächlich die maximal verfügbare Bandbreite gebucht haben. Und siehe da: Bei den VDSL- und HFC-Anschlüssen lag diese 2012 immer noch unter 10 Prozent. Daraus kann man aber wohl weder der Kanzlerin noch der Deutschen Telekom einen Vorwurf machen: offenbar sind 90 Prozent der Kunden zufrieden mit ihrer bisherigen Geschwindigkeit.

Kommunale Verantwortung ist gefragt

Ist also alles in Butter? Nein. Denn in manchen eher ländlichen Teilen Deutschlands gibt es weiterhin Handlungsbedarf. Hier hat der Bundestag mit dem neuen Telekommunikationsgesetz (TKG) jedoch deutliche Hilfestellungen gegeben: Die Bahn und andere werden nun gezwungen, ihre Kabeltröge auch für Glasfaser zu öffnen. Statt metertiefer Kabel ist nun auch Microtrenching erlaubt. Und für den Hausstich beim Glasfaserausbau muss nicht mehr auf die Zustimmung selbst der langsamsten Eigentümerversammlung gewartet werden.

Es gibt eine Reihe von Förderprogrammen. Mit eben jenen Förderprogrammen rüstet Bayern derzeit sehr ordentlich auf: 500.000 Euro Fördermittel pro Gemeinde. Auch andere Bundesländer könnten das. Verantwortung liegt aber auch vor Ort: Wo der Bürgermeister Breitband schon frühzeitig zur Chefsache erklärt hat, sind heute meist die Leitungen da. Dennoch brauchen wir mehr Beratung vor Ort und dazu wurde das Breitbandbüro des Bundes gegründet, flankiert durch Breitbandzentren der Länder. Ich setze mich dafür ein, mit weiteren Förderprogrammen bei der KfW hier auch noch mehr zu helfen.

Mal Hand aufs Herz: Wer hat heute eigentlich noch ein Kabel in seinem Computer? Schnelles Internet fehlt vor allem unterwegs, die 3G-Netze platzen aus allen Nähten. Daher hat die Regierung als eines der ersten Länder weltweit Frequenzen für LTE/4G ausgewiesen. Es muss aber weiter gehen. Auch die Frequenzen im Bereich 700 MHz müssen schnell für LTE nutzbar gemacht werden, um die Bandbreiten zu verdoppeln. Und der netzpolitische Verein cnetz fordert gar die Abschaltung von DVB-T und Umwidmung dieser Frequenzen für Breitband. Sehr richtig, denn für Smartphones und Tablets brauchen wir deutlich mehr Power. Auch auf dem Land! Denn Touristen reisen besonders dort gerne hin, wo nicht nur Land und Luft erholsam sind, sondern auch iPad und Co. funktionieren. Und zwar bitte genauso wie in Berlin-Mitte. In diesem Sinne: „Spiegel Online“, übernehmen Sie!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nora Stampfl, Stefan Gradmann, Jörg Kantel.

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