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Ökobewegung 2.0

Das „Ecomodernist Manifesto“ wagt einen optimistischen Ausblick auf eine Welt des Wohlstands mit hohem Energie- und niedrigem Naturverbrauch. Wie genau die aussehen soll, ist aber unklar.

Die Ökologiebewegung leidet darunter, dass der sogenannte Klimaschutz alles dominiert und die falsche Idee von den Grenzen des Wachstums nicht totzukriegen ist. 18 Wissenschaftler und Umweltschützer aus dem Umfeld des amerikanischen Breakthrough Institute versuchen nun mit ihrem Manifest, wieder etwas Bewegung in die Debatte zu bekommen. Aus ihrer Sicht sind ein besseres Leben für alle Menschen, die Stabilisierung des Klimas und der Schutz der Natur miteinander vereinbar und zu erreichen.

Der entscheidende Faktor ist die Intensivierung. Land- und Forstwirtschaft sowie Aquakultur, Energieerzeugung und menschliche Siedlungsflächen sollen so intensiviert bzw. verdichtet und vom Naturverbrauch entkoppelt werden, dass viel Platz bleibt für wenig berührte Natur.

Fast allen Menschen geht es besser

Die Autoren bezeichnen sich selbst als Ökopragmatiker bzw. Ökomodernisten. Die Menschheitsentwicklung der letzten 200 Jahre sehen sie zu Recht als Erfolgsgeschichte. Global hat sich die Lebenserwartung verdoppelt. Wir sind in der Lage, überall auf der Welt mit den jeweiligen Umweltbedingungen zurechtzukommen, können uns effektiv vor ansteckenden Krankheiten schützen bzw. diese behandeln. Wir produzieren ausreichend Nahrung für viele Milliarden von Menschen. Wir müssen weniger arbeiten und genießen größeren Wohlstand und größere Freiheit. Fast allen Menschen geht es besser, als es ihren Eltern im gleichen Alter ging. Praktisch niemand will zurück in die Welt unserer Vorfahren.

Gelungen ist all dies auch dadurch, dass wir uns die Erde untertan gemacht haben und massiven Einfluss auf die Natur nehmen. Die globale Waldfläche hat um 20 Prozent abgenommen (steigt aber in vielen Regionen wieder). Viele Tier- und Pflanzenarten wurden stark dezimiert, viele sind ausgestorben. Müll und Schadstoffe belasten Ökosysteme. Doch die Umweltbelastung kennt nicht nur eine Richtung. Der technologische Fortschritt ermöglicht uns, dass die schädlichen Auswirkungen unseres Tuns auf die Natur in Relation zur Zunahme der Weltbevölkerung und dem Wirtschaftswachstum beständig zurückgehen. Diesen Trend gilt es konsequent weiterzuführen.

Ressourcen ad infinitum nutzen

Als ernsthafte Bedrohungen werden der Klimawandel, die Ausdünnung der Ozonschicht und die Versauerung der Meere genannt. Großer Handlungsbedarf besteht aber zunächst überall dort, wo Menschen unter den Folgen der Armut leiden und der Lebensstandard und die Sicherheit, die in den Industrienationen gewährleistet sind, erst noch hergestellt werden müssen. Die Mittel hierzu sind vorhanden. Überwunden werden müssen allerdings u.a. die ideologischen Vorbehalte, denen zufolge globaler Wohlstand als Bedrohung für die Natur fehlinterpretiert wird.

Als ausgesprochen positiver Trend und Verkörperung der Grundidee der Entkopplung von Naturverbrauch und Wachstum wird die globale Urbanisierung gesehen. Rund vier Milliarden Menschen wohnen heute in Städten, die zusammen dennoch weniger als drei Prozent der Erdoberfläche ausmachen. Natürlich nutzen sie nicht nur diese drei Prozent. Aber es gelingt ihnen zunehmend, die Belastung der restlichen 97 Prozent zu verringern. Insgesamt erscheint eine solche weitgehende Entkopplung machbar, die Trends gehen eindeutig in diese Richtung. Moderne Technologien ermöglichen eine Kreislaufwirtschaft, in der alle vorhandenen Ressourcen ad infinitum wiedergenutzt werden können und der Schadstoffeintrag so reduziert ist, dass keine nennenswerte Beeinträchtigung der Natur besteht.

Globaler Wohlstand in einer künstlichen Welt

Will man alle anderen Ressourcen schonen, darf man allerdings nicht vor dem weiter wachsenden Gebrauch einer ganz besonderen Ressource zurückschrecken: der Energie. Hoher Energieeinsatz ermöglicht wirkungsvollen und effizienten Gebrauch aller anderen natürlichen Ressourcen, etwa durch Wasserreinigung und -entsalzung, umfassendes Recycling, intensive Landwirtschaft mit minimalem Flächenverbrauch etc. Ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist damit die Entwicklung von Technologien zur billigen Erzeugung großer Mengen an Energie. Ein erster, entscheidender Schritt dorthin ist, sich von der Idee zu trennen, Energieverbrauch sei etwas Schlechtes und müsse künstlich verteuert werden. Denn für Milliarden armer Menschen ist billige Energie von enormer Bedeutung. Auch wenn wir billige Energie mit einem vorübergehend weiter wachsenden CO2-Ausstoß erkaufen, hat dieses Ziel Vorrang. Die Klimaproblematik kann nicht durch Verzicht, sondern nur durch profunden technologischen Fortschritt gelöst werden. Aus Sicht der Autoren werden zukünftige hocheffiziente Solarzellen sowie deutlich effizientere und sicherere Kernreaktoren als heute die Mittel der Wahl sein, um den globalen Wohlstand vom Naturverbrauch zu entkoppeln und gleichzeitig das Klima zu stabilisieren.

Die Vision der Ökomodernisten zeigt uns eine menschengemachte und somit also künstliche Welt, die globalen Wohlstand ermöglicht. Und eine Natur, die dem Menschen nicht mehr zur Ausbeutung, sondern zum Wohlgefallen dient. Das ist eine Vorstellung, mit der sich fast jeder anfreunden können sollte. Gerade von denen, die sich Ökologie und Naturschutz verbunden fühlen, werden allerdings viele zweifeln und sich schwertun, von der falschen Idee der Unvereinbarkeit von Wachstum und Naturbewahrung abzurücken. Auch über den Weg zum Ziel dürfte noch viel Uneinigkeit herrschen. Die Autoren des Manifests sehen sowohl Wirtschaft, Bürger als auch einen aktiven Staat gefordert.

Es sind also noch viele Fragen offen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, die hier angestoßene Debatte in größerer Breite zu führen und so etwas Bewegung in die von Pessimismus, Technologieskepsis und Wachstumsfeindlichkeit geprägte Ökobewegung zu bringen.

Das Ecomodernist Manifesto

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Felix Ekardt, Thilo Spahl, Volker Quaschning.

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