Das großbürgerliche Feuilleton ist immer zur Stelle, wenn es was zu hacken gibt. Günter Grass

Respekt statt Hass

Antisemitismus und Islam werden oft in einem Atemzug genannt. Ein großer Fehler.

Im Schatten des Israel-Palästina-Konflikts wird eine neue Welle von Antisemitismus in Deutschland heraufbeschworen. Proteste muslimischer Jugendlicher arten in antijüdische Ausschreitungen aus. In gerechtfertigte Israel-Kritik mischt sich purer Judenhass und suggeriert fälschlicherweise eine Verankerung des Antisemitismus im Islam. Ein Blick auf die islamische Lehre und Tradition dagegen zeigt ein sehr differenziertes Bild − trotz darin auftretender Spannungen.

Tiefer Respekt vor Juden im Islam

Es darf nicht vergessen werden, dass der Islam sich selbst in einer Kette der Religionen als Abschluss der göttlichen Lehren für die Menschheit sieht. Vor diesem Hintergrund erscheint jede Schmähung der Juden so, als würde man ein mehrstöckiges Haus errichten, sich im obersten Stockwerk einnisten und gleichzeitig die Grundfeste zu zerstören versuchen, weil man meint, sie hätten nichts mehr mit den oberen Stockwerken gemein. Trotz dessen kam es in der Frühgeschichte des Islam sicherlich zu Auseinandersetzungen mit den jüdischen Bündnispartnern, da einige von ihnen vertragliche und politische Verpflichtungen nicht erfüllten, sogar Mordversuche an dem Propheten Mohammed verübten. Trotz alledem bewies der Prophet des Islam Zeit seines Lebens immer wieder, wie sehr er Juden respektierte.

Im Koran wird ohne Frage auch scharfe Kritik an der jüdischen Glaubenspraxis geübt. In einem Urteil über die Kinder Israels, also Juden und Christen, zürnt Gott darüber, dass sie vom rechten Pfad abgekommen seien und bezeichnet sie an einer Stelle als „Schweine und Affen“. Wer nun diese Aussage als ein Pauschalurteil auffasst, der zeigt sich unwissend über den Inhalt des Korans. Die Heilige Schrift der Muslime ist kein Nachschlagewerk, sondern muss ganzheitlich verstanden werden. Und da der Koran Bilder und Gleichnisse enthält, muss er interpretiert werden. Wenn also einigen Juden und Christen die Eigenschaften eines Schweins oder eines Affen zugeschrieben werden, dann wird auf diejenigen Menschen verwiesen, die, nachdem Gott sie rechtleitete und reichlich beschenkte, ihm Götter zur Seite stellten und sich als undankbar erwiesen. Sie begannen, ähnlich wie Schweine, ohne zu selektieren alles zu konsumieren, und, den Affen ähnlich, alles um sich herum nachzuahmen.

Gleichzeitig pflegt der Islam einen sehr differenzierten Blick auf die jüdische Glaubenspraxis. Besonders fällt auf, dass auch Juden in das ewige Paradies einziehen dürfen. Es heißt:

„Die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer (unter diesen) wahrhaft an Allah (Gott) glaubt und an den Jüngsten Tag und gute Werke tut –, sie sollen ihren Lohn empfangen von ihrem Herrn, und keine Furcht soll über sie kommen, noch sollen sie trauern.“ (2:63)

Neben dem Koran gibt es unzählige Überlieferungen, die von einer großen Wertschätzung des Judentums zeugen. So wird überliefert, dass der Prophet aus Respekt aufstand, als eine jüdische Leichenprozession an ihm vorbeizog. Als er von einem Gefährten darauf hingewiesen wurde, dass es das Begräbnis eines Juden sei, antwortete er: „Ist das keine Menschenseele?“ (Bukhari). Als Safiyyah, die jüdische Ehefrau des Propheten, verächtlich als „Tochter eines Juden“ bezeichnet wurde, bat der Prophet darum, darauf so zu antworten: „Warum bist du besser als ich, wenn mein Mann Mohammed ist, mein Vater Aaron und mein Onkel Mose?“ (Tirmidhi).

Die judeo-arabische Kultur

Nach dem Ableben des Propheten Mohammed und seiner Kalifen folgten rein weltliche Herrschaftsformen, in denen Führer unter dem Deckmantel des Islam unmoralisch handelten. Sie eroberten und mordeten aus Habsucht, Herrschsucht und Ehrsucht. In diesen Zeiten geschah auch den Juden zeitweise großes Unrecht. Tatsächlich ist jedoch wenig bekannt, dass Juden in Spanien länger lebten als in jedem anderen Land, einschließlich Israel. Einen Großteil der Zeit auf der iberischen Halbinsel verbrachten diese Juden unter muslimischer Herrschaft, welche auch den längsten Zeitraum einer friedlichen Koexistenz mit anderen Gesellschaften darstellt. Im 8. Jahrhundert siegten Muslime über das christliche Spanien, in denen Juden starker Ausgrenzung ausgesetzt waren. Die dort lebenden Juden empfanden die muslimische Eroberung Iberiens als eine Befreiung und bildeten den Beginn einer jüdisch-islamischen Symbiose. In den Folgejahrhunderten erbrachten Juden unter der muslimischen Herrschaft in nahezu allen kulturellen Bereichen Höchstleistungen.

Antisemitismus unter Muslimen bildete sich erst viel später im 19. Jahrhundert im geschwächten Osmanischen Reich heraus. Sündenböcke und Feindbilder bei Verbrechen, Seuchen und Unheil aller Art waren schnell gefunden. Ethnische und religiöse Minderheiten, auch Juden, da sie nur wenig integriert waren und häufig unter Restriktionen litten, wurden zur Zielscheibe des sich ausbreitenden Hasses. Erstaunlich ist hierbei, dass antisemitische Ideologien erst aus Europa importiert wurden, indem antisemitische Pamphlete meist christlicher Verfasser ins Arabische übersetzt wurden. Erst im 20. Jahrhundert wurden zusätzlich nationalsozialistische Ideologien importiert, die seitdem eine wichtige Quelle der Inspiration für islamistische Bewegungen der arabischen Welt darstellen.

Wege zur Bekämpfung des Antisemitismus

Wie kann man nun diesem „neuen“ Judenhass begegnen, der als Konsequenz des ungelösten Israel-Palästina-Problems aufflammt? Die Menschen müssen endlich wieder zwischen dem israelischen Staat und den Juden unterscheiden können. Das wird indes nicht funktionieren, wenn der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dr. Graumann, mehr Empathie und Verständnis für den jüdischen Staat fordert, sobald Kritik an der israelischen Politik geäußert wird. Medien und Politik sollten nicht mit dem Verweis auf schreckliche Dinge der Vergangenheit das heutige Unrecht geschehen lassen. Ja, Frau Merkel, nicht nur die Sicherheit Israels sollte zur Staatsräson gehören, sondern der Schutz jedes einzelnen Menschenlebens!

Sollte jede Israel-Kritik als „antisemitisch“ abgestempelt werden, dann wird der Frust der schweigenden Kritiker sie in extreme Haltungen führen. Jüdische Gemeinden müssen mit unpolitischen Aktionen mehr Transparenz, mehr Berührungspunkte und Dialogmöglichkeiten schaffen. Zu betonen wäre hierbei, dass antimuslimische Ressentiments in keiner Weise zur Bekämpfung von Judenhass beitragen können. Man kann doch nicht brennende Häuser löschen, indem man andere Häuser anzündet!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kamel Daoud , Henryk Broder, Sahra Wagenknecht.

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