Der Bologna-Prozess ist gescheitert. Konformistische Leistungsbereitschaft ist das neue Maß der Dinge, die Studienbedingungen aber haben sich eher noch verschlechtert. Wenn man merkt, dass der falsche Weg eingeschlagen ist, wieso ändert man dann nichts?
Die Studenten streiken und alle zeigen Verständnis: Rektoren, Politiker, Parteien und Verbände. Wir brauchen aber kein Verständnis, sondern ein Ziel: Was sollen unsere Hochschulen leisten? Und vor allem: Wie können sie es leisten? Die Hochschule von morgen braucht nicht einfach mehr Geld, sondern moderne Managementstrukturen. Denn nur ein gut organisiertes System kann auch sozial sein.
An seinen eigenen Zielen gemessen, muss der Bologna-Prozess als gescheitert gelten. Schlimmer noch: Es drohen uns akademische Monokultur, verschulte Studiengänge, soziale Rücksichtslosigkeit und geistige Verödung. Bologna muss daher tief greifend reformiert werden. Oder europaweit beerdigt.
Der Geist ist aus den Hochschulen ausgezogen. Denn Bologna entwickelte sich in einem verhängnisvollen Kontext. Die Hochschulen sollten sich auf ihren Auftrag besinnen: die “Wahrheit” über die Wirklichkeit zu erforschen und der Öffentlichkeit zu vermitteln.
Wer die Universitäten einem ständigen Prozess des Planens, Berechnens, Evaluierens und Kontrollierens unterwerfen will, hat entweder die Idee der Universität nicht verstanden oder er hat sie verstanden, verachtet sie aber.
Es herrscht Verbesserungsbedarf, Fragen zur Umsetzung müssen beantwortet werden und doch: Bologna ist noch lange nicht gescheitert. Mit einer Vielfalt von Ideen und Konzepten, persönlichem Engagement bei neuen lebensweltlichen Problemlösungen und Freiheit in der Umsetzung gelangen wir über die Bildung zur offenen Gesellschaft.
Seit 2010 ist Androulla Vassiliou EU-Kommissarin für Bildung, Kultur und Jugend. Mit Martin Eiermann sprach sie über mangelnde Begeisterung für die Europäische Union und die Kritik am Bologna-Prozess.
Gesine Schwan spricht in Ihrem neuen Buch “Bildung: Ware oder öffentliches Gut?” aus, was viele Studenten seit Jahren behaupten: Bologna ist pervertiert worden. Wie eine viel versprechende Idee schlecht umgesetzt wurde, weshalb eine Entschleunigung der Bildung hilfreich wäre und was Rankings für Universitäten bedeuten, erklärt sie im Interview mit Inanna Fronius.