So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht. Margaret Thatcher

Andere Länder, gleiche Argumente

Entgegen dem vorherrschenden Eindruck ist die britische Euro-Skepsis ein relativ neues Phänomen – eine Graswurzelbewegung mit der Euro-Krise als perfektem Nährboden.

Viel ist inzwischen über die Möglichkeit geschrieben worden, dass Großbritannien sich in einem Referendum gegen eine Fortführung der EU-Mitgliedschaft aussprechen könnte. Das mag auf den ersten Blick bizarr erscheinen: Weder hat das Land den Euro als Währung eingeführt, noch hat die britische Wirtschaft besonders unter der Krise der vergangenen Jahre gelitten. Warum also sollte ausgerechnet das Vereinigte Königreich die erste Nation sein, die sich freiwillig aus der EU zurückzieht?

Euro-Skepsis ist ein Graswurzelphänomen

Wer die britische Politik der vergangenen Jahre verfolgt hat, kann davon allerdings kaum überrascht worden sein. Euro-Skepsis hat in London eine lange Tradition – die Euro-Krise ist daher nichts anderes als ein Katalysator, der tief sitzende Vorbehalte ans Tageslicht bringt.

Seit Jahren sind die Sympathien für die EU nirgendwo in Europa so niedrig wie in Großbritannien. Die Eurobarometer-Umfrage zeigt das regelmäßig. Euro-Skepsis ist zwar kein ausschließlich britisches Phänomen, aber die besondere Ausprägung auf der Insel lässt sich durch mehrere Faktoren erklären:

Eine Erkenntnis aus Umfragen ist, dass Euro-Skepsis unter den Eliten des Landes deutlich weniger verbreitet ist als unter den Wählern insgesamt. Euro-Skepsis ist ein Graswurzelphänomen. Es ist daher nicht zielführend, die britische Ideengeschichte zu durchstöbern und dort nach Erklärungen für die ablehnende Haltung vieler Briten zu suchen. Als politische Haltung hat Euro-Skepsis weiterhin erstaunlich wenig Einfluss auf den Großteil der Entscheider. Zwar hält die UK Independence Party (UKIP) einige Sitze im Europaparlament, doch Forderungen nach einem Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft werden vor allem von den Hinterbänklern der Konservativen geäußert.

Zweitens ist Euro-Skepsis ein relativ neues Phänomen. Vor weniger als 40 Jahren, im Jahr 1975, gab es bereits einmal ein Referendum in Großbritannien über den Verbleib in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft – 67,2 Prozent stimmten damals dafür. Verglichen mit den heutigen Umfragewerten ist das ein gewaltiger Unterschied. Euro-Skeptiker beklagen zwar immer noch (wie nicht anders zu erwarten), dass die Wähler damals durch gezielte Falschinformationen in ihrem Stimmverhalten manipuliert wurden. Doch es ist in diesem Fall egal, ob wir solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Fakt ist, dass die öffentliche Meinung sich seit 1975 fast komplett gedreht hat. Es wäre daher falsch, Euro-Skepsis als permanente Gefühlshaltung der Briten zu brandmarken.

Ähnliche Debatte in den USA

Normalerweise beginnt eine Erklärung der jüngsten Entwicklungen mit einer Diskussion medialer Berichterstattung. Die EU ist zur Zielscheibe für Boulevard-Magazine geworden, deren beißende Schlagzeilen vor allem auf eines abzielen: Aufmerksamkeit. Ein beliebtes Argument: Die EU wolle die britische Kultur untergraben. Oftmals haben solche Meldungen keine Faktenbasis – wie beispielsweise ein Artikel in der Zeitung „Daily Mail” über ein angebliches EU-Gesetz, das die Wiederverwertung alter Marmeladengläser verboten habe –, doch sie heizen alte Vorurteile an und sorgen für Hysterie.

Interessant an solchen Argumentationen ist vor allem, dass sie in abgewandelter Form auch in anderen Ländern existieren. In den USA beispielsweise wird eine ähnliche Debatte um die Beziehung zu den Vereinten Nationen geführt: Es wird kritisiert, dass die UN sich in interne Angelegenheiten einmischten und Gelder zur Finanzierung UN besser anderorts ausgegeben werden sollten. Populistische Gruppen aus dem Dunstkreis der „Tea Party” werben für einen Rückzug der USA aus der UN mit dem Argument, dass das Land sich damit vor der Einflussnahme durch andere Staaten schützen könne. Sie bemühen das Bild einer goldenen Vergangenheit, als die USA den Isolationismus pflegten und nur auf Basis eigener Ideale agierten.

Die populistischen Kampagnen der UKIP haben viel mit solchen Argumenten gemeinsam, auch wenn die britische Partei ihr Land nicht in die internationale Isolation treiben will – auch, weil es in Großbritannien (anders als in Amerika) dafür gar keine politische Tradition gibt. Seit Jahrhunderten ist Großbritannien in die kontinentaleuropäische Politik involviert; das Britische Empire hat wahrscheinlich sogar einen größeren Einfluss auf die Welt gehabt als jeder andere moderne Staat.

Selbst wenn es also im Zeitalter der Globalisierung möglich wäre, sich vom geopolitischen Verhandlungstisch zurückzuziehen, liefe dieses Vorhaben trotzdem konträr zu britischen Traditionen und Prinzipien, die sogar von vielen Euro-Skeptikern verinnerlicht worden sind. Die meisten britischen Euro-Skeptiker würden sogar behaupten, dass ihr Ziel gar nicht der Isolationismus ist – und stattdessen argumentieren, dass Großbritannien lediglich seinen außenpolitischen Fokus nicht mehr auf Europa legen sollte.

Kritik von rechts und links

Eine plausiblere Hypothese ist daher vielleicht, dass Euro-Skeptiker instinktiv auf die sinkende internationale Relevanz ihres Landes reagieren: Jeder Kompromiss und jede Akzeptanz wirtschaftlicher Interdependenz werden als Schwäche interpretiert. Den Euro-Skeptikern geht es also nicht um Isolation, sondern um die Rückkehr zu einer Weltordnung, in der Großbritannien noch eine globale Supermacht war. Manchmal wird dieser Gedanke sogar explizit formuliert – zum Beispiel, wenn die UKIP fordert., dass das Land statt auf europäische Integration auf eine Stärkung des „Commonwealth“ setzen sollte. Die Tatsache, dass genau diese Strategie in den 50er- und 60er-Jahren versucht und dann aufgegeben wurde, ist in diesen Kreisen anscheinend in Vergessenheit geraten.

Es wäre außerdem gefährlich, die Medien allein für das Aufkommen euro-skeptischer Haltungen verantwortlich zu machen. Wenn man das Argument überstrapaziert, werden leicht alle euro-skeptischen Meinungen als irrationale Folgen boulevardesker Hysterie abgestempelt. Doch es ist nicht unbedingt irrational, die europäische Integration kritisch zu betrachten. Mildere Formen der Euro-Skepsis existieren auch außerhalb des UKIP-Dunstkreises und außerhalb der Forderung, dass Großbritannien sich um jeden Preis aus der EU zurückziehen müsse.

Die Besonderheit der britischen Euro-Skepsis liegt im Populismus: Die EU wird zum Sündenbock für alle möglichen Vorbehalte gegen ausländische Einflüsse, übereifrige Gesetzgebung und bürokratische Strukturen. Daher überrascht es auch nicht, dass die EU von der Linken und der Rechten kritisiert wird.

Doch die Tatsache, dass Kritik an Europa oftmals auf einem grotesken Zerrbild der EU fußt (das lediglich auf den Titelseiten der britischen Zeitungen zu existieren scheint), mindert nicht den Einfluss solcher Argumente auf den öffentlichen Diskurs in Großbritannien. Solange wir diesen Vorbehalten nicht entschlossen entgegentreten, besteht wenig Hoffnung, dass ein erneutes Referendum genauso ausgehen wird wie die Abstimmung von vor knapp vierzig Jahren.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Juliane Sarnes, Alexander Alvaro, Maria von Welser.

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen und Sie sind an Debatten interessiert? Bestellen Sie jetzt den gedruckten „The European“ und freuen Sie sich auf 160 Seiten Streitkultur. Natürlich versandkostenfrei.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

Großbritannien in der Europäischen Union

Das R-Wort

Big_26883bcb7c

Es ist höchste Zeit, dass die Briten über die EU-Mitgliedschaft selbst entscheiden dürfen. Denn am Ende könnte ein Referendum die Beziehung zwischen der EU und Großbritannien sogar retten.

Small_cf6495037b
von Juliane Sarnes
17.02.2013

Die Extrawurst-Europäer

Big_837011bf43

Sollen die Briten doch über ihre EU-Zugehörigkeit abstimmen. Dann aber bitte bald, Europa bis 2017 schmoren zu lassen, ist unfair.

Small_5e33a3aab1
von Alexander Alvaro
03.02.2013

Im Nebel

Big_5ef4158772

David Cameron agiert in Europa ohne Instinkt. Der Nebel zwischen Großbritannien und dem Kontinent verdichtet sich.

Small_09853ec47b
von Maria von Welser
24.01.2013

Mehr zum Thema: Europa-politik, Grossbritannien, Eu-austritt

Kolumne

  • Zweieinhalb Jahre nach Sarrazin will in Deutschland fast niemand mehr über Zuwanderung sprechen. Das ist verständlich: Debatten über Immigration sind in Europa derzeit nicht ohne Populismus zu haben. weiterlesen

Medium_096be94fdd
von Martin Eiermann
16.08.2013

Debatte

Britische Reaktion auf Prism und Tempora

Medium_06b658ae27

Temporare Empörung

Während Edward Snowdens Enthüllungen hierzulande Wellen der Entrüstung ausgelöst haben, nehmen die Briten die Bespitzelung achselzuckend in Kauf. Fehlt den Deutschen das Vertrauen oder den Briten d... weiterlesen

Medium_cda10de9ec
von Rachelle Pouplier
07.08.2013

Debatte

Nachwuchs im britischen Königshaus

Medium_56896e0f72

Hauptsache Baby

Prinz George – der jüngste Spross des britischen Königshauses – ahnt nicht, wie sehr er sein künftiges Reich spaltet. Während die einen nur über die zum Unterhalt der Royals notwendigen Steuern läs... weiterlesen

Medium_cda10de9ec
von Rachelle Pouplier
30.07.2013
meistgelesen / meistkommentiert