Stolze Menschen verirren sich lieber, als nach dem Weg zu fragen. Winston Churchill

Das Erbe der Konquistadoren

In der Krise ruhen Spaniens Hoffnungen nicht nur auf dem Klingelbeutel der EU. Das Land hat sein wirtschaftliches Schicksal selbst in der Hand, wenn es seine engen Verbindungen nach Lateinamerika nutzen kann.

europaeische-union spanien institut-der-deutschen-wirtschaft suedamerika lateinamerika

Die solide ökonomische Performanz in Lateinamerika bietet spanischen Firmen eine Möglichkeit, ihre Verluste im Land und in Europa auszugleichen. In den 90er-Jahren begannen spanische Unternehmen damit, international zu expandieren. Vor allem in Lateinamerika konnten sie auf die traditionellen Verbindungen mit der Region aufbauen und daraus Vorteile ziehen. Spanien wurde so zur zweitgrößten Quelle von ausländischen Direktinvestitionen, übertroffen nur von den USA.

2011 fuhren drei der fünf größten spanischen Firmen in Lateinamerika größere Gewinne ein als in Spanien selbst. Für den Telekommunikationsanbieter Telefonica sowie die Banken Santander und Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) – die vom Umsatz her erst-, zweit- und viertgrößten spanischen Unternehmen – wurde Lateinamerika zur wichtigsten Umsatzquelle überhaupt.
Spanische Investitionen haben sich dabei auf relativ wenige Sektoren konzentriert, vor allem Telekommunikation, Finanzen, kommunale Versorgung und Energie. Nur einige wenige Unternehmen haben investiert.

Die erste Phase der Expansion konzentrierte sich auf die größten Märkte: Mexiko, Brasilien und Argentinien. Später breiteten sich die Firmen dann über das gesamte Mittel- und Südamerika aus. Neuerdings werden auch kleinere Märkte wie Peru, Kolumbien und Venezuela penetriert.

Die Wirtschaftskrise

Im Jahr 2008 haben die Investitionen spanischer Unternehmen als Ergebnis der internationalen Finanzkrise stark gelitten. Spanien fiel auf den vierten Platz der ausländischen Direktinvestoren zurück und liegt nun hinter den USA, China und den Niederlanden.
Dennoch haben im gleichen Zeitraum viele spanische Firmen Lateinamerika dazu genutzt, ihre heimischen Verluste zu kompensieren. Eine Studie der Freien Universität Madrid zeigt, dass die in Lateinamerika aktiven Top-35-Firmen des spanischen Aktienindex ihren Profit im Schnitt erhöhen konnten, während die nicht auf dem Markt aktiven Firmen verloren.

Santander hat 2011 mehr als die Hälfte seines Profits in Lateinamerika erwirtschaftet, mit Brasilien, Mexiko und Chile als größten Quellen. Auch Telefonica machte mehr als die Hälfte seiner Profite in der Region, meist durch Geschäfte in Brasilien, Argentinien und Chile. Und die Bank Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) verdiente zwei Drittel ihres Geldes in den früheren spanischen Kolonien – alleine in Mexiko mehr als in Spanien selbst.

Trotz Krise wächst die Wirtschaft in Lateinamerika mit hohen Raten, vor allem in Relation zu Europa. Laut Internationalem Währungsfond (IWF) kann für die Region 2012 ein Wachstum von 3,7 Prozent und 4,1 Prozent für 2013 erwartet werden.

Möglichkeiten

Die Hauptsektoren, in denen spanische Firmen operieren – Telekommunikation, Finanzen und Energie –, werden den Erwartungen nach in den kommenden Jahren weiter wachsen.

Die schon derzeit starke Präsenz der spanischen Banken in Lateinamerika, wird von BBVA illustriert: Nach absoluten Einlagen gezählt, ist das Unternehmen die größte Bank Mexikos, Nummer vier in Argentinien und Nummer sechs in Chile. Gleichzeitig ist Santander die größte Bank Chiles, kommt in Mexiko und Argentinien an dritter Stelle und ist Nummer sechs in Brasilien.

Lateinamerikas Attraktivität für Banken steigt. Nachdem die Gegend in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren von mehreren Krisen erschüttert wurde, hat das Finanzsystem inzwischen an Stärke, Stabilität und Vielfalt deutlich zugelegt. Die relative Verschuldung der Privathaushalte ist vergleichsweise gering. Während sie in Spanien zuletzt 128 Prozent betrug, liegt sie in Chile bei 70, in Brasilien und Argentinien nur bei 40 Prozent. Zusätzlich verfügen lateinamerikanische Banken über eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von 13 Prozent, in Spanien beträgt sie nur neun Prozent. Auch ihre Quote an faulen Krediten ist mit 2,6 bis 3,4 Prozent niedrig im Vergleich zu dem spanischen Durchschnittswert von 5,27 Prozent. In der Region werden Banken noch vergleichsweise selten genutzt, weshalb der Branche viel Wachstumspotenzial bleibt.

Auch die Telekommunikationsbranche Lateinamerikas bietet Wachstumsmöglichkeiten. Nach Branchenberichten wird starkes regionales Wachstum im Breitband- und Mobilfunkgeschäft die nächsten Jahre prägen, wodurch der kontinuierlich schrumpfende Festnetzmarkt ausgeglichen wird.

Für diese Expansion werden Investitionen und Expertise benötigt. Das Know-how von Großunternehmen mit umfangreicher Erfahrung auf dem europäischen Markt wie Telefonica wird diesen Prozess erheblich erleichtern. Diese Möglichkeiten werden sich auch für die globalen Telekommunikationsriesen ergeben, ebenso wie für einige lateinamerikanische Unternehmen, wodurch sich der Druck auf die um ihren Wettbewerbsvorteil bedachten Spanier erhöhen wird.

Der Energiesektor wird angesichts der großen Öl- und Elektrizitätsnachfrage in Lateinamerika in den kommenden Jahren ebenfalls Geschäftsmöglichkeiten bieten.

Risiken

Jenseits der Möglichkeiten werden spanische Unternehmen in Lateinamerika ökonomischen wie politischen Risiken ausgesetzt sein. Obgleich der lateinamerikanische Wirtschaftsraum weiter wächst, könnte die internationale Wirtschaftskrise die Region stärker treffen als erwartet. Das Wachstum etwa in Argentinien wird sich vermutlich 2012 im Vergleich zum Vorjahr halbieren. Chile, Kolumbien und Mexiko werden in den kommenden zwei Jahren aller Erwartung nach geringe Einbußen ihres Wirtschaftswachstums hinnehmen müssen. Trotzdem hängen sie Europa weiter ab.

Spanische Unternehmen werden sich auch den Änderungen der politischen Landschaft Lateinamerikas anpassen müssen. Die Risiken liegen dabei in einem beschränkten Kapitalverkehr oder möglichen Verstaatlichungen. Manche Länder wie Brasilien und Chile haben erste Schritte eingeleitet, um die Massen von US-Dollar unter Kontrolle zu bringen, die Sorgen hinsichtlich einer ökonomischen Überhitzung sowie der Export-Konkurrenzfähigkeit nähren. Andere Länder wie etwa Argentinien oder Venezuela haben Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, um Kapitalflucht zu verhindern. Wenn spanische Unternehmen in ihrer Freiheit Kapital zu verschieben beschränkt werden, wird ihre Handlungsfähigkeit in der Region reduziert werden. Die jüngsten Verstaatlichungen in Venezuela und Bolivien sowie die Enteignung von Repsol YPFs Argentinien-Geschäft im April dienen als Schlaglichter für die politischen Risiken Lateinamerikas.

Spanische Unternehmen werden auch weiterhin von der Krise in Europa betroffen sein. In Spanien ist sie längst noch nicht Vergangenheit und die inländischen Verluste mancher Firma dürften ihre Gewinne in Lateinamerika übersteigen. Dadurch könnten Unternehmen gezwungen sein, ihre Lateinamerika-Operationen zu liquidieren, allein um die Verluste auf dem Heimatmarkt zu kompensieren. Kreditaufnahme in Europa wird ebenfalls die Investitionsmöglichkeiten der Unternehmen beschränken. Spanische Firmen könnten sich in einem politischen Tauziehen wiederfinden, wenn Madrid sie dazu drängt, die Gewinne aus Lateinamerika zu nutzen, um in Spanien den Jobmotor anzuwerfen, während die lateinamerikanischen Regierungen die Unternehmen zu Reinvestitionen am Ort des Gewinns bewegen wollen. Solange Lateinamerika ein attraktiver Investitionsstandort bleibt, werden regionale Regierungen die Oberhand in Verhandlungen mit spanischen Unternehmen behalten. Wenn sich spanische Unternehmen für ihr Lateinamerika-Geschäft entscheiden, wird Spanien nicht in ähnlich substanzieller Weise von seinen Unternehmen in Lateinamerika profitieren.

Trotzdem, angesichts der schwindenden Möglichkeiten in Europa, werden spanische Unternehmen weiter versuchen, ihre Investitionen im relativ wohlhabenden Lateinamerika zu steigern. Sie werden Länder mit hohen Wachstumsraten, einem robusten Binnenmarkt und freundlichem Geschäftsklima bevorzugen. Daher werden Brasilien und Mexiko weiter die Hauptanlaufziele für spanische Direktinvestitionen bleiben. Kleinere aufstrebende Märkte wie Uruguay, Chile, Peru oder Kolumbien könnten Länder verdrängen, in denen das Geschäftsklima unwirtlicher wird, wie etwa in Argentinien. Solange Lateinamerika ein attraktiver Investitionsstandort bleibt, werden spanische Unternehmen jedoch auch ein instabiles Geschäftsumfeld tolerieren.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Europaeische-union, Spanien, Institut-der-deutschen-wirtschaft

Debatte

Gier an den Aktienmärkten

Medium_300472f65c

Zeigt uns euer Geld

Euphorie führt zur Blase. Die Vorstellung, dass dieses Mal alles anders kommt, ist der wohl teuerste Irrglaube an der Börse. Der aktuelle Hype um Unternehmen wie Foursquare und LinkedIn zeigt, dass... weiterlesen

Medium_5ce7783e32
von Rainer Heißmann
27.06.2011
meistgelesen / meistkommentiert