Die Menschen interessieren sich zu wenig für Europa. Anthony Grayling

Fuchteln mit dem Benzinkanister

„Bild“ kennt nur ein Gebot: Du darfst nicht langweilen. Deshalb inszeniert „Bild“, deshalb bricht „Bild“ alle Regeln, deshalb fuchtelt die Zeitung täglich mit dem Benzinkanister. Und doch, die Erfolgskurve fällt ab.

Wir stecken in einem Umbruch der massenmedialen Kommunikation. Grenzen werden gesprengt: zwischen privat und öffentlich, Fakten und Fiktionen, zwischen Journalismus und anderen Arten öffentlicher Kommunikation wie Unterhaltung, Werbung, Öffentlichkeitsarbeit. Mit diesen Grenzverschiebungen müssen sich alle auseinandersetzen, die ein Interesse an der Qualität von Öffentlichkeit haben.

Journalistische Veröffentlichungen haben im Kern drei Anforderungen zu genügen. Sie müssen neu, gesellschaftlich wichtig und richtig sein. Solche Kriterien lassen sich nicht ohne Sachkenntnisse, gründliche Recherche, ein unabhängiges Urteil und viel Verantwortung erfüllen. Deshalb hat Journalismus seinen Preis und verdient die Reputation dieser Gesellschaft.

Du darfst nicht langweilen

Im Mittelpunkt aller „Bild“-Veröffentlichungen steht die Inszenierung, nicht der Journalismus. „Bild“ handelt entfesselt und bricht nach Gutdünken alle Regeln, an die sich alle anderen halten: Sie setzt alle Formen der Kommunikation ein – oft die der Werbung, selten die des Journalismus – und bedient sich, jenseits der Relevanz, aller Reizthemen. „Bild“ kennt nur ein Gebot: Du darfst nicht langweilen.

Deshalb inszeniert sich „Bild“ als Stimme des deutschen Volkes; abgesehen von der Lächerlichkeit dieses Anspruchs ist es einer, der jeglichen journalistischen Anliegen widerspricht. So wie „Bild“ in der Griechenland- und Euro-Krise Anfang 2010 eine Kampagne gegen Griechenland führte, so wurden früher Kriege vorbereitet. Sie mobilisiert Empörung über die Mühen der politischen Demokratie mit ihren schwierigen Entscheidungsprozessen: „Bild“ stellt sie erst als Zirkus dar und klagt die politische Demokratie anschließend an, sie sei nur Politzirkus.

Diekmann fuchtelt mit dem Benzinkanister

Wir alle unterscheiden: Was kann der, wie sieht die aus, warum hat der mehr Erfolg als ich. Unterscheiden gehört zu unserem Alltag. „Bild“ macht das Unterscheiden jedoch zu einer Waffe im Dienste des Ressentiments, um so maximale Aufmerksamkeit für sich zu erregen. Sie macht aus den Unterschieden Auf- und Abwertungen – der rücksichtslose Faule und der fleißige Gute, der Allah-gläubige Frauenzerstückler und der autoritäts- und rechtgläubige katholische Steuerzahler.

Für die Gesellschaft steckt in diesem Geschäft Zündstoff. Diekmann fuchtelt täglich mit dem Benzinkanister. Denn in Zeiten, in denen Unsicherheiten wachsen und Konflikte sich verschärfen, kann ein täglich inszeniertes System aus Abwertungen in kurzer Zeit Minderheiten zu gehetzten Sündenböcken machen. Wer will von sich behaupten, das noch kontrollieren zu können?

„Bild“ wertet Menschen ab

Nicht nur, aber auch aufgrund dieser Methoden der systematischen und radikalen Inszenierung ist „Bild“ als Massenmedium ökonomisch erfolgreich. Deshalb liegt für andere Medienmanager und Chefredakteure die Versuchung nahe, diese Methoden zu übernehmen.

Vermutlich deshalb ist „Bild“ inzwischen kein Outlaw mehr, sondern in der Mitte dieser Medien-Gesellschaft angekommen: Sie ist Leitmedium, sie wird von Sportlern, Künstlern, Politikern und Managern unter anderem in ihren Imagekampagnen hofiert; die wenigen, die sich verweigern, sind an einer Hand abzuzählen.

„Bild“ wertet Menschen ab. Eliten werten sie auf, denn sie erst verleihen der „Bild“-Kultur des Ressentiments Wirkung und Weihen. „Bild“ wird abgewertet: 5,5, Millionen verkaufte Exemplare (1985), 4,2 Millionen (2000), 2,7 Millionen (heute) …

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ursula Ernst, Wolfgang Donsbach, Bernd Blöbaum.

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