Der Sicherheitsmythos soll Ängste vertreiben. Ken’ichi Mishima

Unsere fremde Legion

Fast 50 Jahre lang galt die Bundeswehr den Deutschen als Friedensbewegung. Jetzt müssen deutsche Soldaten wieder kämpfen, und viele bringen den Krieg im Kopf mit nach Hause. Der Krieg entfremdet die Staatsbürger in Uniform. Wer das ändern will, muss den Einsatz in Afghanistan konsequent medialisieren. Wir brauchen Bilder dieses Krieges.

Welches Bild hat die deutsche Gesellschaft vom Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan? Welches Bild hat sie von ihren Soldaten? Dem ein oder anderen mögen noch die so genannten Schädelfotos in Erinnerung sein. In den Jahren 2003 und 2004 posierten deutsche Soldaten in Afghanistan mit menschlichen Überresten; die Bild-Zeitung hob die Fotografien 2006 auf die Titelseite. Positive Bilder aber fehlen. Diese Bilder braucht es jedoch – in einer Freiwilligenarmee umso mehr -, denn sie sind eine Grundlage, um den Dienst anzuerkennen. Genau darum geht es, wenn Verteidigungsminister Thomas de Maizière sagt „Unsere Soldaten sollen es als eine Auszeichnung begreifen und erleben, dass sie Deutschland dienen.“

Soldaten und Gesellschaft sind sich fremd

Soldaten, die im Gefecht stehen, fühlen, riechen und schmecken den Kampf. Sie erleben existenzielle Momente. Die Bilder und Erinnerungen brennen sich fest ins Gedächtnis ein. Dieses Paket bringen sie mit nach Hause, und allzu oft finden sie nicht die Worte, um über das Erlebte zu berichten. Der Krieg entfremdet die Staatsbürger in Uniform der Gesellschaft, aus der sie stammen und zu der sie gehören wollen. Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass Soldaten und Gesellschaft keine gemeinsame Basis haben, um sich auszutauschen. Ihnen fehlt ein kollektives Gedächtnis. Damit ist es den meisten Bürgerinnen und Bürgern fast unmöglich, anzuerkennen, was die Soldaten im Einsatz leisten. Genau das aber ist es, was sich Soldaten am meisten wünschen: Anerkennung.

Die Versuche von Seiten der Politik, ihren Soldaten diese Anerkennung zuteilwerden zu lassen, sind bislang halbherzig. Das der Bevölkerung entzogene Ehrenmal der Bundeswehr und neue Abzeichen für Einsätze und Gefechte haben allenfalls symbolische Wirkungen und bleiben auf die Bundeswehr selbst beschränkt. In den relevanten Anerkennungsplattformen moderner Gesellschaften aber, den Medien, herrscht, abseits von tragischen Ereignissen, weiterhin freundliches Desinteresse. Auch die Eigenmedien des Militärs helfen hier kaum. Sie sind mit Masse inhaltlich und handwerklich weit von den Inszenierungsstandards der Medienindustrie entfernt. Erschwerend kommt hinzu, dass die militärische Öffentlichkeitsarbeit vorwärtsgerichtete Vorhaben gezielt blockiert. Projekte wie „A Year at War“ der New York Times oder die dänische Dokumentation „Armadillo“ sind in Deutschland trotz Initiativen professioneller Medienmacher bislang wegen des politischen Unwillens nicht umsetzbar.

Die Zukunft: Konsequente Medialisierung des Militärischen

Wer die Bundeswehr auch in der Ära nach Abschaffung der Wehrpflicht in der Gesellschaft verankern will, muss die Medialisierung des Militärischen konsequent vorantreiben. Je mehr die Truppe sich infolge von Standortschließungen aus der Fläche zurückzieht, umso stärker muss sie in den Medien präsent sein. Voraussetzung dafür ist unter anderem eine intensivere und freizügigere Pressearbeit im Einsatz. Statt Journalisten wie bisher an der engen Leine zu führen, muss die Bundeswehr ihnen einen offenen Zugang zur Truppe ermöglichen. Und statt Soldatinnen und Soldaten die Nutzung von Kameras zu untersagen, sollte sie diese ermutigen, die Bilder ihres Krieges selbst zu machen und mit anderen zu teilen. Nur wenn wir diese Bilder haben, können wir ernsthaft darüber diskutieren, was wir unseren Soldatinnen und Soldaten zumuten wollen. Haben wir sie nicht, wird die Bundeswehr zu einer Legion von Fremden im eigenen Land.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulrich Thöne, Hellmut Königshaus, Björn Seibert.

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