Die EU ist offen für Russland. Carl Bildt

„Hinter Barbie steckt ein unglaublicher Markt“

Der Kampf um die Kinderzimmer ist in vollem Gang. Julia Korbik sprach mit der Gender-Forscherin Stevie Schmiedel über die Pinkifizierung, früh eingeimpfte Rollenbilder und das umstrittene Barbie Dreamhouse in Berlin.

The European: Frau Schmiedel, haben Sie sich heute schon über etwas geärgert?
Schmiedel: Ja, über das Preisausschreiben der Deutschen Bahn zum Mutter- und Vatertag! Da sind Mutter und Vater abgebildet, Rücken an Rücken, darunter steht: „Papa ist der Beste – Mama ist die Schönste“. Wir haben das auf Facebook gepostet und unsere Fans haben sofort kommentiert: Das geht gar nicht. Den Beschwerde-Post haben wir dann auch noch auf die Facebook-Seite der Deutschen Bahn gestellt – nach einer Stunde waren beide Einträge vielfach gelesen, geteilt und kommentiert worden.

The European: Voriges Jahr haben Sie sich so sehr geärgert, dass Sie Pinkstinks gegründet haben – eine Kampagne „gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“. Wie kam es dazu?
Schmiedel: Ich bin Dozentin für Gender-Forschung und habe im letzten Jahr das Seminar „Gender, Populärkultur und Essstörungen“ gegeben. Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalytische Medizin (DGPM) hatte damals eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München kommentiert. Aus dieser groß angelegten Studie ging ganz klar hervor, dass die Sendung „Germany’s Next Topmodel“ das Körperbild von Kindern schädigt. Die DGPM wies darauf hin, dass öffentliche Diskurse über die Sendung sehr wichtig wären, weil Essstörungen stark zunehmen. Das ist es, was ich so wichtig finde: Medien mit Essstörungen zusammenzubringen.

The European: Pinkstinks bedeutet wörtlich „Pink stinkt“. Warum ist Pink bzw. Rosa so schlimm?
Schmiedel: Die Farbe ist überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil. Es geht darum, was die Spielwarenwelt in den letzten 20 Jahren mit der Farbe Rosa gemacht hat. Eigentlich müsste es heißen „Pinkifizierung stinkt“, aber das versteht ja keiner. Insofern haben wir natürlich etwas gewählt, was provokant ist, worüber man sich aufregt und was zum Nachdenken anregt.

„Rosa als Farbe steht für niedlich und süß“

The European: Tatsächlich gibt es immer mehr Produkte speziell für Jungen oder Mädchen – zum Beispiel das rosa Überraschungsei.
Schmiedel: So lässt sich der Absatz verdoppeln. Man kauft natürlich alles einmal für den Jungen, einmal für das Mädchen. Mittlerweile gibt es Capri-Sonne für Jungs und Mädchen und selbst anthroposophische Schokoriegel von Rapunzel werden für Milchmichel und Milchmarie verkauft. Rosa als „liebliche“ Farbe ist allerdings erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt worden.

The European: Entdeckt wofür?
Schmiedel: Rosa wird zum Beispiel in Gefängnissen angewendet, um die Insassen zu beruhigen. Rosa als Farbe steht für niedlich und süß. Mädchen werden damit zusammengebracht: niedlich, süß, aufs Äußere und auf soziales Verhalten bezogen. Jungs wird hingegen die aktive, aggressive Ecke zugewiesen. Natürlich ist diese klare Trennung praktisch: Als Erwachsener muss man im Kaufhaus einfach in die Capt’n-Sharky-Ecke oder in die Prinzessin-Lillifee-Ecke. Da geht der Konsum gleich viel schneller. Und alle müssen mitziehen. Sogar die Holzspielzeugläden bieten Topmodel-Produkte an, denn sie wissen ganz genau: Wir können sonst nicht mithalten.

The European: Die „EMMA“ warnte: „Rosa macht Mädchen dümmer“, und forderte einen entsprechenden Warnhinweis. Ist das nicht ein bisschen platt?
Schmiedel: Das ist natürlich sehr platt. Rosa macht überhaupt nicht dumm. Ich kenne viele Jungs, die Rosa super finden, bis sie ungefähr vier sind. Spätestens dann hören sie, sollten sie im Kindergarten Rosa tragen, dreimal am Tag das Wort „schwul“ – egal, wie egalitär der Kindergarten ist. Rosa macht nicht dumm. Es macht ja auch nicht dumm, mit Puppen zu spielen. Das ist eine tolle Sache für Jungen und Mädchen, weil damit soziales Verhalten trainiert wird. Von Männern wird heute immer erwartet, dass sie perfekte Väter sind und wir wundern uns, warum das so schwierig ist. In einer Welt, die mehr auf Action und Individualisierung statt auf soziales Verhalten setzt – wo soll das denn herkommen? Es wäre also wünschenswert, dass auch Jungs mit Puppen spielen dürfen …

The European: … und Rosa mögen dürfen.
Schmiedel: Zu Kaiser Wilhelms Zeiten trugen die Jungs noch Rosa und die Mädchen Hellblau – Rosa war das kleine royale Rot.

The European: Inwiefern spielt Biologie eine Rolle? Oft heißt es, Mädchen würden sich eben selbst für Rosa entscheiden.
Schmiedel: Wir glauben das nicht. Sie werden allerdings Studien in beide Richtungen finden. Es gibt die berühmte Studie von Simon Baron-Cohen, die sagt, dass Jungs auf Mobilées gucken und Mädchen auf Gesichter. Ganz ehrlich: Diese Studie ist halbseiden und ungar, das ist mehrfach durch Wiederholung bewiesen worden. Trotzdem zieht sie noch.

The European: Woran liegt das?
Schmiedel: Weil eine große Verunsicherung herrscht. Geschlechterrollen werden durcheinandergeworfen und diese Umkehrung geschah in einem doch recht kurzen Zeitraum. Immerhin wurden Frauen bis vor ca. 40 Jahren jahrtausendelang unterdrückt! Wir haben jetzt gerade einen unheimlich großen Backlash – das ist normal. Wenn sich in der Gesellschaft etwas drastisch verändert, gibt es auch Verunsicherungen und Rückschritte. Vieles, was wir als Unterschiede wahrnehmen, basiert auf bestimmten Rollen, die wir noch im Kopf haben. Diese hatten früher sicher ihre Berechtigung: Durch die Kontrolle von Reproduktion konnten wir soziale, stabile Gesellschaften bilden. Unsere Gesellschaften sind nicht zusammengebrochen, obwohl Frauen arbeiten gehen und selber Geld verdienen. Die Frage ist aber, was passieren würde, wenn wir nicht mehr mit diesem traditionellen Bild werben würden.

The European: Wie erleben Sie diesen „Backlash“ oder „Rückschlag“?
Schmiedel: Viele Frauen wissen jetzt zwar, welche Freiheiten sie haben. Gleichzeitig haben sie aber von ihren Müttern und Großmüttern gelernt, dass ihr Selbstwert darin bestehen sollte, sich zu verschönern und sich einen Mann zu suchen, der sie schön findet. Männer hingegen bekamen immer zu hören: Ihr müsst nicht begehrt werden, ihr seid die Begehrenden. Diese Rollen hatten wir Tausende von Jahren – und plötzlich ändert sich das. Frauen haben mehr Möglichkeiten, sie können es sogar in Führungspositionen schaffen. Dennoch wird ganz klar suggeriert: Frau Merkel ist nicht gutaussehend, es ist nicht wünschenswert, sie zu sein. Das ist ein Riesen-Widerspruch. Die meisten Mädchen wollen Topmodel werden und nicht Frau Merkel. Jedes Jahr Anfang Mai sieht man überall Bademoden-Werbung. Erfolg, das ist eine schlanke Bikinifigur. Nicht, Bundeskanzlerin zu sein.

„Essstörungen haben in Deutschland extrem zugenommen“

The European: Greift die Erklärung, dünne Frauen in den Medien seien der Auslöser für eine Essstörung, nicht zu kurz?
Schmiedel: Menschen, die Essstörungen bekommen, sind fast immer sehr sensible Menschen, meistens auch noch sehr intelligent. Solche Menschen nehmen genau wahr, was da draußen passiert und was von ihnen gefordert wird. Essstörungen haben wir in der westlichen Welt erst, seit unser Frauenbild so extrem schlank geworden ist. In Kulturen, wo es keine vergleichbare Medieneinwirkung gibt wie hier, sind diese Formen von Essstörungen noch nicht präsent.

The European: Zum Beispiel?
Schmiedel: In Mauretanien waren bis vor Kurzem extrem dicke Frauen das Schönheitsideal. Die wurden zwangsgemästet. Seit die westlichen Medien dort angekommen sind, gilt ein ganz anderes Schönheitsideal und die Frauen fangen an zu hungern. Ähnliches lässt sich auf den Fidschi-Inseln und woanders beobachten. Dort, wo die Medien einziehen, gibt es vermehrt Essstörungen. Essstörungen haben in Deutschland in den letzten 30 Jahren extrem zugenommen, ebenso selbstverletzendes Verhalten und Depressionen unter Mädchen. Und da sehen wir ursächlich das Bild von Mädchen, die rosa, niedlich, nicht aggressiv sind und sozial einwandfreies Verhalten zeigen. Prinzessin Lillifee füttert den ganzen Tag ihre Tierchen – aber nicht sich selber. Bei Jungen ist die Möglichkeit, Aggression nach außen zu tragen, viel größer als bei Mädchen.

The European: Welche Auswirkungen haben Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ oder Werbung mit leicht bekleideten Frauen eigentlich auf Jungs?
Schmiedel: Ihnen wird ganz klar gesagt, was sie zu begehren haben – eine eigene Form von Begehren können sie gar nicht entwickeln. Ich glaube, es gibt nie eine ursprünglich eigene Form von Begehren, die ist immer kulturell angelehnt. Aber trotzdem werden Frauen ihnen als Statussymbol nahegelegt: Das richtige Zubehör ist eben die schlanke, dünne Frau. Die Jungs müssen diese Frauen dann erwerben und stehen dabei natürlich unter dem Druck, die Coolste abzukriegen.

The European: In Berlin hat gerade das „Barbie Dreamhouse“ eröffnet, ein quietschpinkes Barbie-Haus in Lebensgröße. Da können Mädchen Cupcakes backen oder Barbies begehbaren Kleiderschrank besuchen. In Form von „Occupy Barbie Dreamhouse“ hat sich bereits Protest formiert. Dabei hat Barbie doch Vorbildcharakter: Sie ist Pilotin, Ärztin … Ken hingegen darf nur surfen oder sich rasieren.
Schmiedel: Haben Sie eine Piloten-Barbie oder eine Arzt-Barbie tatsächlich schon mal im Spielhandel gesehen?

The European: Eigentlich nicht.
Schmiedel: Es gibt die, sagt Mattel. Allerdings habe ich sie noch nie gesehen und die werden auch nicht verkauft. Was verkauft wird, ist das, was in die Spielwarenwelt reinpasst. Barbie muss irgendwas mit Beauty zu tun haben. Und sie hat inzwischen Maße angenommen … Neulich durfte ich für einen Fernsehbeitrag die Umrisse von Barbie auf ein sehr dünnes Model aufzeichnen – danach war das Model viel zu fett! Es gibt bereits Barbies mit Utensilien für die Verschönerung, zum Beispiel einer Gurkenmaske.

The European: Immerhin gibt es in Deutschland – im Gegensatz zu Großbritannien und den USA – nicht an jeder Ecke einen Beautysalon für kleine Kinder.
Schmiedel: Das wird aber passieren, wenn es bald das „Barbie Dreamhouse“ gibt. Da steckt ein unglaublicher Markt dahinter. Durch „Germany’s Next Topmodel“ ist der Kosmetikmarkt für 8- bis 12-Jährige unglaublich gewachsen, der macht vier Milliarden im Jahr aus und natürlich wollen die Leute jetzt den Markt für 3- bis 8-Jährige entdecken. „Barbie Dreamhouse“ ist der perfekte Einstieg dazu.

„Als Eltern kann man genau 30 Prozent tun“

The European: Was kann man angesichts von Sexismus und der pinken Übermacht überhaupt noch tun – insbesondere, wenn man selber Kinder hat?
Schmiedel: Genau 30 Prozent. Es kommen immer Kommentare wie: „Na, wenn die das im Elternhaus nicht lernen …“ Erstens sind nicht alle Eltern medienkritisch oder haben die Möglichkeit, es zu sein. Zweitens sind die Kinder in ihrem eigenen Umfeld – selbst wenn man zu Hause keine „Gala“ rumliegen hat und versucht, die Kinder kritisch zu erziehen. Meine Töchter sind zum Beispiel gerade auf einem Ponyhof, und ich habe keine Ahnung, ob da nicht vielleicht „Topmodel“ geguckt wird. Man hat nur einen gewissen Einfluss, 70 Prozent macht die Außenwelt aus.

The European: Das klingt ja eher entmutigend.
Schmiedel: Es ist einfach wichtig, als Elternteil zu sagen: Dann versuche ich eben, die Außenwelt zu verändern. Und das kann man wirklich! Pinkstinks hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass das Mädchen-Shirt „In Mathe bin ich Deko“ von Otto nicht mehr verkauft wird. Selbst die WinX-Feen haben wir aus dem Rosa-Überraschungsei wegbekommen. Leider wurde das Ei nach drei Monaten neu aufgelegt – mit Barbie-Figuren. Unser Anfängerfehler: Wir hatten die ganze Zeit gesagt, dass WinX noch schlimmer sei als Barbie … Trotzdem gilt: Man kann etwas tun, gerade in Zeiten der sozialen Medien. In Großbritannien müssen wir teilweise nur noch einen Tweet losschicken, damit Marks&Spencer ein Produkt zurücknimmt, auf dem „Nur für Mädchen“ steht. Das ist auch unser Ziel.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Laurie Penny: „Feminismus ist unvollendete Revolution“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Feminismus, Werbung, Kindererziehung

Debatte

Der Gender-Wahn ist nicht zu unterschätzen

Medium_ac0f7ab1b8

Die Sexismus-Keule, eine neue Art der Inquisition

Schon wer einer Frau auch nur ein Kompliment ob ihrer Schönheit macht, reduziert das andere Wesen auf ein Sexobjekt. Selbst der kleinste Scherz kann zum Verlust der bürgerlichen Existenz führen. weiterlesen

Medium_d086f361b3
von Georg Gafron
30.09.2016

Kolumne

Medium_aa7d3091a0
von Alissia Passia
16.07.2015

Kolumne

Medium_c3180e2262
von Alexander Wallasch
05.07.2015
meistgelesen / meistkommentiert