Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Zukunft spenden

Journalismus auf Spendenbasis? Es hat nichts anrüchiges, wenn sich Journalismus nicht aus sich selbst heraus finanzieren kann. Das war schon immer so. Mäzene können helfen, den Druck aus dem Kessel zu lassen.

In diesen Zeiten werden viele gut gemeinte Ratschläge, aber auch düstere Prognosen zur Zukunft des sogenannten „Qualitätsjournalismus“ gegeben: Die drohende Medien-Apokalypse, so meinen manche Propheten, stünde wieder einmal bevor oder schlimmer: das Ende der gedruckten Zeitung.

Was wir brauchen, ist aber keine moralinsaure Debatte, sondern sind nüchterne Reflexionen, ausgeruhte Analysen. Denn noch steht uns der Kollaps der Presse nicht bevor, noch sollten wir keinen Last-Minute-Journalismus heraufbeschwören. Zwar mag das Verfallsdatum der Papierzeitung bald überschritten sein. Doch sollte man dies nicht als Niedergang der Holzpresse interpretieren, sondern als Aufbruch der digitalen. Den Medienwandel kann und muss man als Chance zur Erneuerung begreifen: kreative Zerstörung.

Zeitung wird Zentralorgan bleiben

Denn ebenso wenig wie der Maya-Kalender mit dem Weltuntergang recht behielt, naht die Implosion des gesellschaftlichen Diskurses, falls die gedruckte Zeitung irgendwann einmal verschwunden sein sollte. Dass solche Szenarien ohnehin Trugschlüsse sind, zeigen schon die leidenschaftlichen Debatten und die Transparenz, die das Internet zu bieten hat. Nein, die Zeitung ist wahrlich nicht der einzige Ort für politische Diskurse. Erst das Netz hat die Distanz zwischen den Medien und ihrem Publikum auf ein basisdemokratisches Maß geschrumpft.

Aber richtig ist auch: Nur die Grundidee der Zeitung vermag es, der Zersplitterung der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Dort, wo durch Twitter, Facebook und YouTube immer nur jeweils personalisierte Informationsströme und Teilöffentlichkeiten entstehen können, kann die Presse eine konsistente Öffentlichkeit herstellen. Die Zeitung, ob gedruckt oder in digitaler Form, wird alleine schon deshalb das Zentralorgan der Bürger bleiben, weil sie die unzähligen versprengten Informationen und Nachrichten des Tages professionell zusammenführt, einordnet und bewertet. Experten nennen das „Bereitstellungsqualität“.

Die Presse hat also zweifellos ihre besten Zeiten noch vor sich – aber nur, wenn sie sich auf die Zukunft einlässt.

Vier Ebenen sind zentral

Voraussetzung dafür ist ein radikales Umdenken in den Verlagen und Medienunternehmen. Denn schon heute zeichnet sich ab, dass sich der Journalismus künftig nicht mehr ausschließlich am Markt tragen wird, weshalb die Suche nach alternativen Geschäftsmodellen zum Wettlauf gegen die Krise wird. Vier Ebenen sind bei dem Versuch, den traditionellen Journalismus in das digitale Zeitalter zu führen, aus meiner Sicht zentral:

Der Markt. Natürlich wird sich der Großteil journalistischer Angebote weiterhin über den Markt finanzieren (müssen). Nur die Kaufkraft der Konsumenten kann eine unabhängige, staatsferne Presse garantieren – allerdings gilt der Erfolg von Bezahlschranken, Gateway-Modellen oder virtueller Leserclubs dauerhaft nur für gut funktionierende Medienmarken wie „Spiegel“, „Die Zeit“, „Economist“, „Financial Times“ oder die „New York Times“.

Der Staat. Daneben müssen wir heute verstärkt sanfte staatliche Eingriffsformen diskutieren, wonach der Journalismus als gesellschaftliches Allgemein- und Kulturgut zu betrachten ist, das es zu schützen und zu erhalten gilt. Ich denke hier aber weniger an Beihilfen als vielmehr an die Ausweitung der öffentlichen Haushaltsabgabe auf alle journalistischen Qualitätsmedien – also nicht nur wie bisher beschränkt auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die Masse. Journalistische Qualität kann auch durch Crowdfunding gesichert werden. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Finanzierung über die Masse der Bürger und Konsumenten. Crowdfunding-Plattformen in den USA zeigen schon jetzt, dass in dieser Form von Klein- und Kleinstspenden eine ernst zu nehmende Finanzierungsalternative spezieller journalistischer Angebote steckt.

Die Mäzene. Auch in Deutschland wird inzwischen über Finanzierungsmöglichkeiten jenseits von Markt, Staat und Masse nachgedacht. Dabei geht es, ähnlich wie in den USA, um private Mäzene und politikferne Stiftungen, die sich als zivilgesellschaftliche Akteure für Aufbau und Erhalt einer unabhängigen Qualitätspresse einsetzen. Dass solche Modelle funktionieren, zeigen seit Langem Non-Profit-Redaktionen wie ProPublica oder California Watch.

Ökonomischen Druck aus dem Kessel lassen

Vier Bereiche erscheinen aus meiner Sicht besonders förderungsbedürftig, weil sie mittelfristig am meisten leiden werden, der gesamten Branche aber auch wichtige Impulse geben können:

Recherche. Gerade die kostenintensive Recherche von investigativen Themen ist defizitär und chronisch unterfinanziert. Ein Engagement über zusätzliche Anreizsysteme wie etwa Stipendien oder die Zusatzförderung von aufwendigen Recherchereisen wäre deshalb sicherlich zielführend.

Innovation. Gerade in diesem Feld gibt es großen Nachholbedarf – und es wäre mittelfristig viel zu gewinnen. Denn die Förderung von unabhängigen Media Labs über Fellowships und Stipendien könnte durchaus die erhoffte Impulswirkung für Verlage und Sender haben.

Medienkritik. Die kritische Medienpublizistik erscheint seit Längerem als unterfinanziert, kraftlos und interessengesteuert. Die öffentliche Debatte über die gesellschaftlichen Folgen des digitalen Medienwandels wird jedoch augenscheinlich wichtiger und bedarf einer finanziellen Absicherung über Fördermittel.

Qualität. Schließlich sollte man darüber nachdenken, eine Stiftung Qualitätsjournalismus auszugründen, die anspruchsvolle journalistische Projekte fördert, aber auch selbst publizistisch aktiv wird. In den USA existieren mit ProPublica oder der Knight Foundation längst erfolgreiche Modelle in dieser Richtung.

Der mäzenatische Journalismus ist sicher kein Allheilmittel gegen das Zeitungssterben – aber immerhin ein Anfang, um den ökonomischen Druck aus dem Kessel zu lassen, der momentan auf der Branche lastet. Die Koexistenz von Print und Internet wird trotz des fundamentalen Umbruchs noch eine Weile funktionieren, aber in dieser Zeit muss sich das journalistische Handwerk auch weiterentwickeln. Denn ohne den notwendigen Pioniergeist wird die gedruckte Zeitung geschwächt, während im Netz Kostenlos-Angebote den Verlagen den Rang ablaufen.

Wie also sieht die Zukunft aus? Der Journalismus wird als Beruf keinesfalls aussterben, das handwerkliche Können wird jedoch tiefer in der digitalen Sphäre verwurzelt sein müssen.

Es ist nichts Anrüchiges daran, dass sich der Journalismus nicht aus sich selbst heraus finanzieren kann. Im Gegenteil, der Journalismus ist im Laufe seiner langen Tradition schon immer quersubventioniert gewesen. Das wird auch künftig nicht anders sein – nur mit dem wichtigen Unterschied, dass die Finanzierungsquellen nicht mehr alleine über den (Anzeigen-)Markt, sondern über die Gesellschaft im Ganzen erschlossen werden müssen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marie Illner, Anna Glombitza-Oelsner, Dirk Maxeiner.

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