Die Stunde des Cem Özdemir

von Stefan Groß-Lobkowicz24.09.2017Innenpolitik

Die Bundesbürger haben gewählt. Nach der herben Niederlage der SPD und der Absage für eine weitere Große Koalition sind die Chancen für ein Jamaika-Bündnis gestiegen. Gute Karten dabei hätte Grünen-Chef Cem Özdemir. Sollte Jamaika tatsächlich Realität werden, hätte die Kanzlerin einen mittlerweile versierten Rhetoriker und Taktiker an ihrer Seite.

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Die Bundesbürger haben gewählt. Nach der herben Niederlage der SPD und der Absage für eine weitere Große Koalition sind die Chancen für ein Jamaika-Bündnis gestiegen. Gute Karten dabei hätte Grünen-Chef Cem Özdemir, das Arbeiterkind unter den grünen Intellektuellen, der Schwabe- oder „Spätzle-Türke“. Sollte Jamaika tatsächlich Realität werden, hätte die Kanzlerin einen mittlerweile versierten Rhetoriker und Taktiker an ihrer Seite, der nicht mehr bloß nachplaudert, was ihm andere vorplappern.

Die Metamorphose des Cem Özdemir

Einst war Özdemir so etwas wie der ewige Ja-Sager seiner Partei, blass und schüchtern – charismatisch war was anderes. Bis zur Schlafmüdigkeit und gebetsmühlenartig wiederholte er die Political Correctness der Grünen; auf eine Plattitüde folgte die nächste.

Doch 2016 und 2017 waren anders und wurden zur Geburtsstunde des zweiten Cem. Er hatte seine Metamorphose nun endgültig vollzogen. Der Meister der Tarnung und des Wegduckens war in die Offensive gegangen und hat den Schleier um sich gelüftet. Özdemir war zum Schmetterling geworden und hatte Kafkas Verwandlung in die entgegengesetzte Richtung vollzogen. Das Arbeiterkind unter den grünen Intellektuellen, der Schwabe- oder „Spätzle-Türke“, wie er oft genannt wird, hat sich gewandelt. Er ist nicht mehr der smarte Kukident-Verkäufer von nebenan. Der Grünen-Politiker ist ein anderer geworden, kräftiger, selbstsicherer. Er strotzt nun von Selbstvertrauen.

Die Mühen der Ebene

Dabei hatte der Vorzeigepolitiker für gelungene Integration lange Zeit keinen guten Stand in den eigenen Reihen – irgendwie passte er nicht in die bunte Welt der grünen Pullover-Fraktion und notorischen Anti-Kriegs-Gegner. Dass sich Özdemir für Waffenlieferungen an kurdische Peschmerga aussprach, glich einem flächendeckenden Bombeneinschlag. Auch seine Kampfansage an die Terrortruppen des „Islamischen Staates“, die man nicht mit „Yogamatten“ bekämpfen könne, löste einen kollektiven Shitstorm im linken Lager der Grünen aus und brachte die Genossen – samt Simone Peter – an den Rand eines kollektiven Nervenzusammenbruchs. Noch tiefer in Ungnade fiel er mit seiner Äußerung, dass wer gegen „Pegida“ sei auch gegen „Türgida“ sein müsse. „Es gibt leider auch eine Art türkische Pegida in Deutschland, die wir genauso behandeln müssen wie die uns bekannte“, betonte er gegenüber der „Bild am Sonntag“.

Doch jenseits aller Schmähungen, kritischen Anfeindungen und internen Grabenkämpfen – der neue Özdemir hielt seinem Kurs.

Auf Konfrontation mit Ankara

Wie selbstsicher er geworden ist, zeigt sich überdeutlich und pointiert in seinem David-Kampf gegen den türkischen Riesen Goliath. Der Diktator aus Ankara, der Totengräber der Pressefreiheit und der Menschenrechte, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, bleibt für den Grünen-Politiker die personifizierte Fratze des Bösen, die leibliche Inkarnation des Satans.

Während der Neo-Sultan wie ein Weltenrichter den Grünen von der Schwäbischen Alb als „angeblichen Türken“ stigmatisiert, dessen Blut gänzlich verdorben sei, geht Özdemir seinerseits voll auf Konfrontationskurs. Er hält nichts von „falscher Rücksichtnahme und vorauseilendem Gehorsam“ gegenüber diesem Despoten der Macht, wie sie das politische Establishment der Berliner Republik einfordert. Die Türkei ist ein „großes Gefängnis“ – dies zu ignorieren, ist bloßer und grobschlächtiger Zynismus.

Volksheld

Je kälter der Wind vom Bosporus ihm entgegenblies, desto kämpferischer gebärdete sich der Bundesvorsitzende der Grünen. Und während halb Europa Erdoğan umschmeichelte, sich beim Flüchtlingsdeal ihm buchstäblich vor die Füße in den Sand warf, war es wiederum Özdemir, der nicht nur den antiliberalen Kuschelkurs der Kanzlerin, ihre Bußgänge in den Orient frühzeitig kritisierte, sondern auch vor der nationalistischen Hetze türkischer Vereine wie DITIB und vor den Import-Imamen warnte – islamistische Gehirnwäsche inklusive.

Özdemir, der Phönix aus der Asche, einer der Initiatoren der „Armenien-Resolution“ im Bundestag, sah im Massaker vor hundert Jahren dann auch – anders als der designierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – einen genuinen Völkermord am Werk. Es war Genozid – basta!

Das Gepolter und die Donnerwolken aus Ankara haben Özdemir keineswegs geschadet, sondern ihn geadelt und in den Augen vieler Deutscher zum Volkshelden werden lassen.

Özdemir war Merkel immer einen Schritt voraus

Während die Bundeskanzlerin noch von „privilegierter Partnerschaft“ sprach und beim Flüchtlingskurs wie ein betrunkener Autofahrer schlingerte und darüber hinaus sowohl parteiintern als auch bei der Schwester kontinuierlich an Gefolgschaft und Hofstaat verlor, hatte wiederum Özdemir betont, dass ein ungebremster Einreisestrom das Land überfordere.

Bei grundsätzlichen Entscheidungen in den vergangenen Jahren gingen die Bonuspunkte im Hase- und Igel-Spiel an den Grünen, der einfach das bessere Gespür für den Zeitgeist hatte. Merkels auf Zeit-Spielen und ihr Zickzackkurs – Özdemir war hier weitaus realistischer, treffsicherer und verhöhnte Volkes Stimme nicht. Ob gegen Angela Merkel oder Erdoğan, der Grünen-Chef weiß sich nicht nur gekonnt zu inszenieren, er erweist sich nicht nur als bedächtiger Player, sondern er kann auch Provokation. Offene Konfrontation ist sein Credo – und dabei spielt es nur marginal eine Rolle, ob er Merkel, die eigene Partei oder den trübsinnigen Erdogan kritisiert.

Sollte es tatsächlich zu einer Jamaika-Koalition kommen, hätte die Kanzlerin einen mittlerweile versierten Rhetoriker und Taktiker an ihrer Seite, der nicht mehr bloß nachplaudert, was ihm andere vorplappern. Mit seinem aggressiven Konfrontationskurs gegen Ankara könnte sich Özdemir als Außenminister der Bundesrepublik 2017 Meriten verdienen.

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