Brauchen wir eigentlich noch ARD und ZDF?

von Stefan Groß-Lobkowicz2.10.2016Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Diskussion über das öffentlich-rechtliche-Fernsehen ist neu entbrannt. Zündstoff in die tickende Bombe gab jüngst der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der mit seinem Vorschlag, ARD und ZDF zusammenzulegen, eine Diskussion befeuert hat, mit der schon die AfD in die Offensive ging. Doch ein Zusammenlegen bringt wenig, wenn sich nicht spürbar die Qualität ändert.

Neusprech und Auf-Kurs-Halten

Ein Blick in die „Programmvielfalt“ der beiden Sender belegt klar, Programmvielfalt war gestern. Eine differenzierte Sicht auf die Welt findet sich kaum. Orwellscher Neusprech und ein politisches Auf-Kurs-Halten und Auf-Kurs-Bringen zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm. Einseitige Berichterstattung wechselt mit den seichtesten Inhalten, die es an Qualität ermangeln lassen. Andersdenkende werden aus dem Diskurs ausgeblendet, der sich zunehmend als harmoniesüchtig, selbstgefällig und eben wenig als offen diskursbezogen offenbart. Dass man mit derart einseitiger Reflexion ein Otterngezücht wie die AfD groß gemacht hatte, in dem man sie aus dem demokratischen Diskurs heraushielt und blinde Meinungshetze betrieb, hat sich als Schlag nach hinten erwiesen. Totgesagte leben eben länger. Eine Erfahrung, die auch die Zentralisten des DDR-Fernsehens 1989 bitter zur Kenntnis nehmen mussten.

„Grundversorgung“ benötig einen politischen Diskurs, diesen aus taktischem und politischem Kalkül auszublenden, steht für eine gewisse Bevormundung, Arroganz und Besserwisserei. Dies kann aber nicht im Sinne der staatstragenden Sender und deren Chefetagen sein, wenn man moralisierend Teile des Volkes stigmatisiert und durch unlauteres Totschweigen abstraft, unter das Kuratel stellt und sich damit zufrieden gibt, dass die Wahrheit immer nur die halbe sei. Wir brauchen keine „Aktuelle Kamera“ als Hofberichterstattung, die aus dem versunkenen Reich der DDR wieder auftaucht und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ihre Renaissance feiert. Was wir brauchen sind Medien, die die ödipale Nation aus ihrer Nachtversunkenheit und Schlaftrunkenheit in die politische Realität zurückholen.

Di Lorenzo und das Ende der Faktenresistenz

Die Zeit der Faktenresistenz ist vorbei. Dies hat nun auch, zwar nicht bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, der Chefredakteur der „Die Zeit“, Di Lorenzo, eingesehen, wenn er gegenüber dem „Cicero“ betont: „Und ohne Not haben wir uns wieder dem Verdacht ausgesetzt, wir würden mit den Mächtigen unter einer Decke stecken, wir würden so uniform berichten, als seien wir gesteuert; wir würden die Sorgen und Ängste der Menschen ignorieren, die nicht selbst zur Flüchtlingshilfe oder zur politischen Klasse gehören. Das ärgert mich, weil ich der Meinung bin, dass unsere Medien zu den besten und freiesten auf der Welt gehören.“

Statt Klasse Masse

Acht Milliarden Euro werden jedes Jahr in die Kassen der öffentlich-rechtlichen Medien gespielt – Geld genug, um das Programm intellektuell aufzumischen und nicht als Leisetreter der unerträglichen Seichtigkeit des Seins, als Seichtigkeitsspirale, in Szene zu setzen. Geld genug, um sich über den Mainstream des Anspruchslosen hinwegzusetzen und um tatsächlich einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, der nicht nur in Sport, Unterhaltungsserien oder langweiligen Klischeekrimis besteht, die nur noch ein betagtes Publikum befrieden. Erziehung zur Staatsbürgerlichkeit besteht darin – gerade mit Blick auf die fernsehvergessene neue Generation –, einen Cocktail zu servieren, der aus dem Fernsehen eine Kunstform macht, die es einmal war – samt hochklassigen Bildungsangeboten, die nicht nur zu mitternächtlicher Stunde flimmern. Acht Milliarden Euro sind genug, um sich nicht von der Quote regieren zu lassen und diese als seligmachenden Gradmesser des guten Geschmacks zu stilisieren. Und acht Milliarden sind genug, um sich in Geschmacksfragen autonom aufzustellen und anstelle von Gefallsucht das Prinzip der moralischen Verantwortung zu stellen. „Die öffentliche Meinung ist eine Ansicht, der es an Einsicht mangelt“, hatte schon Arthur Schopenhauer geschrieben.

Kant und das Prinzip der Aufklärung

Was wir daher brauchen ist eine medial aufgeklärte Gesellschaft, den Kant’schen Mut zum Sapere aude! Den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. „ Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“, schrieb der große gelehrte Deutsche in seinem Essay „Was ist Aufklärung“ bereits 1784 in der „Berlinischen Monatsschrift“. „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Für eine Kultur der Mündigkeit

Das Öffentliche-Rechtliche muss ganz im Sinne Kants neuen Treibstoff für den liberal-demokratischen Geist liefern, Debatten entzünden, die das Urteilsvermögen kritisch schärfen, den Bürger aus der Lethargie und der „Faulheit und Feigheit“ herausheben und ihn damit aus seiner Unmündigkeit befreien. Die Medialität kann dazu nur Anstoß sein, die Befreiung aus der Unmündigkeit allein bleibt ein Akt der individuellen Freiheit, ein „verdrießliches Geschäft“, wie Kant meinte, aber ein notwendiges, das Autonomie und nicht Heteronomie zum Prinzip erklärt. Sonst wird es für andere zu leicht, wie Kant meinte, sich zu den „Vormündern“ aufzuschwingen, die dann dafür sorgten, dass die „unmündigen“ Menschen „den Schritt zu Mündigkeit“ nicht nur für beschwerlich, sondern auch noch für gefährlich hielten. Friedrich Nietzsche hatte es schärfer formuliert, als er von Sklavenmoral und Herdenmoral sprach.

Eine Reform an „Haupt und Gliedern“ ist nötig

Was wir brauchen, ist mehr Mitspracherecht, Transparenz und keine Verblödungskultur, denn verblöden tun wir, wie Arnulf Baring meinte, bereits schon immer mehr. Mediale Volksverdummung, Kants berühmter Gängelwagen, wo der unmündige Bürger wie „Hausvieh“ eingesperrt ist, hilft nichts, wenn es um die Freiheit der Meinung geht. Diese Freiheit ist – unter Umständen – unbequem, wie die Wahrheit im Allgemeinen auch. Der aufgeklärte Imperativ kann demnach nur lauten: Mehr Qualität, weniger Banalitätenzirkus und kein frommes Regierungsfernsehen, das den Diskurs entpolitisiert. Auch darum sollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen aus Steuermitteln finanziert werden. Zwangsgebühren stehen letztendlich für ein obsoletes System der Unmündigkeit, denn wer zahlt, bestimmt; der Mainstream aber will Ödnis, und das ist der Untergang der medialen Kultur, wie einst Günter Anders schon bemerkte. Wir brauchen ARD und ZDF – nur anders! Eben eine Reformation an „Haupt und Gliedern“, wie der berühmte Theologe Martin Luther einst schrieb. Denn nur so kommt die Vierte Gewalt im Staat auch wieder zu mehr Ansehen. Ob das junge Angebot “funk” von ARD und ZDF, am 29. September 2016 aus der Wiege gehoben, und für die Zielgruppe der 14-29-Jährigen bestimmt, der Weg in eine neue Zukunft ist, wird sich erst zeigen.

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