Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. David Eagleman

Die Blaupausenforschung hat ausgedient

Offenheit im Netz ist nur ganz zu haben – oder gar nicht. Viele Open-Source-Projekte verfolgen bereits einen offenen Ansatz, die Universitäten werden folgen. Das Blaupausenmodell geht dem Ende entgegen, künftige Wissenschaft wird deutlich kollaborativer und kreativer sein.

„The Cathedral and The Bazaar“ lautet der Titel eines bahnbrechenden Aufsatzes von Eric Raymond, der von den Ursachen für den Erfolg großer Open-Source-Projekte wie etwa Linux handelt. Ihren Erfolg verdanken solche Projekte einem offenen Ansatz, in dem – einem nahöstlichen Basar ähnlich – ein Programmcode in offenen, flachen, auf Kollaboration und Partizipation angelegten Strukturen frei zirkuliert (wenn auch nicht ohne Regeln!). Dem stellt Raymond einen geschlossenen Ansatz gegenüber, in dem wie beim Bau einer Kathedrale von einem hochkomplexen Bauplan ausgehend in stark hierarchisch organisierten Unternehmen Anwendungen von der Außenwelt abgeschottet entwickelt werden, bis sie dann mit einem „Big Bang“ auf den Markt gelangen. Ein gutes Beispiel einer solchen Software-Kathedrale ist Microsoft Windows.

Die institutionellen Kathedralen der Hochschulen

Diese Bilder können helfen, die Frage zu verstehen: In welcher der beiden Welten – Kathedrale oder Basar – befinden sich das Netz des WWW, wissenschaftliche Forschung und deren universitäre Heimat? Ist es denkbar, dass die institutionellen Kathedralen der Hochschulen ihren Operationsmodus im Kontakt mit dem Internet öffnen oder gar grundlegend verändern? Relativ leicht fällt die Antwort in Bezug auf das Internet: Trotz aller Kommerzialisierung in einzelnen Sektoren ist das WWW als dessen Hauptbühne immer einem offenen, basarähnlichen Ansatz verbunden gewesen. Das betrifft offene Standards wie XML oder HTTP ebenso wie das freie Zirkulieren der in diesem Basar gehandelten Inhalte, neuerdings im programmatisch so benannten Netz der „Linked Open Data“.

Relativ einfach beantwortet ist die Frage auch für die Institutionen Universität oder Bibliothek: Sie sind bei allen partikularen Öffnungsversuchen von ihrer Grundverfassung her geschlossene Strukturen, die nur sehr elementare Infrastruktur (wie etwa Breitbandnetzverbindungen) miteinander teilen und ansonsten sich eifrig voneinander abgrenzen, zumal sie sich – forschungspolitisch gewollt! – meist in harter Konkurrenz miteinander befinden: Die Antragstellung etwa im Rahmen der Exzellenzinitiative hat ausgesprochene Ähnlichkeit mit dem modus operandi des Kathedralenbaus. Und daran hat auch die Präsenz dieser Einrichtungen im WWW nicht viel geändert!

Ein Basar des Wissens

Unklar hingegen ist die Situation in der akademischen Forschung und Publikation: Diese ist genuin sehr stark vom freien Zirkulieren von Information und Wissen geprägt, eine Gesprächs- und Kooperationskultur, ein Basar des Wissens, dessen Grundfesten allerdings in der jüngeren Vergangenheit durch kommerzielle, geschlossene Veröffentlichungsformen zunehmend in den „Kathedralenmodus“ gezwängt worden sind. Verfahren der Reputationsbemessung wie „Web of Science“ taten ein Übriges, wissenschaftliche Forschergruppen in miteinander in Konkurrenz befindliche geschlossene Zirkel zu verwandeln. Eine Reaktion auf diese Entwicklung ist die Bewegung des „Open Access“, die bei allen Unzulänglichkeiten im Kern eine Rückbesinnung auf den genuin offenen Operationsmodus von Wissenschaft ist.

Wenn – wie derzeit absehbar – offene, kollaborative Forschung und der Ansatz der Linked Open Data im WWW zu einer gemeinsamen Agenda finden, wird das Kathedralenmodell geschlossener Institutionen und Publikationen in seinen Grundfesten erschüttert, und es wird sich auch nicht mit ein wenig Öffnung retten können: Offenheit im Netz wie auch in der Wissenschaft ist nur ganz zu haben – oder gar nicht!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nora Stampfl, Thomas Jarzombek, Jörg Kantel.

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