Ein Rückschlag ist niemals eine schlechte Sache. Richard Branson

Am Hebel

Die umsichtige Politik Angela Merkels rettet nicht nur den Euro, sondern setzt die Politik wieder in ihr Recht – Journalist müsste man sein, dann hätte man es leichter.

Wer die stets aufs Neue unfassbaren rhetorischen Krampfereien der Bundeskanzlerin rund um einen „Schutzwall“ verfolgt hat, der den Euro künftig schützen soll, „ich kann auch ,Firewall‘ sagen, wenn Sie des Englischen mächtig sind, meine Damen und Herren, ich wollte mich deutsch ausdrücken, was sicherlich hilfreich ist“, der wird nicht glauben wollen, was der Spiegel in seiner Netz-Dependance glaubt: dass die vorläufige Euro-Rettung „vor allem das Verdienst der Kanzlerin“ wäre.

Weil: „Sie ist von der Getriebenen zur Gestalterin geworden. Sie hat so Vertrauen geschaffen – und dies dürfte sich über kurz oder lang auch in Wählerstimmen für sie auszahlen … Merkels scheinbare Schwäche wird in der Krise zum Vorteil: Im Gegensatz zu anderen (Männern) stürmt sie nicht voran, sondern geht tastend, vorsichtig zu Werke. Wo die Öffentlichkeit und die Finanzmärkte oft hysterisch bis kopflos agieren, entschleunigt sie. Nicht Merkel passt sich dem Druck der Märkte an, sondern die Märkte sollen ihrem Primat der Sachlichkeit folgen. Das beste Beispiel: Sie entschied, den Gipfel vom Sonntag in zwei Teile zu zerlegen. Geschadet hat es der Sache nicht, die Märkte reagierten gelassen.“ Usw.

Schwärmen von der „Physikerin der Macht“

Der Roland Nelles, der diesen absenten Unfug verzapft hat, hat wahrscheinlich auch mal zu denen gehört, die von Merkel als „Physikerin der Macht“ geschwärmt haben, so die nächstliegende, freilich auch dümmste und jedenfalls korrupteste Metapher in die Welt blasend, wonach Merkel als kühle Naturwissenschaftlerin gelten muss, die mit unbeirrbarem Forschereifer einer objektiven Wahrheit auf der Spur ist, die da wahrscheinlich Neue Soziale Marktwirtschaft heißt.

Ob es objektive Wahrheit gebe, ist eine große alte Frage, und in der Wissenschaftsphilosophie wird die verwandte gewälzt, wie man den Einfluss sogenannter nicht-epistemischer, also politischer, sozialer, kultureller Werte auf die Forschung benennen, einhegen und idealerweise sogar beseitigen könne. Politik, das wird man einsehen, ist da so ziemlich das Gegenteil von Wissenschaft, und eine Physikerin der Macht wäre also entweder eine schlechte Physikerin oder eine schlechte Politikerin.

Für die Banken hat sich der Einsatz gelohnt

Was genau die Machtphysikerin Merkel per Abwarten und Vertrauen schaffen da nun gestaltet hat, mögen Kundigere entscheiden; dass die Märkte auf Merkels Entschleunigungskurs „gelassen“ reagiert haben, bedeutet aber bloß, dass die Euro-Rettung eine ist, die die Märkte nicht stört, ihnen sogar frommt, und G. Gysi war es überlassen, im Bundestag auf einen Beitrag der „heute“-Nachrichten hinzuweisen, wonach ein Papier zur zweiten Griechenlandhilfe, das Merkel mit Sarkozy in Paris ausbaldowert haben wollte, „bis aufs letzte Komma“ identisch gewesen sei mit einem Papier des Internationalen Bankenverbandes, dessen Präsident, Zufälle gibt’s, Josef Ackermann ist.

Man kann sagen, der Einsatz hat sich gelohnt: „Dax im Plus. Euro-Euphorie befeuert Aktienkurse. Besonders Papiere von Banken profitierten zu Handelsbeginn“, meldet der haargenau selbe „Spiegel“ in der Wirtschaftsabteilung, einen Tag nachdem die Bundeskanzlerin im Bundestag „den Menschen in Griechenland, denen jetzt viel abverlangt wird“, ihren Respekt ausgesprochen und lobend von Portugals „Anpassungsprogramm“ gesprochen hatte, ein Anpassungsprogramm, das den Italienern beizeiten den Mindestlohn kosten kann und das der Kollege Ralf Schröder in „Konkret“ bereits im Frühjahr beim Namen genannt hat: „Mehr Arbeit, weniger Lohn, weniger Urlaub, weniger Rente – die Deutschen und ihre Kanzlerin wollen die Agenda 2010 für die ganze EU.“

Heißt: Aus Krisengewinnern werden durch Haircut und Euro-Hebel keine Krisenverlierer, denn die Verlierer sitzen da, wo sie immer sitzen: am kürzeren Hebel. Denn nur die Kleinen hängt man, wie der Volksmund weiß; aber mit der Verbreitung solch einfacher Wahrheiten lassen sich keine Altbaumieten stemmen, und das weiß der Journalist, auch wenn er sonst nichts weiß.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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