Arbeit bedeutet auch Selbstverwirklichung. Norbert Blüm

Wer den Schaden hat

Während die deutsche Wirtschaft boomt, erhält ein Niedriglöhner heute 15 Prozent weniger als vor zehn Jahren – zu dem Schaden kommen die guten Ratschläge einer Presse, die sich ihr kostenloses Mitgefühl bitte sonst wo hinstecken möge.

„Dass immer erst was passieren muss!“, schelten Mütter, wenn die Kinder so lange nicht hören, bis das Knie aufgeschrammt oder die Vase zerdeppert ist. Ähnlich wird die Frohbotschaft, dass Deutschland boome, dass es gut durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen sei und sich geradezu ein „Jobwunder“ ereigne, erst dann durch die Meldung eingeschränkt, dass gerade Geringverdiener für dieses Wunder mit Reallohneinbußen von bis zu 15 Prozent einstehen, wenn das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung das in Zahlen belegt, was längst bekannt ist: Das deutsche Wirtschaftswunder ist ein Niedriglohnwunder.

57 Prozent der neuen Jobs sind prekär

„Den Preis für die wiedergewonnene Wettbewerbsfähigkeit … haben vor allem die Arbeitnehmer gezahlt. Seit nunmehr einem Jahrzehnt sind die Löhne in der Bundesrepublik nicht mehr gewachsen, und das hat den Boom ausgelöst“, analysiert die „Süddeutsche Zeitung“ und spricht von einer „Zunahme der sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse“, womit die Verkäuferin gemeint ist, deren Vollzeitstelle in Minijobs gesplittet worden ist, und der Leiharbeiter, der keine Sekunde weniger arbeitet als sein regulär beschäftigter Kollege, aber deutlich weniger verdient. 57 Prozent der neuen Jobs, das verrät der Artikel nicht, sind prekäre.

Der besorgte Redakteur der linksliberalen Zeitung, der ja schließlich auch will, dass alle es gut haben, muss jetzt probieren, das alles unter einen Hut zu bringen: die Freude über den „Boom“ mit dem Kampf für die lohnabhängige Mehrheit; die Aufgabe wird noch dadurch erschwert, dass aus Gründen der nationalen Verantwortung das Wort „Mindestlohn“ nicht verwendet werden darf. Nun denn: „Mit einiger Berechtigung kann man sagen: Es ist besser für den Einzelnen und für die Volkswirtschaft insgesamt, wenn diese Menschen einer schlecht bezahlten Arbeit nachgehen, anstatt in Arbeitslosigkeit zu verharren.“

Wer will, mag die Unverschämtheiten zählen, die der Guido Bohsem alleine in diesen Satz gepackt hat, der übersetzt nichts anderes bedeutet, als dass „diese Menschen“, die um fünf aufstehen, um ihm für 400 Euro im Monat die Brötchen in die Tüte zu tun, gefälligst froh sein sollen, dass sie überhaupt Arbeit haben, andernfalls sie ja doch bloß ihrer Faulheit die Zügel schießen lassen und in der Arbeitslosigkeit „verharren“ – schlimmer noch als die Willfährigkeit, mit der hier Sozialkritik simuliert wird, ist der mitleidige, salbungsvolle Ton, der im Letzten nur Verachtung ausdrückt.

Verachtung, verpackt als Sozialkritik

„Was kann nun die Politik tun, um auch die Menschen am unteren Ende der Einkommensskala am Wirtschaftsboom teilhaben zu lassen?“ Teilhabe ist ja das neue Zauberwort, und es klingt immer so wie früher auf dem Spielplatz, wenn man auf Geheiß irgendeines Weisungsberechtigten auch die Doofen mitspielen lassen musste. Also ließ man sie mitspielen, aber eher pro forma, den Ball behielt man lieber selbst. Weswegen Bohsem angenehm folgenlos fordern kann, Leiharbeitern mehr zu zahlen und gegen Missbrauch von Minijobs (deren Existenzrecht freilich nicht angezweifelt wird) irgendwie ein bisschen schärfer vorzugehen. Das Wort „Mindestlohn“ fällt auftragsgemäß nicht.

Sowenig wie nebenan im Kommentar zum nagelneuen nordrhein-westfälischen „Schulfrieden“ das Wort „Proletenverarsche“: „Nun gibt es endlich die Chance, alle Kraft in die Verbesserung des Unterrichts zu stecken. Der Kompromiss … schützt die Gymnasien, bringt mit den neuen ,Sekundarschulen‘ aber mehr Durchlässigkeit ins System“ – so hat man’s oben gern: Die Gymnasien bleiben, was sie sind, und wenn aus der Gemeinschaftsschule (mit Oberstufe) jetzt eine Sekundarschule (ohne Oberstufe) wird, aus einer echten Alternative also bloß eine umbenannte Gesamtrealschule, dann ist für die Durchlässigkeit zwischen Haupt- und Realschulkarriere prima gesorgt und nach oben weiter alles dicht – nicht dass am Ende die Zeitungskommentare von Abiturienten kommen, denen Arbeiter, Putzfrauen und sonstige Niedriglöhner nicht „diese Menschen“ sind. Sondern Eltern.

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