„Der Friseurtermin in Mitte steht seit Monaten, die Limousine ist gebucht, die Eintrittskarten liegen seit einer Woche auf dem Tisch: Samstag, 18. Juni, Hotel Maritim am Potsdamer Platz. Exakt 42.126 Euro haben die Abiturienten des Melanchthon-Gymnasiums für Buffet, Bühne und Ambiente gezahlt, 840 Leute sollten kommen.
Die Stimmung ist dahin
Doch die Partystimmung ist dahin. Die Berliner Firma Easy Abi GmbH, die seit Jahren Abschlussfeiern mit Pomp und Gloria ausrichtet, hat das Geld nicht weitergereicht, die Verantwortlichen sind verschwunden. Insgesamt sollen mehr als 30 Schulen betroffen sein und der Schaden im hohen sechsstelligen Bereich liegen – man soll sich neuen Entwicklungen ja nicht von vornherein verschließen, aber meine Abiturfeier hat, wenn ich nicht ganz falsch liege, weniger gekostet als (falls diese Umrechnung nicht eh in die Irre führt) 85.000 Mark; und auch wenn, laut „Süddeutscher Zeitung“, „die Zeiten, in denen Abiturienten ihre Zeugnisse in graubraunen Stadthallen entgegennahmen und Mama Frikadellen für die Party briet, … längst vorbei“ sind und das alles nämlich jetzt „ein Event, wie in den USA“ ist, kann ich mir eine leise Schadenfreude nicht verkneifen.
Weniger, weil ich den Berliner Abiturienten ihren Ball nicht gönnte, als weil der Weltgeist hier einmal hineingefahren ist ins zeitgenössische Event- und Spektakelwesen, das Leben als nimmermüde Abfolge von Höhepunkten (Highlights) veranstaltet wissen will – nichts gegen eine Abiturfeier als solche, nichts gegen Abibälle, aber wenn eine 19-Jährige dafür im Januar einen Friseurtermin vereinbart und darauf besteht, von einer Limo ins Hotel chauffiert zu werden, dann scheint mir doch ein Fall von kulturindustriell lancierter Verblendung vorzuliegen, von einem in seiner Naivität schon wieder rührenden Reflex auf das Stars-und-Sternchen-Dauerfeuer auf allen Kanälen.
Es passt auf trübe Weise ins Bild
Niemand lebt ohne Vorbild, und ob das ein Fußballspieler, eine Popsängerin oder Goethe ist, ist erst einmal mehr ein gradueller als ein prinzipieller Unterschied. Heikel wird derlei dann, wenn die Gruppendynamik solcher Ergebenheiten von rein persönlichen Vorlieben abstrahiert und ein „Leitbild“ (Adorno) gesellschaftlicher Normvorstellungen in Szene setzt: Denn nicht nur darf angenommen werden, dass die Abschlussfeier der Klaus-Wowereit-Realschule ohne Limousinenservice und Edelcatering auskommen wird, auch fügt sich der frisch gebackene Abiturient, der doch jetzt als selbstständig-„freie“ Persönlichkeit seinen Weg gehen soll, ohne dass er’s merkt in die nivellierenden Distinktionsroutinen einer Gesellschaft, die das Deviante, Rebellische oder auch bloß Individuelle bloß als Stolperstein und Wachstumshemmnis begreift.
„Deutschland sucht den Superstar“, Bologna-Studium, der perfekte Lebenslauf – es passt auf trübe Weise ins Bild, dass einer der großen Freiheitsmomente, nämlich der, in dem man das Abschlusszeugnis in der Tasche hat, zu einem durchkommerzialisierten Showtermin der vollkommen austauschbaren Oberfläche heraufgewürdigt wird. Mochten die Stadthallen noch so graubraun gewesen sein – die Frikadellen schmeckten nicht haargenau so wie auf 30 identischen Veranstaltungen, und die Stadthalle stand für die Welt, die man verlassen wollte. Heute kann’s nicht schnell genug ins Maritim gehen.
Was ich sagen will: Mir scheint, die Abiturienten würden, trotz G8 und allem, immer älter.














“Easy Abi GmbH”
Nun Stefan Gärtner, der Mensch lernt/wird konditioniert an Beispielen. Und eine durch und durch konventionalistische und (entgegen dem ersten Eindruck der Diversität) recht Gedanken-konforme Gesellschaft, deren heiliges Schaf seit fast 20A nur noch auf den Namen “Ökonomismus” hört und blöken kann, zeugt halt Styling-Opfer. Mein Abitur ist bspw. schon so lange vorbei, dass es damals noch nicht mal diese verblödeten Autoaufkleber zum Thema gab (jedenfalls sind sie mir erst viel später im Studium aufgefallen).
Würde unsere Gesellschaft nur biologisch älter, so hätte das etwas irgendwie Natürliches… . Bei “Easy Abi GmbH” läuft mir allerdings nicht nur das Geld weg.
Die dekadente Jugend von heute verhält sich unverschämterweise anders, als es die linken Oberlehrer gerne hätten. Was für ein Skandal!