Konjunkturprogramme sind immer nur kurze Strohfeuer. Michael Heise

Unsre Bücher, eure Sache

Ich, die Mehrheit (2) oder White Arian Resistance: Warum es mit dem Neger im Kinderbuch doch nicht so einfach ist. Eine Revision.

Jetzt ist es mir wieder passiert; also kann man denselben Fehler doch zweimal machen. Im August hatte ich mich schon einmal einer Mehrheitsmeinung angeschlossen, die mir allein deshalb verdächtig hätte sein müssen, weil es die Mehrheitsmeinung war. Jetzt habe ich es wieder getan, und die Ansicht, dass das Wort „Neger“ aus einem Kinderbuch zu streichen ein Angriff auf die Literatur und den Begriff von ihr sei, wird mir auf der Stelle unheimlich, wo z.B. die „Zeit“ großartig die Zensur „unserer“ Kinderbücher moniert.

„Es berührt seltsam“, hatte es vor einem knappen halben Jahr an dieser Stelle geheißen, „wenn die Frage, ob es einer Zeitung erlaubt sein müsse, die Frage ,schwul oder nicht schwul‘ zu stellen, genau entlang der Linie schwul/nicht schwul beantwortet wird: ,Nein‘, sage ich und sagen die anderen Heteros. ,Eben doch‘, sagen die Homosexuellen", und ebenso wird der Widerstand gegens negerfreie Kinderbuch, z.B. auf der Leserbriefseite meiner Tageszeitung, von Leuten betrieben, die Christel oder Klaus-Dieter heißen. Es geht um „unsere“ Kinderbücher, die also nicht die Kinderbücher der anderen sind, und die anderen sind spätestens dann die anderen, wenn ihnen ihr Anderssein noch vom Kinderbuch unter die Nase gerieben wird, und sei’s auch, um mich noch einmal zu zitieren, ohne böse Absicht.

Niemand wird Astrid Lindgren Rassismus unterstellen, aber ihre Bücher sind nun einmal „weiß“ und aus einer weißen Perspektive verfasst; das Wort „Neger“ wird sich im Kinderbuch eines schwarzen Autors (einer schwarzen Autorin) kaum mit ähnlicher Selbstverständlichkeit finden. Und selbst wenn: Wer fürchten muss, auf der Straße „Neger“ oder „Bimbo“ gerufen (oder, als schwarzer Spieler, im Fußballstadion mit Affenlauten verfolgt) zu werden, wird für Diskussionen um Authentizität und Originalität von Literatur viel weniger übrig haben als unsereins, die wir, weiß und wunderbar undiskriminiert, am Schreibtisch sitzen und das Wort heiligen, das im Anfang war.

Im Zweifel die Minderheit fragen

Es bleibt wahr, dass die Bereinigung von Kinderbüchern weniger pädagogischen denn symbolischen Wert hat, als sie die Klassengesellschaft als eine zurechtflunkert, deren inhärenter Rassismus sich per Dekret und „Bildung“ in Luft auflösen lasse. Es ist aber ebenfalls wahr, dass sich Kinderliteratur von der für Erwachsene dadurch unterscheidet, dass sie „eigentlich“ und unmittelbar ist, dass ihr Mechanismen zur Distanzierung, Relativierung und Ironisierung zielgruppengemäß fehlen: Wenn in einem Kinderbuch vom „Neger“ die Rede ist, dann bedeutet das, dass der Erzähler oder einer seiner Figuren einen Menschen schwarzer Hautfarbe mit dem Begriff „Neger“ belegt. Die Verteidigung dieses Begriffs ist also, ob man das nun will oder nicht, die Verteidigung eines Codes, der es erlaubt, schwarze Menschen als „Neger“ zu bezeichnen, und keine historische oder politische Einordnung (Martin Luther King hat den Begriff angeblich selbst verwendet / Astrid Lindgren hat den „Negerkönig“ aus einer Zeitungsmeldung) schafft das aus der Welt.

Es ist ein alter Verdacht: Wer gegen politische Korrektheit und den „Tugendterror“, den sie ausübe, stänkert, will im Wesentlichen das Recht zurück, „Neger“ zu sagen. Dies anzuzeigen bedeutet nicht, die beflissene, sozusagen eifernde Tilgung von nicht (oder allenfalls schwach) pejorativen Bezeichnungen wie „Hexe“, „Türke“ oder (unglaublich) „wichsen“ nicht für die distinktorische Dummheit zu halten, die sie ist. Vielleicht muss man aber akzeptieren, dass es in Fällen, wo über den diskriminierenden Charakter eines Wortes Einigkeit herrscht, keine Generallösungen gibt (oder nur am wenigsten schlechte: ein Kinderbuch mit Fußnoten?) und man mit dem Dilemma wird leben müssen. Wer aber, zu Recht, Kinderliteratur als Literatur versteht – und die Rede ist von originärer Literatur für Kinder, nicht von irgendeiner Jugendversion von „Moby Dick“ –, der sollte auch mit einer historisch-kritischen Ausgabe von „Pippi Langstrumpf“ kein Problem haben; und im Einzelfall nicht die Mehrheit, sondern die Minderheit um Stellungnahme bitten. Die hat, da wette ich, nämlich erst gar keiner gefragt.

Aber es sind nun mal auch unsere Kinderbücher, nicht wahr?

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