Kaum nähert sich der 20. Einheits-Day, machen sich die zuständigen Stellen, auch hier im European, unversehens gemein mit den doch so verachtungswürdigen Staatssozialisten von ehedem und stellen den Phraser auf Dauerfeuer: die Einheit des Vaterlandes als “Vermächtnis des Volkes, das sich mutig der SED-Diktatur entledigte … Helden der deutschen Geschichte … Die Niedertracht des SED-Staats … Die Zellen von Bautzen” und was der Originalitäten mehr sind. Umso trauriger, dass diese deutschen Helden heute einen “Inferioritätskomplex” haben und sich als “Opfer der Einheit” sehen.
Schuld daran, so war dem Kollegen am Montag aufgefallen, sind nicht die Niedertrachten des CDUSPDFDP-Staats, sondern die linken Westler, die was gegen Helden haben: “Die Umdeutung vom Revolutionshelden zur komischen Figur vollzog sich binnen weniger Wochen. … Kaum war die Mauer auf, machte man sich schon lustig über diese drolligen Autos, bis das Frankfurter Satiremagazin ‘Titanic’ mit dem Foto eines blonden, selig lächelnden Mädchens in T-Shirt und Jeansjacke aufmachte, das eine halb geschälte Gurke in der Hand hielt. ‘Zonen-Gabi (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane’ lautete dazu die Titelzeile. Warum diese höhnische Haltung gegenüber Leuten, die etwas gewagt hatten, was keiner der Leute, die sich nun lustig machten, je wagen würde, nämlich sich mit einer Staatsmacht anzulegen, die ihre Kritiker nicht mit großzügig dotierten Professuren und TVÖD-Stellen versorgt, wie wir es im Westen gewohnt sind, sondern sie in den nächsten Stasiknast steckt?”
Im Westen viel Neues
Es ist ja gar nicht nötig, dass man alles oder auch nur das meiste begreift; aber ein bisschen mehr als gar nichts darf doch immerhin sein. Denn das war (und ist) ja gerade der Witz: dass die Revolutionshelden zwar wussten, wogegen sie waren, dass sie aber nicht ahnen wollten, dass das Werbefernsehen (West) nicht die ganze Wahrheit war; dass sie sich also rasch wundern durften, dass eine westliche Fabrik nicht so sehr für die Arbeiter als für die Fabrikanten da ist, reihenweise ihre Arbeitsplätze verloren und überdies von Versicherungsvertretern, Gebrauchtwagenhändlern und anderen freiheitlichen Charakteren nach Strich und Faden übers Ohr gehauen wurden; dass von jetzt auf gleich ihre ganze Lebensgeschichte dem Mythos vom KZ-Staat DDR unterfiel und sie nach der Ost- nun die (bis heute anhaltende) Westpropaganda auszuhalten hatten, wonach östlich der Elbe alles Stasi war und jeder Werktätige zugleich Opfer des Bolschewismus und Faulpelz, der Freitag ab eins verlässlich seins machte. Wenn man’s also ein bisschen genauer betrachtet, dann hat Zonengaby (mit y!) den grenzenlos naiven Helden der Konter- und Konsumrevolution bloß die Wahrheit gesagt: Wer Freiheit für eine Banane hält, der darf sich nicht wundern.
Was ist das schon für eine Freiheit?
Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch nur der Weltgeist, der mir just das Buch des Journalisten Michael Holzach wieder in die Hände spielte, der 1980 ohne Geld durch die alte BRD gewandert war und in einer Obdachlosenunterkunft einen suizidalen Ex-Revolutionär namens Jacky traf, der den zukünftigen Kolleginnen und Kollegen aus der DDR eine Einsicht voraushatte: “Heute bereut Jacky, der eigentlich Laszlo heißt, dass er sich damals in Ungarn am Aufstand beteiligt hat. ‘Es war Blödsinn, für das zu kämpfen, was uns die Stimme Amerikas versprochen hat’, sagt er leise, ‘was ist das hier schon für eine Freiheit.’”
Gute Frage.
















Ich gebe zu, dass ich diesen Artikel nur gelesen habe, weil im Prolog Sex und Alkohol erwaehnt werden. Leider hab ich davon nichts im Text gefunden noch gesehen noch konsumiert, auch nicht BEIM lesen des Textes.
Dennoch habe ich eine Meinung, die ich hier kundtun muss, auch wenn es keinen interessiert. Und die ist sehr international. Hier, in Indien, gab mir ein Kollege aus UK, ein Buch einer Australierin, mit dem Titel Stasiland, ein Buch ueber Ostdeutschland. Ist auch egal, wichtig an diesem Satz ist einzig und allein das Buch Stasiland, vielleicht noch, dass es nicht von einer Deutschen geschrieben worden ist. Kann ich jedem empfehlen, denn da werden zwei Sachen deutlich:
Das a. die bloeden Wessis meinten, Zack, da ist die Grenze auf und nun funktioniert unser System ueberall und die bloeden Ossis haben gefaelligst mit zu spielen und
b. die Ossis mit fortschreitender Zeit meinen, dass die Verhaeltnisse doch nicht sooo schlimm waren, eher besser – wenn man nicht einer der armen Saecke war, den die neurotischen Stasileute in den Bau(tzen) gesteckt haben.
und vor allem c. das sowohl bloede Ossis als auch bloede Wessis gar nicht so sehr an der Aufarbeitung der Geschehnisse und einem, eigentlich fuer uns Deutsche selbstverstaendlichen, geordneten Uebergang interessiert waren.
Wie gesagt, besorgt Euch das Buch – ist echt spannend.
Ein bloeder Wessi
Sie schreiben:
“Denn das war (und ist) ja gerade der Witz: dass die Revolutionshelden zwar wussten, wogegen sie waren, dass sie aber nicht ahnen wollten, dass das Werbefernsehen (West) nicht die ganze Wahrheit war;”
So ein Unsinn. Es werden ja gerade jene “Revolutionshelden” heute als Narren abgetan, die gewarnt haben vor einer zu schnellen Einheit. Ich gehörte – nebenher – damals zu denen, die diese Warnungen auch abtaten. Ich komme aus dem Osten. Und bereue es sehr, dass ich damals dachte, so ein rechtlich geordnetes System wie die BRD hätte so etwas wie Stil. Es hat ihn nicht. Es will nicht nur gewinnen, sondern die anderen auch am Boden sehen. Von daher nicht Stil sondern Stiefeltritt. Und Rechthaberei, die – das ist leider wahr – in Ost und West gepflegt werden wie nichts sonst.
Offensichtlich gehört ein Bruchteil an Kenntnissen heute für die Anfertigung einer Allerweltspolemik. Man fasst es nicht.
Na, und nun legt mal ein weiteres Scheit ins Feuer. Ihr selbst werdet ja nicht mehr verbrannt, nur noch die anderen.
Lafontaine SAGTE seinerzeit die WAHRHEIT -
KOHL hat GELOGEN weil er die Wahlen gewinnen wollte, versprach “Blühende Landschaften” – ach . wie allzu gern der Mensch doch lieber angelogen wird ( obwohl er es besser weiß…) – wenn es denn nur was vermeintlich “Gutes” ist ….. – “Titanic” zu kritisieren ist meiner Meinung nach Unsinn – traf doch exakt das was passierte – und Satire muss IMMER ihren Platz haben in einer lebendigen Demokratie .. Das nach 20 jahren viel ostdeutsche immer noch eher KUSCHEN statt erneut zu protestieren .. nun ja -. langes Thema : aber wie so schnell gleich ZWEI DIKTATUREN hintereinander überwinden und die Obrigkeitshörigkeit ablegen ! ??? – ich kann nur dazu ermutigen ….
“Das nach 20 jahren viel ostdeutsche immer noch eher KUSCHEN statt erneut zu protestieren "
Hallo, Haaaalooooo,
Die Ostdeutschen haben nicht gekuscht. Die ersten Streiks gabs sofort kurz nach der Wende.
Die Kaliarbeiter haben wochenlang gestreikt und auch einen Hungerstreik gemacht.Da galten sie als Jammerossis. Handwerker haben protestiert, Arbeiter haben protestiert. Die Leute im Osten haben als erste gegen Hartz IV protestiert, man berichtete wenig und wenn dann mit der überheblichen Süffisanz, die gern an den Tag gelegt wird von Leuten, deren eigenes Weltbild enger und provinzieller ist, als ich mir immer vorgestellt habe. .
Was also soll der Quatsch. Es tut Wessis offensichtlich gut, sich an den Ossis zu delektieren, da kann man die eigene Konformittät und Trägheit und Oberflächlichkeit absolut vergessen drüber.
Von ferne dachte ich in der Tat, die Bundesrepublik als Rechtsstaat hätte auch einen weltläufigeren Stil. Ich erlebe im geeinten Deutschland einen Willen nach Anpassung, wie er mir im Osten weitaus weniger unterkommt. Und statt Stil erlebe ich Stiefeltritte. Danke. Der Westen ist nicht viel besser. Und seine Bürger quatschen nach, was ihnen in Medien vorgesetzt wird.
@Magda Geisler.
Als Wessi, wünsche ich mir nur eines. Wir hätten mal 5 Jahre Ostverhältnisse haben müssen. Dann wüsten viele im Westen was für einen Unsinn hier zum Besten geben.Selbst jetzt, wo wir in eine 2 Klassengesellschaft per Demokratie gespalten werden, glauben die Westdeutschen noch an ein nicht mehr existierendes Gesellschaftsbild.Das man sich demokratische Rechte immer wieder neu erkämpfen muss passt nicht in ihr Wertebild von Deutschland.
Lieber Herr Rolf Kohl – Sie schreiben:
“Wir hätten mal 5 Jahre Ostverhältnisse haben müssen. Dann wüsten viele im Westen was für einen Unsinn hier zum Besten geben.”
Ich verstehe das so, dass Sie nicht die Ossis meinen, sondern die Wessis mit dem Unsinn. Es fehlt ein Wort, deshalb ist es missverständlich.
Ich sehe wie Sie, dass viele Leute im Westen ihr eigenes System überhaupt nicht kritisch befragen. Ich kann mich andererseits erinnern, dass das eine der ersten Maximen war, die mir im Kontakt mit politisch Engagierten im Westen vermittelt wurde, dieses ständige Ringen um Rechte oder gegen ihren Abbau. Das System selbst infrage zu stellen, das hat sich erst in den letzten Jahren fast aufgedrängt. Die Verunsicherung darüber ist in Ost und West groß und vielleicht auch die Versuchung , auch das zu einer Krankheit zu machen,die aus dem Osten kam. Na, ich schweife ab.
Deutschland muss sterben, damit wir leben können!