Es sind die Bürger, die dem Staat die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte zugestehen. Sebastian Blumenthal

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Auch 20 Jahre nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen ist es süß und ehrenvoll, dem Vaterland Opfer zu bringen.

Wenn ich sage, Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ ist ein braver Mann, dann klingt das viel missgünstiger, als es gemeint ist. Als einer der wenigen deutschen Journalisten empört er sich nicht nur wohlfeil und agendagemäß über die Pogromnächte von Rostock-Lichtenhagen und bejammert den Mob und die Nazis und die untätige Polizei, sondern erinnert an die Hetze in Presse und Politik wie daran, dass die „schwersten rassistischen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegszeit“ – die, um es im Sinne des Juristen Prantl zu präzisieren, gemeinschaftlichen, von 3.000 volksdeutschen Schaulustigen beklatschten Mordversuche in über 100 Fällen – bis heute Wirkung haben, indem sie eine Politik, deren raison d’être es ist, auch einem Volk im Blutrausch nach dem dreckigen Maul zu reden, veranlassten, den Artikel 16 des Grundgesetzes derart zu verwässern, dass nicht nur Prantl klagen kann, hier sei ein Grundrecht de facto „beseitigt“ worden.

„Schmarotzer“ war der Begriff

Genutzt hat es den Volksfremden, die trotz der neuen alten Stimmung schon im Land waren, nichts: Alle Versuche, den Nazis mit und ohne Glatze so weit entgegenzukommen, dass sie sich vielleicht dazu verstünden, den einen oder anderen Kanaken nicht abzufackeln, schlugen glänzend fehl: „Nach Rostock, nach Mölln, nach Solingen, nach den vielen Gewalttaten ohne massive staatliche und gesellschaftliche Gegenwehr begannen braune Kameradschaften, sich zu radikalisieren. Eine von ihnen ist der Nationalsozialistische Untergrund NSU, die Dreierbande, die zehn Menschen ermordet hat.“ Rostock-Lichtenhagen, resümiert Prantl, stehe „für eine Politik des Wegschauens und Wegduckens, für eine Politik, die Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass nicht ernst nimmt“, bis heute.

Das ist ein Widerspruch: Denn entweder nimmt die Politik den Ausländerhass nicht ernst, oder sie nimmt ihn zum Anlass, ein Grundrecht abzuschaffen, die Versorgungssätze für Asylbewerber so lange unter den Hartz-Sätzen zu halten, bis das Verfassungsgericht eingreift, und das Regime an den EU-Außengrenzen derart zu verschärfen, dass die Zahl jener, die beim Versuch, sie trotzdem zu überwinden, sterben, die Zahl der allsommerlich beweinten nationalen Mauertoten um ein Vielfaches übertrifft.

Der Widerspruch lässt sich auflösen, wenn man, was Prantl nie einfiele, unterstellt, der Politik sei ein bisschen Ausländerskepsis ganz recht. „Schmarotzer“ war der Begriff, auf den das Pack, das vor 20 Jahren Vietnamesen brennen sehen wollte, seine Mordlust brachte, weil es dumm genug gewesen war, erst die Lüge von den „blühenden Landschaften“ zu glauben, um für das Ausbleiben der Blüte dann nach alter deutscher Sitte Parasiten und Schädlinge zur Rechenschaft zu ziehen.

Am Namen der Nation vergriffen?

Bei allem Reden und teils ja auch ernsthaftem Bemühen um „Integration“, wie das heute heißt, bringt es die Herrschaft, aus Gründen des Selbstschutzes, nicht über sich, dem Volksempfinden seinen liebsten Gegner zu nehmen, und wenn ihr das mit Rostock, Hünxe oder, später, der NSU peinlich war, dann weniger wegen der paar verbrannten oder erschossenen Türken, sondern deshalb, weil die Kundschaft im Ausland das Geschwafel vom fremdenfreundlichen Sommermärchenland auch weiterhin glauben soll. „300.000 Exportabhängige, die vor aller Welt ihre Liebe zum Ausländer feierten“, sah nicht Prantl, sondern Hermann L. Gremliza, der im Gegensatz zu jenem nicht an das Gute im Deutschen glaubt, im Spätherbst 1992 auf einer furchtbar gut gemeinten Berliner Großdemo, „indem sie dem Motto der Verfassung folgten, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, damit keiner der Kunden auf falsche, also richtige Gedanken kommt, wenn in Deutschland demnächst nicht die Würde, sondern bloß Kopf und Kragen einiger hunderttausend Menschen zum Zweck des Hinauswurfs etwas fester angetastet werden“, und zitierte gleich noch den Schleimer Weizsäcker, der tatsächlich kundgetan hatte, rechte Mörder vergriffen sich „am Namen unserer Nation“.

Das tun sie nicht. Rechte Mörder, die „Extremisten“ (Weizsäcker u.v.a.) zu nennen sie mit einer Antifa, die ihnen vielleicht mal was aufs Maul gibt, in einen Topf wirft, vergreifen sich an Menschen; wie man sich am Namen einer Nation, die derlei nicht ahndet, statt Menschenrechten bloß das Ausländerrecht kennt und Fremde so konsequent auf Abstand hält, dass junge Deutschtürken lieber den Koran als das Grundgesetz zur Hand nehmen, ruhig vergreifen soll. Es wäre aller Ehren wert.

Liebe Leserin, liebe Leser: Diese Kolumne macht Urlaub und steht Ihnen am 14. September wieder zur Verfügung.

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von Stefan Gärtner
16.12.2011
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