War ein Arschloch, wird eines bleiben

von Sören Heim27.07.2015Gesellschaft & Kultur

„Die Gemobbten werden die Guten, die Mobber die Schlechten sein“: Mit solchen Mythen ist niemandem geholfen – vor allem nicht den Mobbingopfern.

Zu den Harry-Potter-Romanen habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Die ersten las ich in meiner Jugend sehr gern, brav quälte ich mich auch durch die später erschienenen Textwüsten. Spaß hat das nicht immer gemacht. Eines aber rechne ich Autorin Rowling bis heute hoch an: Das kleine Arschloch Malfoy, dieser notorische Schnösel und Mobber, macht in Harry Potter nicht die genretypische Wandlung vom jugendlichen Tunichtgut zum geläuterten Erwachsenen durch, sondern geht alles im allem den Weg vom kleinen zum großen Arschloch, wie es auch in der Realität nicht selten der Fall ist.

Mobbing: Zu diesem Thema wurde im vergangenen Monat “Sabrina Hoffmans Brief”:http://www.huffingtonpost.de/sabrina-hoffmann/brief-an-den-mitschueler-gemobbt_b_7553676.html?ncid=fcbklnkdehpmg00000002 an „den Trottel, der mich “hässlich” genannt hat“ immer wieder in meine Facebook-Timeline gespült. Der schenkte sicher einigen Mobbingopfern Mut. Auch bediente er dankenswerter Weise nicht das Narrativ des geläuterten Mobbers.

Einfache Narrative

Dennoch finden sich in Hoffmans Brief zahlreiche Mobbingopfer wohl eher schlecht getroffen. Denn insbesondere eingangs wird eine andere prototypische Erzählung entfaltet, die nicht ohne Tücken ist: Die des Opfers, dem es aufgrund schulischen Erfolges heute so viel besser gehe als dem Mobber. Gemobbte, das sind nach dieser Vorstellung die intelligenten Nerds, die nachdenklichen, in sich gekehrten Schülerinnen und Schüler – die Elite von morgen. Mobber, das sind die ‘asozialen’, die unbeholfenen, das sind die späteren Hilfsarbeiter und arbeitslosen Trinker. Ein beliebtes Bild, aber oft genug ein falsches.

Die prominentesten Mobber meiner Schulzeit arbeiten heute in Banken, sind selbst Lehrer geworden oder haben sich mehr oder weniger erfolgreich als selbstständige Unternehmer etabliert. Ein überraschend großer Anteil ging zur Polizei (keineswegs ein Generalangriff auf Polizisten – ich kenne viele kluge, besonnene und freundliche unter ihnen). Die meisten früheren Mobber sind, soweit ich das beurteilen kann, tatsächlich ruhiger geworden. Doch dass in manch einem (auch der Vorgeneration, gar der Generation meiner Eltern) noch immer ein kleiner Bully steckt, lässt sich beobachten.

Kein Wunder, wir leben in einer Gesellschaft, in der die „Soft-Skills“, die man sich als Schulhoftyrann erwirbt, durchaus zu einem erfolgreichen Leben befähigen. Man glaube bitte nicht mir und meinen persönlichen Anekdoten: Man werfe nur einen kurzen Blick in zahlreiche popkulturelle Erzeugnisse, die nicht so beliebt wären, fingen sie nicht zumindest einen Ausschnitt der Erfahrung zahlreicher Zuschauer auf: Den Traum, andauernder Demütigung durch Aufstieg zu entkommen, verkörpern viele Protagonisten aus Sitcoms der letzten Jahrzehnte, unter anderem die Crane-Brüder der Serie Frasier und der stotternde John Cage in Ally McBeal. Selten gelingt das: Unter Anwälten und Richtern, in den Medienbetrieben und in der High-Society Seatles tummeln sich Sozialtypen, die wie Cranes Nemesis Billy Kriezel bereits in der Schule verinnerlicht haben, dass man durch Arroganz und Einschüchterung mitunter gut vorankommt.

Vom Saulus zum Paulus?

Auf den Schaden, den der schulische Psychoterror anrichten kann, weist dann auch Hoffmann im zweiten Teil ihres Artikels ausführlich hin: „Was mir nicht egal ist, sind die “500.000 Schüler in Deutschland”:http://www.sueddeutsche.de/karriere/studie-mobbing-opfer-an-deutschlands-schulen-1.547615, die inzwischen von Mobbing betroffen sind (…) Viele Mobbing-Opfer haben Selbstmordgedanken, viele leiden ihr Leben lang an Depressionen.“

Jugendliche, die ähnliche Verheerungen mit körperlicher Gewalt anrichten, hätten sicher schon das ein oder andere Mal Bekanntschaft mit Jugendarrest gemacht. Doch jene Mobber, die später ganz gewöhnlich Karriere machen, wissen von ihrer langfristigen Wirkung wenig. Man macht es ihnen leicht. In der Jugend kommen sie meist mit einem erhobenen Zeigefinger davon, später stehen die Wandlung von Saulus zum Paulus oder das Bild des Mobbers, der später stets ein gesellschaftlich ausgeschlossener Looser sein wird, zur Verfügung, um sich von der eigenen Vergangenheit zu distanzieren: „Du bist kein Looser“, sagt man sich. „Du kannst kein schlechter Mensch gewesen sein“. Und schwingt nicht in den Anekdoten von später erfolgreichen Opfern auch immer ein wenig die Anklage an die mit, die es nicht geschafft haben? Ist, wen es immer wieder trifft, nicht doch am Ende selbst schuld? Oder mit den Worten Danny Kriezels, Bruder des bereits erwähnten Billy: “Aber mal ehrlich, wenn du mit einem Tweed-Blazer mit Ellenbogen-Patches und Koffer in die Schule kommst, ist die Schuld hier nicht etwa fünfzig-fünfzig verteilt?”

Nein. Ganz einfach nein.

Doch was tun? Es hat ja seine Gründe, dass Mobbing als vergleichsweise harmloses Kavaliersdelikt angesehen wird. Junge Menschen schlagen über die Stränge, und wo schon heute kindliche Freiheiten immer stärker eingeschränkt werden, möchte man kaum nach dem starken Staat rufen, der in Streitigkeiten unter Kindern und Jugendlichen hineinregiert. Doch mit wohlfeilen Sätzen wie „JEDER Schüler muss wissen, dass Mobbing nicht toleriert wird“ ist es auch nicht getan. Insbesondere, weil die Schulleitung dem konkreten Mobber viel zu fern steht, die angedrohte Konsequenz eines Schulausschlusses wohl rechtlich kaum umzusetzen ist und ein „gemeinsamer Ethos“ erfahrungsgemäß selten das Papier wert ist, auf dem er geschrieben steht.

„Gegen meinen Feind ist es kein Mobbing.“

Das letzte massive Mobbing während meiner Schulzeit fand in der Oberstufe statt. Eine Schülerin wurde teils durch typische Attacken auf gute Schüler, teils gar mit rassistischen Anwürfen heftig niedergemacht. Zum Glück schritt ein energischer Klassenlehrer, der aufgrund seiner kompromisslosen Haltung Autorität genoss, ein, er organisierte Widerstand im Klassenverband, indem er nicht nur die Hauptpersonen des Mobbings ansprach, sondern auch die Schüler rund um bei ihrer Ehre packte. Mobbing muss durch solche unmittelbare Intervention immer wieder im Keim erstickt werden, es lässt sich kaum durch Kampagnen und Willensbekundungen aus dem Schulalltag tilgen. Der Mobber ist ein autoritärer Charakter, wie sie die Gesellschaft hervorbringt und manchmal gar begünstigt. Er tritt nach unten, aber buckelt nach oben. Autoritäre Charaktere verstehen die Sprache der Autorität, wenn sie sich ihnen klar, deutlich, und nachvollziehbar entgegenstellt.

Doch einzelne Interventionen sind Makulatur, solange die oben skizzierten Mythen über Mobber und Gemobbte es immer wieder ermöglichen, das Phänomen mit massenkompatiblen Herzschmerzgeschichten zu entschärfen. Nicht hilfreich ist es auch, wie selektiv wir unter Erwachsenen Mobbing überhaupt identifizieren. Regelmäßig gilt hier nämlich, verschärfter noch als in der Schule: „Wenn es gegen meinen Feind geht, ist es kein Mobbing.“ So etwa zuletzt wieder als Grünenpolitiker Volker Beck in einer Sendung zum Thema „Woher kommt der Hass im Netz?” im Falle der bis hin zu Drohungen reichenden “Onlineattacken auf die Journalistin Ronja von Rönne”:http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/swr2-forum-plattform-der-enthemmten/-/id=660214/did=15414370/nid=660214/fwjhbn/index.html nicht wirklich problematisches Verhalten erkennen wollte. . .

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