Unerfüllte Erwartungen

von Sérgio Costa15.06.2014Außenpolitik

In Brasilien gibt es nicht nur Widerstand gegen die teure WM. Die Bürger haben Wut aufgrund eines viel größeren Problems.

In Deutschland sind sich die Medien uneinig, warum die Brasilianer schon im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft (WM) so heftig protestiert haben. Einige sehen die Gründe in der Verschwendung öffentlicher Gelder für die Finanzierung eines Spektakels, über das die FIFA das Sagen hat. Für andere wiederum richten sich die Proteste gegen das miserable Bildungssystem, oder gegen den quälenden Stadtverkehr. Oder ist vielleicht die mangelhafte Gesundheitsversorgung, gegen die die Protestierenden sich mobilisieren?

Sicherlich stehen diese unbestreitbaren Missstände im Mittelpunkt der Proteste: Sie stellen das Mobilisierungsmittel dar, mit dem eine diffuse Empörung gebündelt wird. Doch die Entstehung von Protesten kann mit den Missständen alleine nicht erklärt werden. Denn in diesem Fall hätten die Proteste in Brasilien schon viel früher ausbrechen müssen.

Schließlich ging es den Brasilianern noch vor zwölf Jahren in Bezug auf jeglichen relevanten sozialen Indikator schlechter als heute. Seitdem sind die Armutszahlen erheblich gesunken, kann eine signifikante Steigerung des Durchschnittseinkommens verzeichnet werden und ist die Lebenserwartung um mehrere Jahre gestiegen. Auch die große Ungleichheit zwischen arm und reich konnte abgemildert werden. Warum protestieren ausgerechnet die fußballvernarrten Brasilianer?

Das ganze System ist überfordert

Wie es zu den Protesten kommen konnte, kann mit Hilfe der Forschung über Protestbewegungen beantwortet werden. Demzufolge entstehen Proteste nicht unbedingt dort, wo die sozialen Verhältnisse besonders ungerecht sind, sondern wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden: passende politische Möglichkeiten, Protestressourcen sowie nicht erfüllte Erwartungen. Dies trifft heute besonders auf Brasilien zu.

Neben der WM finden dieses Jahr bekanntlich Präsidentschaftswahlen statt. Bessere Voraussetzungen für Proteste kann es kaum geben: In der WM wird das internationale Image Brasiliens neu verhandelt und im Wahljahr können sich Politiker keine Imageschäden leisten. Davon können Protestakteure wie die Obdachlosenbewegungen profitieren, die bei ihren früheren Protesten über wenig Druckmittel verfügten. Für einen Proteststop während der WM erhielten sie von der Regierung São Paulos kürzlich das Versprechen, einem Teil ihrer Forderungen zu entsprechen. Dazu kommt, dass die Regierung und ihre Chefin Dilma Rousseff nicht die richtige Sprache und Maßnahmen finden, den Protestierenden entgegen zu kommen. Dies führt zu einer Radikalisierung der verschiedenen Protestbewegungen. Doch nicht nur die PT tut sich mit den Protesten schwer, sondern das gesamte politische System scheint, vom öffentlichen Schrei nach mehr Demokratie und Transparenz überfordert zu sein.

Mobilisierungsressourcen gibt es in Brasilien immer mehr: Die Anzahl der Studierenden hat sich innerhalb von zehn Jahren von 2,6 Millionen auf sieben Millionen gestiegen. Das sind zum großen Teil Menschen, die aus armen Verhältnissen kommen und nun einen qualifizierteren Zugang zu Information haben. Dazu kommen die Kommunikationstechnologien der sozialen Medien, die schlagfertige Organisationsinstrumente sind und eine internationale Vernetzung sowie eine alternative Informationspolitik jenseits der Mainstream-Berichterstattung ermöglichen.

Inklusion nur über Konsum

Auch an enttäuschten Erwartungen mangelt es in Brasilien nicht: Die „chinesischen“ Wachstumsraten von bis zu sieben Prozent pro Jahr werden nicht mehr erreicht. Im Jahr 2014 wird die brasilianische Ökonomie allen Prognosen nach kaum noch wachsen. Damit schrumpfen auch die Aussichten auf einen sozialen Aufstieg. Gleichzeitig zeigt das brasilianische Modell der sozialen Inklusion über steigenden Konsum deutliche Risse.

Nachdem die sogenannte neue brasilianische Mittelschicht ihre ersten Flachbildschirmfernseher, Smartphones, Autos und Flugreisen finanzieren konnte, breitet sich Ernüchterung aus: Die Lebensbedingungen und Aufstiegschancen sind nicht besser geworden. Neben hohen Verschuldungsraten auf Jahrzehnte, einer nicht mitwachsenden Infrastruktur und der Fortschreibung ungleichen Zugangs zu Bildung und Gesundheitsversorgung erscheinen die Errungenschaften der Inklusion alleine über die Rolle als Konsument fragil.

Die brasilianische Protestszene hat sich seit dem Aufkommen der ersten Straßenrebellionen im Juni 2013 erheblich verändert. Die große Masse bleibt jetzt zuhause oder feiert öffentlich, wenn die Nationalmannschaft Gründe dafür liefert. Es geht bei den gegenwärtigen Protesten weniger um eine diffuse Unmutsbekundung, sondern um konkrete Forderungen: bessere Gehälter für das U-Bahn-Personal, Demarkation indigener Gebiete oder Häuser für Obdachlose. Doch die Gründe für die Proteste haben sich nicht geändert: 2013 wie heute protestieren die Brasilianer deshalb, weil politische Erwartungen unerfüllt bleiben, die politischen Möglichkeiten für Proteste gegeben sind und weil sie über Protestressourcen verfügen.

_Dieser Kommentar entstand in Zusammenarbeit mit “Maria Backhouse”:http://www.theeuropean.de/maria-backhouse. Sie hat ihre Promotion in Soziologie gerade abgeschlossen und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin._

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