Ich war acht Jahre alt, da fand ich bei meinen Eltern ein verbotenes Buch. Es war ein Pamphlet gegen den Schah, im Regal hinter den anderen Büchern versteckt. Als meine Mutter mich beim Lesen ertappte, warnte sie mich, ich dürfe niemandem davon erzählen, wir würden sonst alle im Gefängnis landen. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen: Es war das erste Mal, dass ich an die Menschen hinter Gittern dachte. Als Kind kamen einem die 70er-Jahre wie eine ruhige Zeit vor. Aber es gab Zeichen unterschwelliger Unruhe.
Die Monate vor der Revolution waren wie ein Traum. 1978 brachte uns einen besonders kalten Winter. Die Schulen waren geschlossen, die Öl-Industrie streikte, es gab nur wenig Benzin oder Gas. Wir schlenderten durch die Stadt, beteiligen uns an Debatten und sahen Filme, die bislang verboten waren. Teenager hatten uneingeschränkt Zugang zur Universität. Sie hingen auf dem Campus herum und lasen, was ihnen gefiel: Romane von Gorki und Sartre, Che Guevaras Biografie, Essays von Erich Fromm. Alle Türen standen offen.
Dann kam es zur Revolution, gefolgt von einem kurzen “Frühling der Freiheit”. Der Ausbruch des Iran-Irak-Krieges machte dieser Zeit der Hoffnung allerdings schon 1980 ein Ende. Und bald kam es zu ersten Massenverhaftungen. Niemand war auf diese plötzliche Ernüchterung vorbereitet. Mitschüler verschwanden, einige waren in den Untergrund gegangen, andere waren verhaftet oder exekutiert worden – allein dafür, dass sie anders dachten.
Der Ton verschärft sich
Es folgte die Kulturrevolution der 80er-Jahre. Bittere Knappheit beherrschte das Leben. Der Schleier wurde für Frauen zur Pflicht, in den Bussen separierte man die Geschlechter. An den Schulen beherrschten religiöse Unterweisung, der Koran und arabische Sprachen die Unterrichtsstunden. Schulfreunde legten ihr Geld zusammen, liehen sich einen Betamax-Videospieler und verschlangen nachts Filme aus dem Ausland, die man auf dem Schwarzmarkt besorgt hatte. Hätte die Polizei sie erwischt, sie wären ausgepeitscht worden.
Die jungen Iraner der 80er-Jahre hatten nur einen Wunsch: die wahren Ideale der Revolution neu zu beleben und die Macht, die das islamische Regime an sich gerissen hatte, den Mullahs wieder zu entreißen. Doch sie standen vor verschlossenen Universitätstüren, wurden zu Hunderttausenden eingesperrt, gefoltert, exekutiert oder an der Front eines ungerechten Krieges zerrieben. Ihre Jugend ging an die dunkelste Zeit der Islamischen Republik verloren. Sie sind die “verbrannte Generation” (nasle soukhte).
In den 90er-Jahren formte sich dann eine neue Generation junge Iraner – moralisch unbelastet, denn sie waren erst nach oder kurz vor der Revolution zur Welt gekommen. Die Herrschaft der Schahs hatten sie gar nicht erlebt, sondern waren das genuine Produkt der Erziehung in der Islamischen Republik. Daher fanden sie eigene Wege des Widerstands. Sie richteten die Rhetorik der Islamischen Republik gegen die Republik selbst. Sie lernten, mit den Regeln und Verboten zu spielen. So entstanden neue, urbane Codes: Jungen und Mädchen kleideten sich zunehmend offenherzig, trafen sich in Cybercafés zum Chatten und auf öffentlichen Plätzen für ihre Dates. Das hatte es noch nie gegeben in der Islamischen Republik.
Die Ausbreitung des Internets und die Globalisierung taten das Übrige: Der Iran war nun nicht mehr Iron Island. Die jungen Iraner waren technisch auf der Höhe der Zeit und mit dem Rest der Welt verbunden. So wurde diese Generation politisch aktiv. Die Studentenverbünde wandelten sich von Propaganda-Werkzeugen zu lebendigen politischen Foren, die sich mit den Hardlinern anlegten und reformistische Forderungen stellten. Die jungen Iraner engagierten sich an den Wahlen der späten 90er-Jahre, weil sie jetzt daran glaubten, das Land mit ihren Stimmen verändern zu können. Sie überredeten sogar ihre skeptischen Eltern, zur Wahl zu gehen.
Diese neue Generation junger Journalisten, Feministen und Aktivisten bekämpft das islamische System mit dessen eigenen Regeln und dessen eigenem Jargon. Ihre Künstler träumen weder von der Vergangenheit noch hängen sie Utopien an, sondern bringen die Probleme der iranischen Jugend zur Sprache, zur Not auch als Rockband im Untergrund. Frauen wurden nach einer langen Zeit der Unterdrückung wieder selbstbewusst und aktiv: An den Universitäten stellen sie sogar die Mehrheit der Studenten.
Dies ist die Generation, die wir jetzt in den Straßen sehen. Junge Frauen und junge Männer. Mit einer Stimme rufen sie nach Freiheit.




















