Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte niemals zurückgefordert. Frank Schirrmacher

St. Martin statt Halloween!

Wenn die Tage kürzer werden, feiern die Menschen Lichterfeste. Im christlichen Abendland ist dieser Brauch aus gutem Grund mit Laternenumzügen zu Ehren des Heiligen Martin von Tours verbunden: am 11. November wird in der Martinskirchen sein Patrozinium gefeiert. Ein heidnischer Brauch keltischen Ursprungs verdrängt die Martins-Züge indes zusehends. Und Konsumdruck unterstützt die Entchristlichung.

Halloween war auch 2017 wieder in aller Munde, im wahrsten Sinne des Wortes. Kinder gehen seit einigen Jahren maskiert von Haus zu Haus, klingeln und rufen, wenn geöffnet wird: „Süßes oder Saures!“ Sie stellen sich mit ihrer Maskerade, die in aller Regel an Tod, Not und Seuche erinnert, in eine Kultur der Angst vor bösen Geistern, ja, vor den Geistern der Toten. Mit ihren süßen Gaben kaufen diejenigen, die vom kindlichen oder puerilen Geisterspuk heimgesucht werden, symbolisch ihre Seelen frei. Geben sie nichts, drohen harmlose Streiche. Jedenfalls war das bis vor kurzem so. Immer öfter werden jedoch auch handfeste Sachbeschädigungen beobachtet.

Wie kommt es zu solchen Auswüchsen? Der Grund liegt in der kulturellen Grundlage des Halloween, des „all-holy-evening“, der von der Angst und den Gedanken an die Toten geprägt ist. Das christliche Allerheiligen hat dieselben Wurzeln, die im übrigen in keltischen Kulturkreis zu verorten sind. Eine hypothetische Vermutung sei gestattet: Vielleicht ist es die Reflexion des Dunklen, des Abgründigen, die Kinder und Jugendliche in den Kategorien der Sachbeschädigung oder Nötigung abgleiten lässt.

Und warum tritt Halloween immer stärker in den Vordergrund? Nun, unter der Maske des Abgründigen können nicht nur Kinder düstere Verkleidungen ausprobieren, auch Erwachsene können hier die kulturellen Grenzen überwinden, die Sitte und Anstand ihnen setzen – das soll ja Spaß machen, ist zu hören, auf Parties, die Ü30, Ü40 oder vielleicht, passend zum geisterhaften Halloween, Ü340 heißen. Doch vor allem ist dies ein erneuter Anlass, Konsumprodukte niederer Qualitätsstufen unter das Volk zu bringen, als da wären Kostüme aus billigen Stoffen, Plastikmasken, die das Atmen schwer machen und natürlich jede Menge blutroter Schminke. Die äußerst konsumorientierten USA sind hier Vorbild, denn dort kommt der Spuk her. Was dabei gerne unterschlagen wird: Über den hemmungslosen Konsum haben die Amerikaner mehrheitlich ihre Frömmigkeit nicht vergessen. Die laizistische Gottferne, die hierzulande grassiert, ist den meisten Menschen dort fremd.

Verliert St. Martin den Kampf?

Der historische Heilige Martin war ein römischer Soldat, der im vierten Jahrhundert nach Christus lebte, wahrscheinlich von 316 bis 397, und der in mancher Schlacht erprobt war. Im Jahre 351 ließ er sich taufen, wenig später gründete er das erste abendländische Kloster überhaupt. 372 nach Christus wurde er zum Bischof von Tours geweiht; sein Wirken für das Christentum hatte vor allem im Frankenreich, das nördlich an das römische Gallien angrenzte, große Wirkung – und über dieses Scharnierfunktion zwischen Rom und dieses spätere Nachfolgereich im Westen Europas bis hin zu Karl dem Großen wurde er zu einem eminent wichtigen Wegbereiter eines christlichen Europa. Das hat größte Auswirkungen bis hin zur Europäischen Union, die fest im christlichen Urgrund Europas wurzelt, angefangen bei den Römischen Verträgen, deren Unterzeichnung bewusst am Ort der römischen Metropole stattfand, in der Petrus im Auftrag Jesu Christi einen Bischofssitz errichtet hat.

Die Bedeutung des römischen Soldaten und späteren Bischofs von Tours, Martin, ist kulturgeschichtlich kaum hoch genug einzuschätzen. Als das erste Mal ein Ketzer zum Tode verurteilt wurde, nämlich Priscillian von Ávila 385, war er es, der mit aller Kraft gegen die Hinrichtung kämpfte und sogar denen, die sich für die Hinrichtung ausgesprochen hatten, die eucharistische Gemeinschaft aufkündigte – (ich verdanke diese Erkenntnis zu Martins Umgang mit Andersdenkenden Adorjan Kovács). Eine zutiefst christliche Geste ist es indes, durch die der in allen großen westlichen Kirchen hochverehrte Heilige Martin bis heute deutlich erkennbar und sehr bekannt ist: er teilte, kurz nachdem er getauft war, seinen weiten Soldatenmantel mit einem Bettler, indem er den gewirkten Stoff mit seinem eigenen Schwert teilte.

Hier ist er nun, der Gegensatz. Handelt Halloween von Angst vor de Tod und dem symbolischen Freikaufen der Seele von der Verdammnis, nachgespielt mit der Gabe von Süßigkeiten an der Haustür, so wird beim St.-Martins-Zug an die Mitmenschlichkeit, an die Liebe zu Gott in den Ärmsten erinnert. St. Martin ist ein Fest des himmlischen Lichtes, während Halloween ein Spiel mit der Höllenangst ist. Was ist für unsere Kinder, falls wir denn welche haben, wohl das bessere Fest? Zu allem hin geraten die Martinszüge in Gefahr, weil immer mehr Einrichtungen der Früherziehung die Feste mit christlichem Charakter streichen oder sie ebendieser kulturellen Wurzel berauben.

Das gilt im übrigen auch für den Reformationstag, der jedes Jahr am 31. Oktober begangen wird. Und der auch unter Christenmenschen jedes Jahr geflissentlich übergangen wird, wohl, weil es kein gesetzlicher Feiertag ist. Das Martin-Luther-Singen jedenfalls, zu dem die Laternenumzüge zu Ehren von St. Martin in evangelisch-lutherisch geprägten Ländern umgedeutet worden war, ist vielerorts bereits völlig in Vergessenheit geraten. Die Lust an der Verkleidung, die Kindern und Jugendlichen eigen ist und die sich in den Bräuchen der Lichterfeste Bahn bricht, wie einer meiner Leser zurecht bemerkt, sie wird mit Halloween auf Monster und Ungeheuer, auf Leichen und Gewalt gelenkt. Gute Könige, uralte, wunderschöne Lieder und die Lichtmystik sind dagegen völlig aus dem Blick geraten. O tempora, o mores!

Falschverstandenes Apeasement

Der Reformationstag also. Er wird immer nebensächlicher, weil er den Menschen unwichtig geworden ist. Der 500. Jahrestag der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers stellt eine gewisse Ausnahme dar. Dieses Jubiläum wäre, ganz nebenbei, auch gut geeignet gewesen, für die in Norddeutschland angesiedelten, evangelischen Bundesländer einen schulfreien Reformationstag als ofiziell-staatlichen Feiertag zu fordern, ganz so, wie in mehrheitlich katholischen Bundesländern Allerheiligen ein Feiertag ist. Aber vielleicht wäre das auch zuviel verlangt von einer EKD, die ja schon mit der schriftgetreuen Verkündigung der Dreieinigkeit Gottes mancherorts ihre Probleme hat. Ein flächendeckendes Bild der Verwässerung, des Aufgebens von Traditionen bietet sich dem besorgten Betrachter. Rückhalt bieten katholische Bistümer und Erzbistümer.

Die Glaubensmisere im Kleinen, die defensive Haltung vor Ort ist indes offenbar konfessionsübergreifend. Speziell das Gedenken an St. Martin und das Martin-Luther-Singen müssen immer öfter weichen. Ein geschmacksneutrales und inhaltsleeres „Lichterfest“ tritt vielerorts an die Stelle uralten und auch heute wirksamen, religiösen Kulturgutes. Kinder anderer Kulturen sollen, so die Begründung, nicht durch christliche Symbolik „verletzt“ werden. Als ob sich durch ein Fest der Mitmenschlichkeit und der Liebe auch nur ein einziges muslimisches Kind verletzt fühlen müsste! Gestört fühlen könnten sich in bestimmten Fällen allerdings deren Eltern: falls diese aktiv an der Errichtung eines Kalifats arbeiten. Dass das Grundgesetz die Errichtung eines solchen Islamischen Staates nicht zulässt: herzlich wenig kümmert es die Leiterin eines Kindergartens, die sich Ärger mit wütenden, vielleicht sogar drohend auftretenden Vertretern von Gruppen, „die noch nicht so lange hier sind“, vom Hals halten möchte. Weil sie um ebendiesen schlichtweg Angst hat.

Gott sei Dank, St. Martin reitet noch

Am 10. November ist der Autor dieser Kolumne gegen Abend durch das Rheinland gefahren. In Boppard und an vielen anderen Orten am Mittelrhein waren große Martinsfeuer zu sehen, denn rund um die alten römischen Zentren am Mittel- und Niederrhein sind die Martin-Patrozinien zahlreich, diese kulturelle Verwurzelung ist ein Stück des kulturellen Identität des heutigen Europa, die EU inklusive. In Bad Breisig, Remagen und in den südlichen Vororten Bonns, rund um Bad Godesberg, waren immer wieder Kinder mit ihren Laternen zu sehen, denn die Laternenumzüge der Kinder finden traditionell zumeist am Vorabend des Martinsfestes statt. In Kempen am Niederrhein trat wie jedes Jahr ein St. Martin zu Pferd auf, und wohl drei Dutzend mal musste er mit seinem Schwert symbolisch den Mantel teilen: bis es alle staunenden Kinder gesehen hatten. Die Tradition, das mögen diese stichprobenartigen Beobachtungen belegen: noch lebt sie!

Gott sei Dank, St. Martin reitet noch. Gott sei Dank, die Kinder sind noch mit ihren Laternen unterwegs! Denn die Halloween-Fraktion ist groß. Da sind diejenigen, die aus Gründen der Konsumvermehrung ein handfestes wirtschaftliches Interesse haben. Dann sind da diejenigen, die aus subjektiv empfundener Ablehnung christlicher und vor allem katholischer Werte demonstrativ für ein Höllenspektakel wie Halloween eintreten. Und dann sind da die Ahnungslosen, die einfach mitmachen und Twix und Milky Way verteilen, um sich den Beifall der Nachbarn zu erkaufen. Dann sind da die Fehlgeleiteten, die meinen, ein muslimisches Kind störe sich an christlicher Symbolik. Dann sind da die Haltlosen, die sich einem ankommenden Islam unterwerfen, obwohl das noch gar nicht verlangt wird (es wird schon noch kommen!). Da sind natürlich auch die Ängstlichen, die Sorge um die Plastikblumen vor ihrer Haustür und den Lack des auf Kredit gekauften Renault Twingo haben. Nicht zu vergessen diejenigen, die ihre Kinder maskiert auf die Straße schicken, damit sie auf einer Ü340-Party ihre eigene Pubertät nachspielen können. Ach, es ist erbärmlich und billig und auch gefährlich, alles zusammen. St. Martin stehe uns bei!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Sebastian Sigler: Bono: Milliardär dank Facebook

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