Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Zwei Kilo TNT, um Hitler zu töten

Bereits 1933 war Albrecht v. Hagen ein kompromissloser Gegner des Nationalsozialismus. Graf Stauffenberg konnte später auf ihn als einen der engsten Vertrauten zählen. Nach dem Attentat vom 20. Juli wurde er auf Hitlers persönlichen Befehl gehenkt. Seine Witwe hat für die Nachwelt aufgeschrieben, was den Mann bewegte, der Sprengstoff beschaffte, um den Diktator zu töten.

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Das Bild zeigt eine Montage von Claus Schenk Graf v. Stauffenberg und der Führerbaracke auf dem Gelände der Wolfsschanze nach dem Attentat vom 20. Juli 1944.

Albrecht v. Hagen, Stauffenbergs Mann für Sprengstoff

Albrecht v. Hagen gehört zu Unrecht zu den Stauffenberg-Attentätern, die ein wenig im Schatten stehen. Er war einer der engsten Vertrauten Stauffenbergs und er besorgte eines von mehreren Sprengstoff-Paketen, die zum Tyrannenmord an Hitler verwendet werden sollten. Dieser Text basiert auf den Erinnerungen seiner Witwe Erica v. Hagen.

Mitte März 1938. Familie v. Hagen war zum Skifahren im Kleinwalsertal, ein traumhafter Urlaub, doch dann geschah es. Erica erinnerrt sich, in der dritten Person schreibend: „Eines Abends sahen sie über die Höhen lange, geisterhafte Fackelzüge ziehen: Großdeutschland war am Erwachen und zog in noch unbekannte Qualen in der nahen Zukunft. Viele im Gasthaus brachen in Jubel aus. Viele aber erbleichten angesichts dieser Fackelzüge. (…) ‚Wohin geht ihr’, sagte Albrecht vor sich hin, ‚mein Gott, wohin?’“ Am 13. März 1938 marschierten SS und Wehrmacht in Wien ein.

August 1939. „Die Kriegserklärung gegen Polen! Mobilmachung! Ein aufgeregter Ansager verkündete, daß die deutsche Wehrmacht bereits seit Stunden tief in Polen einmarschiert sei und der Feldzug nur eine Sache von mehreren Tagen sein werde. Von all den Toten und den wirklichen Gewalt- und Greueltaten sagte niemand etwas, wagte niemand etwas zu sagen.“

Sie hielten sich an den Händen und weinten beide

Bei der Nachricht, dass Krieg sei, gingen Albrecht und Erica still hinaus auf die Terrasse. Sie hielten sich an den Händen und weinten beide. Albrechts Worte waren: „Nun ist es geschehen, nun gibt es keine Hoffnung mehr!“ Das sagte dieser Mann, der schon als Corpsstudent in Heidelberg bei Saxo-Borussia immer optimistisch gewesen war, und auch danach, als Bankkaufmann wie als Familienvater, seine Umgebung immer mit Ausgeglichenheit und Zufriedenheit angesteckt hatte. Doch davon war nun nichts mehr. Am nächsten Tag kam für Albrecht v. Hagen der Gestellungsbefehl zur 10. Panzerdivision als Leutnant der Reserve.

1943, bei einer Verwendung während des Afrikafeldzuges, lernte er in Tunis Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg kennen und schloss sich unter dessen Einfluss dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten an. Um ihn bei einem Staatsstreich im Zentrum des Geschehens einsetzen zu können, organisierten die Offiziere im Widerstand die Versetzung Hagens zum Oberkommando der Wehrmacht, wo er offiziell für den Kurierdienst zwischen den Dienststellen in Berlin und dem Führerhauptquartier Wolfsschanze zuständig war. Gleichzeitig arbeitete er, streng im Geheimen und immer unter Lebensgefahr, intensiv am Sturz und der Beseitigung Hitlers. Sein Vorgesetzter war Generalmajor Hellmuth Stieff, Chef der Organisationsabteilung des Heeres. Beide waren an den Plänen, Hitler zu töten, bis ins Detail beteiligt.

Sprengstoff, und wieder Sprengstoff

Im November 1943 vergrub v. Hagen gemeinsam mit dem befreundeten Major im Generalstab Joachim Kuhn ein Kilogramm Sprengstoff, das er beschafft hatte. Der Wehrmachtsoffizier Axel Freiherr von dem Bussche-Streithorst wollte sich bei einer Uniformvorstellung mit Adolf Hitler damit in unmittelbarer Nähe des Führers selbst in die Luft sprengen. Der vergrabene Sprengstoff wurde von der Geheimen Feldpolizei gefunden, aber Hagen und Kuhn blieben unbehelligt. Im Mai 1944 besorgte Hagen abermals Sprengstoff für ein Attentat auf Adolf Hitler und übergab ihn seinem Vorgesetzten Stieff. Diesmal waren es wohl mehr als zwei Kilo.

An den 20. Juli erinnert sich Erica genau. Sie ritt frühmorgens durch goldene Felder und duftenden Tannenwald. Als sie später heimkam, kreischte die Köchin: „Ein Offizier, ein Graf Stauffenberg, hat versucht, den Führer umzubringen! Da hat man’s, immer die Adligen müssen solche Sachen machen!“ Das Radio sendete pausenlos wilde Nachrichten, bis schließlich Hitler seine bekannte Ansprache hielt. Eine Gruppe ehrgeiziger Offiziere hätte ihn umbringen wollen, aber der „Allmächtige“ hätte es nicht zugelassen, daß Deutschland ohne „Führer“ den Feinden in die Hände fiele. Der Führer hätte die Sendung, Deutschland zum Endsieg zu führen. Der Beweis dafür sei dieses dilettantische Attentat. Alles brach in Heilrufe aus – doch Erica erschrak bis ins Mark: Graf Stauffenberg, Klamroth, Stieff – und Hagen, ihr Mann! Fieberhaft jagten sich ihre Gedanken. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Sie erinnerte sich, wie Albrecht sich im Winter 1943 in der Wohnung im Grunewald so kurz verabschiedet hatte, seinen Koffer hereinstellte und die Aktentasche nahm. Sie wollte ihn zurückhalten, ergriff die Aktentasche und sagte: „Mein Gott, die ist ja so schwer, als wären Steine darin!“ „Lass nur, gib her. Ich muss sofort zu Stauffenberg!“ Und an diesem 20. Juli 1944 wusste sie plötzlich, was in der Aktentasche gewesen war.

Es kam die Nacht zum 1. August 1944, gut eine Woche nach dem Stauffenberg-Attentat. Plötzlich Lärm im Hof, Motorengeräusche, etwas splitterte. Jemand hieb heftig gegen die verschlossene Haustür. Alle schliefen fest, nur Erica döste in schweren Gedanken, war immer noch tief beunruhigt. Sie war sofort hellwach, lief zum Fenster und fragte, was los sei. „Aufmachen, sofort aufmachen! Das ist ein Befehl!“, brüllten Männer aus dem Dunkel herauf. Die Haustür bebte in ihren Angeln. Erica zog den Schlafrock an und eilte hinunter. Kaum hatte sie alle Verschlüsse und Laden offen, drängten sich acht Männer brüsk an ihr vorbei. In dieser Nacht nicht nur sie, sondern auch die Eltern verhaftet, die beiden Kinder wurden in ein NS-Kinderheim verschleppt. Sippenhaft. Erica sollte sie für fast ein halbes Jahr nicht mehr sehen, ja, nicht einmal wissen, ob ihre Kinder noch lebten.

„Der ist doch längst am Galgen!“

Erica aber kam an diesem 1. August 1944 in Einzelhaft. Und es wurde es September. Sie wartete, allein in der engen Zelle. Schob den Schemel unter das Kipfenfenster ihrer Zelle, schöpfte frische Luft und sah, wie die Zeit verrann. Schaute über die Stadtrandfelder und sah die Felder kahl werden, die Kartoffeln geerntet und schließlich gepflügt werden, um in der Stille des Winters hinein brachzuliegen. Brach lag ihr Leben und ungewiss. Es wurde, schon war es Spätherbst, nachts sehr kühl in der Zelle, und Erica wurde krank. Von Frost geschüttelt lag sie auf der harten Pritsche, schlaflos. Eines Tages erschien eine noch junge Wärterin. Sie trat an die Pritsche und fragte: „Sagen Sie, hieß Ihr Mann mit Vornamen Albrecht?“ „Ja, was ist mit ihm, haben Sie Nachricht, wo er ist?“ Die Wärterin darauf: „Der? Der ist doch schon längst am Galgen! Das müssten Sie doch besser wissen als ich!“ Erica fuhr vom Lager auf. Die Wärterin bekam einen großen Schrecken, denn ihr wurde klar, daß Erica die Wahrheit nicht gewusst hatte.

Im Nachsinnen über Vergangenes fiel ihr ein Traum ein, den sie in der Nacht zum 8. August im Gefängnis geträumt hatte: Sie war mit ihrem Mann und guten Freunden, den Eisenhardts, in Berlin im Esplanade zum Tanztee. Plötzlich erhob sich Albrecht und ging langsam über die glänzende Tanzfläche. Er drehte sich um, lächelte und winkte, während die Tanzfläche sich senkte, immer weiter senkte, so daß er allen Blicken entschwand. Als die Fläche sich wieder hob, war er fort. Ein Traum nur, hatte Erica zunächst gedacht. Sie träumte dies aber genau in der Nacht zum 8. August. Das war der Tag, an dem Albrecht v. Hagen in Berlin-Plötzensee zum Galgen geführt wurde. Und niemand hatte es ihr gesagt.

Später, nach der Entlassung aus der Sippenhaft, besuchte Erica v. Hagen den Anwalt ihres Mannes vor dem Volksgerichshof, Dr. Schwarz. Der berichtete: „Ich war bei Ihrem Mann, als man ihn aus der Zelle des Gefängnisses in der Prinz-Albrecht-Straße abführte nach Plötzensee zur Hinrichtung auf dem Hof der Strafanstalt. Mit einem Lächeln auf den Lippen zog er seine Ringe von den Fingern und übergab sie mir. Dann sagte er: ‚Von mir bleibt nichts mehr zu sagen. Mit meinem Schicksal kann ich nicht hadern. Es bleibt mir zu meinem Ende nur noch übrig, die Haltung zu wahren, die ich mein Leben lang als die Grundvoraussetzung des Adels angesehen habe’!“ Das waren die letzten Worte, die Albrecht v. Hagen, der Mitverschwörer 20. Juli, sprach. Danach knüpften ihn die SS-Männer auf.

Dieser Text basiert auf einem Aufsatz aus dem Band „Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler“, erschienen bei Duncker & Humblot, Berlin.

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