Das großbürgerliche Feuilleton ist immer zur Stelle, wenn es was zu hacken gibt. Günter Grass

Fünf Käufe, zwei Crashkandidaten

US-Technologieaktien machen reihenweise Börsenmillionäre. Die Kurse von US-Aktien in der Online- und Internetsparte scheinen endlos zu steigen. In einem brandneuen Ranking einer renommierten Bank bekommen fünf Werte ein „Kaufen“-Rating, nur eine Aktie wird mit „Verkaufen“ eingestuft. Und es gibt einen weiteren, sehr spekulativen Wert, bei dem nur höchst risikofreudige Anleger zugreifen sollten.

Warren Buffett tut es, Donald Trump tut es, value-orientierte Anleger tun es: Aktien der kalifornischen Online-Tech-Riesen kaufen. Es ist daher eine bemerkenswerte Studie, die die Citigroup erstellt hat. 16 Börsenwerte des big data, der Online-Werbung und des Handels per Computer wurden untersucht. Dies vorweg: die Analysten der amerikanischen Großbank sehen bei fast allen US-Tech-Aktien generell noch viel Luft nach oben. Bei einem Wert hingegen ist das Verkaufssignal glasklar.

Und dann ist da noch Snap. Wilde Spekulationen oder auch nur die bloße Gier trieben das Papier dieses App-Anbieters in den ersten Tagen der Börsennotierung in schwindelnde Höhen, die Aktie ab ihrem Handelsstart für enormes Aufsehen. Ein Kurssprung von über 40 Prozent am ersten Handelstag, danach nochmals ein gutes Stück nach oben – und danach schon wieder ein deutlicher Absturz, momentan eine gewisse Stabilisierung knapp über dem Emissionswert, aber mit weiterer Absturzgefahr. Für Aktionäre, die ab Emission der Aktie mit 17 Euro dabei sind, ist kein Verlust entstanden – momentan. Später mehr zu der Frage, wieso value-orientierte Anleger dieses Papier trotzdem nur mit der Kohlenzange anfassen sollten.

Lesen Sie auch, wie der US-Chip-Riese Intel in die deutsche Automobilindustrie eingreift: in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Die fünf heißesten Tech-Aktien

Zunächst aber die fünf Top-Aktien, mit denen Anleger nach Meinung der Citigroup trotz hoher Bewertungen an der Wall Street gerade jetzt richtig Geld verdienen können.

Platz 5: Ebay

Die Konkurrenz im Online-Handel wächst enorm. Trotzdem sehen viele Experten, auch die der Citi, gute Chancen für die Ebay-Aktie, denn schon längst ist dieses Internet-Kaufhaus über die klassische Auktionplattform weit hinausgewachsen. Das Kursziel setzen die Experten der US-Großbank daher auf 36 US-Dollar. Innerhalb der letzten zwölf Monate haben die Ebay-Anteile um rund 38 Prozent zugelegt.

Platz 4: Priceline

In den USA werden Hotels über Priceline.com gebucht, auf diesem Sektor ist das Unternehmen klarer Marktführer in den USA. Für die Citigroup sind Hotelbuchungen dabei der attraktivste Sektor im Online-Reise-Bereich. Und die Zahlen sprechen für sich: Im vierten Quartal 2016 legte Priceline umsatzmäßig gegenüber dem Vorjahreswert um 17 Prozent zu. Die Aktie wird dabei von einem Aufwärtstrend der gesamten Hotelbuchungsbranche getragen, was ihr ein Plus von 36 Prozent im letzten Kalenderjahr brachte. Das Kursziel sieht die Citi bei 1.880 US-Dollar.

Platz 3: Amazon

Im Cloud-Geschäft ist Amazon ebenso stark, der E-Commerce Bereich boomt ohnehin, dazu wächst das Medienangebot im Video- und Musik-Geschäft deutlich. Für all das kann Amazon immer mehr Prime-Kunden gewinnen. Die Citigroup bewertet all dies sehr positiv und empfiehlt Amazon als drittheißeste Aktie in der schönen neuen Online-Welt. Amazon hat auf Jahressicht bereits 52 Prozent zugelegt. Für die Citigroup liegt das aktuelle Kursziel jetzt bei 960 US-Dollar.

Platz 2: Alphabet

Wer im Internet etwas sucht – und wer täte dies nicht mehrmals täglich –, der googelt. Diese enorme Kompetenz im Suchbereich führt zu gewaltiger Werbemacht, und auch große Konzerne, die versuchen, die Kunden in einer eigenen Blase surfen zu lassen, können diese Macht nicht brechen. Auf absehbare Zeit jedenfalls nicht. Google hält zudem mit eigenen Cloud-Lösungen dagegen, und auch die Konzerntochter YouTube bietet, unter anderem durch einen neuen Bezahldienst, Chancen für Anleger – so die Experten von Citi. Innerhalb eines Jahres hat die Aktie rund 20 Prozent zugelegt. Die Citigroup-Experten sehen weiteres Potential bis 985 US-Dollar.

Platz 1: Facebook

Der absolut Top-Wert im Tech-Bereich für die Citigroup ist die Facebook-Aktie. Als Grund nannen die Analysten „signifikante Chance bei Video-Inhalten, Instagram und im Messaging“. Allein im vergangenen Quartal meldete Facebook einen signifikanten Umsatzzuwachs von 51 Prozent auf 8,8 Milliarden US-Dollar. Auf Jahressicht legte die Aktie um rund 30 Prozent zu. Das Kursziel setzt die Citi auf 165 US-Dollar – damit sehen die Experten weitere 20 Prozent Kurspotential vom aktuellen Niveau aus.

Larry im Sinkflug

Twitter sticht aus den übrigen Tech-Aktien hervor. Die Experten der Citi vergaben ein „Verkaufen“-Rating für dieses Papier. Letzten Herbst wurde bei Twitter etwas Kursphantasie gesehen, jedoch nur, weil das Unternehmen als Übernahmekandidat gehandelt wurde. Weder Disney noch Salesforce wollten sich jedoch Larry, den blauen Vogel, ins Haus holen, denn die Probleme mit dem Image sind enorm. Der unberechenbare Faktir ist dabei der Mensch, denn mit massenhaften Hass-Kommentaren über Twitter ging ein großer Imageverlust einher.

Snap: schnappt eine Anlegerfalle zu?

Für Anleger schien es ein voller Erfolg zu sein. Die Aktie von Snap startete mit einem Sensationserfolg. Allein am ersten Handelstag über 44 Prozent Plus! Die Foto-App mit den sich selbst auflösenden Bildchen war den Anlegern quasi aus dem Stand 28,3 Milliarden US-Dollar wert. Viele Unternehmen, in den über Generationen hinweg ausgezeichnete und wertvolle Arbeit geleistet wurde, sind an der Börse nur einen Bruchteil davon wert. Das zeigt die Grenzen, die der Spekulation gesetzt sind. Zwei davon heißen „Moral“ und „Vernunft“, und bald käme dann auch „Anstand“ in Sicht.

Doch die gigantische Snap-Spekulation brach schon bald zusammen. Die Aktie trudelte unaufhaltsam auf ihren Ausgabe kurs zu und fing sich erst knapp darüber. Der Kurs konsolidiert sich nun etwas über Dem Ausgabekurs von 17 Euro, der Wert in Aktien liegt dabei immer noch knapp unter 20 Milliarden US-Dollar. Den Börsianern, die auf enorme Gewinne oder technologische Fortschritte spekulieren, stört es bislang nicht, dass Snap im vergangenen Jahr nur 404 Millionen US-Dollar Umsatz machte. Oder kommt jetzt doch ein deutlicherer Rücksetzer? Durch greifbare Zahlen ist die hohe Bewertung jedenfalls noch nicht gerechtfertigt.

Viele Experten bezweifeln, dass der große Schritt an die Börse klappen kann. Die Konkurrenz ist groß: Snap misst sich mit Facebook oder Instagram. Beide integrieren die attraktive Ideen rund um die selbstauflösenden Bilder einfach selbst in ihre Apps, wodurch es für Snapchat schwierig wird, auf dem hartumkäpften Social Media-Markt Fuß zu fassen. Analyst James Cordwell von Atlantic Equities zum Beispiel warnt dann auch eindringlich: Snap habe noch nicht bewiesen, dass mit den selbstauflösenden Bilder echtes Geld zu verdienen sei. Sein Kursziel: 14 US-Dollar.

Sehr kritisch ist auch das japanische Analysehaus Nomura. Der Zeitpunkt für den Börsengang sei „unglücklich“, so die Experten. Snap habe mit dem Gang an die Börse die Flucht nach vorn angetreten, weil Kundenwachstum und Monetarisierung bereits deutlich nachließen, so Nomura. Ist der Snap-Boom also bald schon Geschichte? Im vierten Quartal 2016 hatte Snap 148 Millionen User täglich. Das sind zwar fast 50 Prozent mehr als im Schlussquartal 2015, aber gleichzeitgig auch die niedrigste Wachstumsrate seit drei Jahren. Kursziel für Nomura daher: 16 US-Dollar. Kritische Beobachter bemerken zudem immer wieder, dass die vergleichsweise sehr junge Zielgruppe für Werbekunden nicht genügend interessant ist. So könnte es auch sein, dass die ersten Analysten bald mit Kurszielen, die unter der Zwölf-Euro-Marke liegen, nach dem großen Snap-Schnapp für Ernüchterung sorgen.

Fazit

Es muss nicht Snap sein, es sollte nicht Twitter sein. Ansonsten ist der Bereich der US-Tech-Aktien für Anleger höchst interessant. Nicht außer Acht gelassen werden sollten auch die Aktien von Apple und Microsoft: Donald Trump hat mit diesen beiden Werten die größten Einnahmen an Divdenden erzielt, das zumindest ergab eine pflichtmäßige Selbstauskunft, die er anläßlich seiner Wahl zum US-Präsidenten machte. Und das ist doch auch ein wertvoller Hinweis! Oder etwa nicht?

Dieser Artikel erschien zuerst in der BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Meinhard Miegel, Daniel Ben-Ami, Andrew Rzepa.

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