Wir werden zu Medienkreaturen. Nicholas Carr

So wurde Willy Brandt von US-Diensten bezahlt

Im August 1950, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat Willy Brandt 200.000 D-Mark angenommen, die aus den USA stammten und als Mittel des Marshallplans getarnt waren. War er damit gekauft? Nein, so direkt kann man es nicht sagen. Doch ist das die Entlastung, der Freispruch? Mitnichten.

Willly Brandt, der hoffnungsvolle Sozialdemokrat, war vielleicht als Person nicht im klassischen Sinne gekauft, dafür aber hing – mit sorgfältigem Kalkül eingefädelt – am Ende die deutsche Sozialdemokratie mehrheitlich am US-Angelhaken. Maßgeblicher dazu beigetragen hat ein bedeutender Einflussagent der USA: Willy Brandt.

1950, der Zweite Weltkrieg war gerade fünf Jahre lang vorbei. Der Journalist und hoffnungsvolle Nachwuchspolitiker Herbert Frahm, der sich erst kurz zuvor in Willy Brandt umbenannt hatte, erhielt 200.000 D-Mark, insgeheim. Das Durchschnittseinkommen eines bundesdeutschen Haushalts betrug in diesem Jahr knapp 3.200 D-Mark. So viel Geld, und das als Sozialdemokrat – das hätte keinesfalls öffentlich werden dürfen. Die US-Administration verfolgte ehrgeizige Ziele in Europa, und nach dem Weltkrieg war ein kalter Krieg ausgebrochen. Brandt würde eine ganze Menge dafür leisten müssen.

Wie kam der junge Bundestagsabgeordnete an die enorme Summe? Hans Hirschfeld, ein enger Mitarbeiter seines politischen Mentors Ernst Reuter, hatte den Deal offenbar zusammen mit dem Berliner Koordinator der Marshallplan-Gelder, Walter Ridder, eingefädelt. Mit Hirschfeld, der übrigens amerikanischer Agent war, reiste Brandt im Juli 1950 nach Frankfurt am Main. Für den 27., einen Donnerstag, war ein vertrauliches Treffen anberaumt. Zusammen betrat man Zimmer 115 im Hauptquartier der Amerikaner, die vormalige Zentrale der IG Farben. Ein unheimlicher Platz. Der „Spiegel“ schreibt „Es ging um po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung, ein heik­les Feld für die Be­sat­zungs­macht, und so mahn­ten die Ame­ri­ka­ner ih­ren Gast und des­sen Be­glei­ter, den West­ber­li­ner Se­nats­spre­cher Hans Hirsch­feld, alle Ver­ein­ba­run­gen ‚streng ver­trau­lich’ zu hal­ten. Ein offenbar über­flüs­si­ger Hin­weis: Man habe ‚eben­falls star­kes In­ter­es­se dar­an, nur den allernotwendigsten Kreis zu un­ter­rich­ten’, ent­geg­ne­te Brandt.“

Knallharte Geheimdienstleute

Die Gesprächspartner in Frankfurt waren Amerikaner, Geheimdienstleute des CIA-Vorgängerdienstes OSS. Brandt unterzeichnete einen Vertrag, der für die chronisch defizitäre Zeitung, deren Chefredakteur er war, eine fühlbare Unterstützung bedeutete. 200.000 D-Mark sollte er für zwei Beilagen bekommen, die die Verdienste der Amerikaner in Berlin, vor allem die Hilfe durch den Marshallplan und die Luftbrücke, herausstellen sollten. So gut die Luftbrücke auch war: Brandt verpflichtete sich dazu, Propaganda für die USA zu machen.

Die Bundesrepublik war eben gegründet, aus den Besatzern in den Westzonen waren augenscheinlich Partner auf Augenhöhe geworden, aber offenkundig störten die Geheimdienste. Vor allem die Dienste der Amerikaner und Briten suchten gezielt nach Partnern, mit denen sie ihre Zonen im Deutschland nach Hitler gestalten konnten. Nur wenige gesellschaftliche Gruppen konnten dabei auf glaubwürdige Weise Antikommunismus und Nazigegnerschaft verbinden, und beides war den alliierten Kontrollräten und Offizieren enorm wichtig, wohlgemerkt, in Kombination. Exilanten, die vor Hitler geflohen waren und nun zurückkehrten, gehörten für die Besatzungsmächte zu diesem raren Personenkreis. Speziell Militärs. Der Mann, der sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten den Willy Brandt zugelegt hatte, war norwegischer Offizier.

Herbert Ernst Karl Frahm aus Lübeck, geboren 1913, ab 1931 Mitglied der SPD und ab 1933 der linkssozialistischen SAPD, war 1933 ins Exil nach Norwegen gegangen. Er verwendete dort ab 1933 den Decknamen „Willy Brandt“; wenig später nahm er die norwegische Staatsbürgerschaft an und arbeitete nach der deutschen Besetzung Norwegens jahrelang in Stockholm; dazu heuerte er beim britischen Dienst Special Operations Executive an – übrigens zusammen mit dem stark vom Kommunismus beeinflussten Bruno Kreisky. Der „Spiegel“-Reporter Klaus Wiegrefe schrieb: „Der Stockholmer Emigrant war kein Agent, wie er im Buche steht, weder ein James Bond des Sozialismus noch ein finsterer Spion. (…) Brandt arbeitete in Stockholm als Journalist, sammelte Informationen aus allgemein zugänglichen Quellen wie den Zeitungen und wohl auch aus vertraulichen Gesprächen mit anderen Exilanten. Seine Berichte allerdings, und das ist hier wohl entscheidend, gingen an Agenten alliierter Geheimdienste, und Brandt muss in den meisten Fällen gewusst haben, mit wem er es da zu tun hatte und wozu seine Informationen benutzt wurden.“

Zwischen Amerikanern und Russen

Der US-Dienst OSS, Office of Strategic Services, las Brandts Berichte ab spätestens 1940. Das OSS ist der Vorläufer der CIA. Brandt, der für alle Seiten offene Nachrichtenmann, arbeitete also damals schon eher in Richtung Westen – und eben nicht vorwiegend für östliche Dienste. Wiegrefe wertet: „Was er tat, war für Emigranten mit politischer Überzeugung nicht ungewöhnlich und weder kriminell noch ehrenrührig.“ Brandts Exilgeschichte ist wegen der Ausrichtung seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit ein wertvoller Hinweis zur Bewertung seiner späteren Bündnisse, der später geschlossenen Vereinbarungen.

Brandt, der offiziell immer noch Frahm hieß, kam nicht direkt nach Kriegsende nach Berlin, sondern pendelte zwischen Deutschland und Skandinavien, beobachtete auch die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Als norwegischer Offizier unterstand er dem Osloer Kommando. 1945 wurde er trotzdem von den Sowjets angesprochen. Da er auch regelmäßig für US-amerikanische Agenturen und das OSS schrieb, war die Frage, ob er Artikel sowjetischer Autoren – also doch wohl Moskauer Propaganda – in die US-Medien lancieren wolle. Brandt sagte dies zu. Dieses Detail ist nicht unerheblich für eine Antwort auf die Frage, warum Brandt im Jahre 1950 mit 200.000 D-Mark aus den USA „unterstützt“ werden sollte.

Erst allmählich wandte sich Frahm, der immer noch nach Oslo berichtete, der Politik in Deutschland zu. Bis zum Frühjahr 1947 hoffte er, dass es bald wieder eine einheitliche Reichsregierung geben würde, doch aus Moskau kamen enttäuschende Meldungen: Die deutsche Teilung vertiefte sich, auch die reale staatliche Aufteilung Deutschlands wurde immer wahrscheinlicher. Gerüchte wie das, Ostdeutschland werde als Sowjetrepublik der Sowjetunion bestehen, dürften ihn aufgeschreckt haben. Der Akt der Währungsreform zum 20. Juni 1948 als Wendepunkt hin zu einer kommenden Teilung ist in diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzen.

Frahm orientierte sich nun örtlich nach Berlin, gab die norwegische Staatsbürgerschaft auf und bemühte sich um Engagements in den von den Alliierten lizenzierten Medien. Ungefähr zur gleichen Zeit, 1. Juli 1948, war er von der Stadt Lübeck wieder als Deutscher eingebürgert worden. Ende Mai 1949, die Bundesrepublik war schon gegründet, stellte er schließlich den offiziellen Antrag auf Namensänderung, weil sich aus der „Doppeltheit des ursprünglichen, legalen Namens und des behördlich bestätigten Pseudonyms (…) häufige formelle und praktische Schwierigkeiten“ ergeben hätten. Mit dem Namen Willy Brandt verband sich für den Exilanten seine „Tätigkeit als Journalist, Redner und Buchautor“, wie Gregor Schöllgen vermerkt. Wie ungewöhnlich und gewissenmaßen verdächtig dieses Vorgehen jedoch war, ergibt ein Vergleich mit der Jetztzeit: Hätte es damals schon Facebook gegeben, wäre dem Herbert Frahm sein Account, den er doch wohl unter dem Namen Willy Brandt geführt hätte, gesperrt worden – aus Sicherheitsgründen.

Brandt machte die US-Dienste scharf

Bereits 1948 hatte Frahm, der sich Brandt nannte, eine ganze Reihe von Vorschlägen gemacht, wie mit amerikanischer Hilfe Schwarzsender am Rande der Sowjetzone zu installieren seien, die klandestine Westpropaganda und gezielte Desinformation betreiben sollten. Er galt bei den Amerikanern, die durchaus nicht blauäugig waren, als Mann mit ausgezeichneten Kontakten nach Moskau. Trotzdem arbeitete man mit ihm zusammen. Seine durchaus aggressiven Vorschläge waren indes nur ein Anfang – ab August 1949 wurde mit auf seine Anregung hin und seiner Hilfe dafür gesorgt, dass der RIAS, also der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, die Namen von SED- und KGB-Agenten enttarnte, dass diese also öffentlich genannt und dass vor ihnen gewarnt wurde. Vor diesem Hintergrund mutet es fast überraschend an, dass „erst“ für 1950 amerikanische Zahlungen an den Mann, der sich dann schon offiziell Brandt nennen würde, bekannt sind.

Brandt stand politisch fest an der Seite des Berliner Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter, der innerhalb der SPD – wohl auch durch seine Berliner Sicht der Dinge – zu einer stark prowestlichen Minderheit gehörte. Die Sozialdemokratie insgesamt war noch stark von den Tendenzen, zusammen mit den Kommunisten eine einheitliche Linksfront zu bilden, beeinflusst – auch in den Westzonen. Die politische Position des Mannes mit norwegischen Exilerfahrungen und besten US-Kontakten seit 1940 dürfte mitursächlich dafür sein, dass ihm die Chefredaktion des Parteiblattes „Sozialdemokrat“ zum 1. Januar 1950 übertragen wurde. Die SPD-Parteizeitung hatte mit ihren knapp 16.000 Lesern ein Schattendasein in der Berliner Zeitungsszene geführt. Brandt gestaltete das Blatt reißerischer und änderte den Namen in „Berliner Stadtblatt“. Doch die Auflage stieg nicht, der Erfolg wollte sich nicht einstellen, obwohl Brandt schrieb und schrieb. In knapp 18 Monaten sollten es rund 300 Artikel werden.

Im Mai 1950, auf dem SPD-Bundesparteitag, fiel Willy Brandt auf. Zusammen mit dem sogenannten „Bürgermeisterflügel“ machte er Front gegen die Europapolitik Schumachers. Er nutzte dazu, wie Scott H. Krause berichtet, das Narrativ vom heldenhaften Berlin, das sich mittels der Luftbrücke gegen einen menschenverachtenden Kommunismus behauptet. Brandt forderte dabei aus der innerparteilichen Opposition heraus Deutschlands Eintritt in den Europarat und die Zustimmung zu einer europäischen Montanunion, wie sie Robert Schuman just zwei Wochen zuvor gefordert hatte – außer Schumacher lehnten dies auch Ollenhauer und Schmid kategorisch ab. Die Granden der Sozialdemokratie waren damals mehrheitlich durchaus offen für einen Ausgleich mit der Sowjetunion, die SPD strebte de facto nach einem neutralen Deutschland zwischen den Blöcken. Doch Deutschlands Beitritt zum Europarat, vor allem aber ein Beitritt zu einer Montanunion würden eine klare Westbindung des Landes nach sich ziehen – und diese war wiederum offenkundig im Interesse der USA.

Hilfe für ein Parteiblatt – oder mehr?

Brandts Zeitung war indessen weiter notleidend, doch durch die tatkräftige Hilfe mit Geldern, die offiziell aus dem Marshallplan stammten, konnte er sie weiterführen. Nachdem diese Mittel eigentlich für konkrete Überlebenshilfe in Not befindlicher Menschen gedacht waren und nicht für publizistische Projekte, steht die Frage nach der Herkunft der 200.000 D-Mark für Willy Brandt im Raum. Sollte es sich herausstellen, dass es Geheimdienstgelder waren – die Überraschung wäre sehr gering. Einig war man sich jedenfalls im Ziel; prinzipiell ging es beiden Seiten um dieselbe Sache: eine Demokratisierung Deutschlands unter nichtkommunistischen Vorzeichen. Davon, dass mit dem Stalin-Kommunismus kein Staat zu machen war, musste man im Westen Berlins nach der Luftbrücke nicht mehr viele Menschen überzeugen. Aber dass die Amerikaner eine bessere, ja, die beste Wirtschaftsform anboten? Das war nicht klar. Durch Stärke und eine richtig gefärbte Darstellung der errungenen Erfolge konnte das breiten Leserschichten nähergebracht werden.

Ja, die Amerikaner wollten das zeigen, und Brandt zeigte es in ihrem Auftrag. Gegen Geld. Oder waren diese Zahlungen bereits eine Belohnung für sein Engagement ab 1942, von Stockholm aus, und auch für seine Initiativen beim RIAS? Oder war es ein Dank für Brandts Eintreten für amerikanische Interessen auf dem Bundesparteitag, wenige Wochen zuvor? Das muss dahinstehen, Belege sind nicht vorhanden. 1950 ging es offiziell lediglich um zwei sechsseitige Supplemente zum „Berliner Stadtblatt“, die jeweils mit 100.000 D-Mark honoriert wurden. Das erste erschien am 20. August, und Ernst Reuter hatte das erste Wort, über dem Leitartikel mit dem Titel „Brennpunkt der Weltpolitik“ stand sein Name. Dies ist eine große Wendung – noch zwei Jahre zuvor hatte Willy Brandt Berlin als trostlose Stadt am Rande der Welt betrachtet, und de facto war sie das ja auch.

Hier wird das Narrativ vom heroischen Berlin, das sich den Fallstricken einer menschenverachtenden Sowjetunion widersetzt, abermals erzählt. Und dies war eine klar US-bezogene Lesart, erkauft – doch wohl! – mit 100.000 D-Mark, der ersten Hälfte der Geheimzahlung an Brandt. Geschrieben hatte das Reuter-Stück in Wirklichkeit Hans Hirschfeld, der in den ganzen Vorgang tief involviert war und aus dessen Nachlass letztendlich die Kenntnis vom Kauf Willy Brandts durch die US-Amerikaner auch stammt. Brandt selbst steuerte eine völlig unverblümte Eloge auf den Marshallplan bei: „Von der Idee zur realen Gestalt. Marshall und Clay – zwei Helfer Berlins.“ Darin forderte er bereits, Berlin zur Hauptstadt eines vereinten Deutschland zu machen, wenn einst alle Besatzungsmächte ihre Befugnisse zurückgegeben hätten.

Brandt schrieb es. Gegen Geld.

Die zweite der beiden Beilagen erschien Ende Oktober, thematisch war sie ähnlich gelagert wie die erste. Das Geld floss. Was Brandt de facto damit machte, geht übrigens aus keiner der Unterlagen, die bekannt sind, hervor. Möglicherweise wurde damit wirklich das notleidende „Berliner Stadtblatt“ subventioniert, vielleicht aber auch nicht. Das Ende für die Zeitung kam jedenfalls bereits zur Jahresmitte 1951, die Zeitung hatte nur noch rund 3.500 regelmäßige Leser. Brandt verlor diesen Posten, das Parteiblatt wurde in „Berliner Stimme“ umbenannt – er schrieb noch Artikel, war seine Leitungsfunktion aber los.

Bernd Rother von der Berliner Willy-Brandt-Stiftung äußert zum Projekt „Berliner Stadtblatt“ und speziell zu den beiden Supplementen, die mit 200.000 D-Mark honoriert worden waren: „Sich kaufen lassen bedeutet, etwas zu tun, was man ohne das Kaufen nicht getan hätte. Hier ist etwas verstärkt und vielleicht erst möglich gemacht worden.“ Anfang der 1950er-Jahre habe es wöchentlich, ja, täglich Entführungen von politischen Kräften von West nach Ost gegeben, der Kalte Krieg sei in vollem Gange gewesen. Der Stiftungsmann konkret zu den 200.000 D-Mark für Willy Brandt: „Da ist Geld für eine gerechte Sache gelaufen!“ Aber immerhin wollte Brandt selbst dieses Engagement strikt geheim halten. Für eine gerechte Sache kämpfen, das ist eine Sache. Dies aber nicht aus freien Stücken, sondern gegen Bezahlung zu tun – das ist eine andere Sache. Zumal später weitere Gelder flossen. Insgesamt wurde Brandt mit 306.500 D-Mark gestützt – oder nicht doch eher gekauft?

Und warum geschah all dies insgeheim? Die einzige Erklärung ist, dass Brandt hier gegen Bezahlung und zugleich gegen den Willen der Mehrheit seiner Parteifreunde handelte. Natürlich sollte die Kommandosache aus seiner Sicht geheim bleiben, und auch die Amerikaner achteten sorgfältig darauf, ihren Perspektivmann nicht zu verbrennen. Man bewegte sich konspirativ. Im Kalten Krieg wie zu Weltkriegszeiten.

Die Amerikaner wollten mehr

Bereits im August 1950 hatte der US-Amerikaner Stone in einem weiteren Gespräch Hans Hirschfeld gefragt, ob es möglich sei, dem Berliner Regierenden Bürgermeister Reuter zu einer wichtigeren Rolle in der Bundesrepublik zu verhelfen – ein klares Signal dafür, dass die Amerikaner mehr wollten, dass auch Brandt für sie nur ein Stein in einem größeren Gebäude war – dass sie die junge Bundesrepublik über den publizistischen und politischen Hebel, den Berlin darstellte, auf einen transatlantischen Kurs bringen wollten. In der CDU war Adenauer der starke Mann, die FDP war ohnehin auf ordoliberalem Wirtschaftskurs, die KPD war nicht zu überzeugen, der BHE stand im Wesentlichen wie die CDU. Nur in der SPD war der Kurs noch nicht klar. Dort fehlte ein Spitzenmann, der die Partei auf US-Kurs gebracht hätte. Also bediente man sich über das Narrativ vom heroischen Berlin des dortigen Bürgermeisters. Und man vertraute auf den Mann, dem man die größte Zukunft zutraute: Willy Brandt, den Mann, der schon 1950 die Rolle Berlins in einem vereinigten Deutschland thematisiert hatte.

Im Dezember 1950 war Brandt bereits Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, schon knapp ein Jahr zuvor hatte er sich mit dem Kreisvorsitz der Wilmersdorfer SPD seine Machtbasis gesichert. Er bekämpfte aus diesen Positionen heraus den Parteifreund Franz Neumann der ganz den Typ eines Arbeiterführers repräsentierte. Neumann war gegen die klar-eindeutige Westbindung der Bundesrepublik, gegen die strikte Abgrenzung Berlins gegenüber den Russen, später auch gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Darin war Neumann übrigens auf einer Linie mit Ollenhauer, Schumacher und Schmid. Brandt war für die Westbindung, für die strikte Ausgrenzung aller Kommunisten und der SED aus Westberlin, später votierte er auch für die Wiederbewaffnung. Mit über 300.000 streng geheimen D-Mark der Amerikaner in der Tasche.

Das Vertrauen der US-Amerikaner in Brandt im Jahre 1950 – und hier reicht der Blick bis zur Wahl zum Bundeskanzler 1969 – war keine Fehleinschätzung. Rückschläge wie Ernst Reuters plötzlicher Herztod am 29. September 1953 und Brandts Niederlagen gegen den innerparteilichen Berliner Konkurrenten Franz Neumann können dies Bild nicht trüben. Von großer Bedeutung ist dabei, dass Brandt, so wie viele Rückkehrer nach dem Naziterror, zunächst am allermeisten mit dem Misstrauen derer, die Nazideutschland nie verlassen hatten, kämpfen mussten. Sie galten vielerorts als Verräter. Von jenseits des Atlantiks aus gehörten jedoch exakt diese Exilanten zu denjenigen, die Vertrauen genossen. Zudem wurde das Potenzial von Brandt zielsicher erkannt – und entsprechend gefördert.

Die Stasi roch Lunte

Auch der SED und ihren MfS-Spitzeln blieben weder Brandts Fähigkeiten noch seine enge Verknüpfung mit den US-Amerikanern verborgen. Wusste man in Ostberlin gar, dass Brandt gezielt gestützt – oder gekauft – worden war? Die SED reagierte jedenfalls auf die Aktivitäten, die Brandt entfaltete, zum Beispiel mit einem Memorandum vom 12. Juni 1954, das übertitelt war: „Weitere Enthüllungen über die ungeheuerliche Tätigkeit der amerikanischen Fraktion in der SPD“. Scott H. Krause, der mit seinen Enthüllungen um die CIA-Gelder für Willy Brandt den Stein in Rollen brachte, ist nun deutlich bemüht, sich von dieser Sicht abzugrenzen und zugleich das sorgsam gehütete Ansehen des so auffällig US-freundlichen Politikers, einer Ikone der bundesdeutschen Geschichte, nicht zu beschädigen: „The point is not to cast either Willy Brandt or Ernst Reuter as puppets of the United States.“

Dem ist zuzustimmen. Brandt war keine „Puppe“ der USA. Aber die Amerikaner hatten sich eben auch nicht verrechnet, als sie auf ihn wetteten. Zwar wurde Otto Suhr Nachfolger von Ernst Reuter, und der amerikanische Perspektivmann Brandt schien weiter entfernt von der Macht denn je. Doch seine relative Jugend und eine bald danach schon diagnostizierte Krebserkrankung Suhrs kamen ihm zugute. Suhr starb am 30. August 1957. Hirschfeld, abermals unterstützt vom US-Amerikaner Stone – mutmaßlich auch wieder finanziell –, plante eine Wahlkampagne für Brandt. Scott H. Krause berichtet dazu, dass das spätestens 1950 von den Amerikanern installierte Netzwerk Wirksamkeit entfaltete und in einem innerparteilichen Wahlkampf gezielt Brandt stützte. Für sie, speziell für den aus Österreich stammenden US-Offizier Karl F. Mautner, der bis 1950 in Berlin war und danach im State Department der USA Karriere machte, war Brandt „a young statesman to be watched, a coming man“.

Der US-amerikanische Perspektivmann Brandt, seit 1950 mit großen Geldsummen gefördert, wurde am 3. Oktober 1957 Regierender Bürgermeister. Am 12. Januar 1958 übernahm Brandt dann auch den Berliner SPD-Vorsitz von Franz Neumann. Er hatte die Schlacht, die spätestens mit den verdeckt gezahlten 200.000 D-Mark angefangen hatte, gewonnen. Eine Bilderbuchkarriere, die Brandt nach neun Jahren an der Spitze Berlins in die Bundesregierung und mit einem Coup ins Bundeskanzleramt bringen sollte, hatte ihren ersten Glanzpunkt erreicht.

Bedeutender Einflussagent der USA

Wie ist Brandt angesichts seiner langjährigen Kontakte zu amerikanischen Geheimdiensten ab 1940, die mit extrem hohen Geheimzahlungen von über 300.000 D-Mark ihre ersten Höhepunkte hatten, zu titulieren? Ein selbstbestimmter, visionärer Bundeskanzler, gradlinig und ernst, dabei vom Exil mit einer gewissen Schwere geprägt – dieses Bild von Brandt wird eifrig gepflegt. Die Wirklichkeit ist anders. Der amerikanische Agent aus Skandinavien war 1950 und in den Folgejahren ein im Sinne einer Besatzungsmacht Handelnder, der dazu noch mit seiner Zeitung am Rande der Pleite stand. Er handelte gegen die Interessen der Mehrheit seiner Parteifreunde und wurde dafür aus dem Ausland bezahlt.

Als in den 1970er-Jahren durch Indiskretionen eines CIA-Mannes bekannt wurde, dass Brandt 1950 das große Geld angenommen hatte, sorgte das für erheblichen Aufruhr. Victor Marchetti, ein ehemaliger CIA-Mann, der Brandts Agententätigkeit enthüllt hatte, ging davon aus, das die 306.500 D-Mark aus Geldern des Dienstes stammten, für den er gearbeitet hatte; die „New York Times“ schloss sich dem an. Brandt war also, das kann zusammenfassend gesagt werden, ein bedeutender Einflussagent der CIA. Und es gehört zum vollständigen Bild, zu erwähnen, dass Brandt wohl kein Einzelfall in der noch jungen Bundesrepublik ist. Marchetti dazu: „Die CIA hat das damals für viele Politiker in Westdeutschland getan, für Sozialdemokraten und Christliche Demokraten. Es war eben Kalter Krieg.“ Doch nicht jeder, der hier gemeint ist, war ein späterer Bundeskanzler.

Mitte der 1970er-Jahre wollte Brandt, der als Bundeskanzler pikanterweise bereits über einen DDR-Agenten in seinem unmittelbaren Umfeld gestürzt war, seine Einflusstätigkeit für die CIA keinesfalls zugeben. Der Watergate-Jäger Bob Woodward hatte Brandt als Geldempfänger der CIA tituliert, und Brandt nannte dies eine „lügenhafte Kampagne“. Er log dann aber seinerseits: „Mir sind solche Mittel zu keinem Zeitpunkt zugegangen, weder zugunsten meiner Partei noch für irgendeinen anderen Zweck.“ Vom US-Präsidenten Jimmy Carter persönlich ließ er sich ein Entlastungsschreiben anfertigen. Der schrieb, „grundlose Gerüchte“ könnten Brandts internationale Reputation nicht erschüttern. Damit ließ er es bewenden. Nie wieder wollte er darüber sprechen. Agenten schätzen es nicht, enttarnt zu werden.

Das Bild von Brandt, das hierzulande bis heute sorgfältig gepflegt wird, zeigt einen von äußeren Einflüssen unabhängigen Staatsmann – und keinen Politiker, der sich von ausländischen Geheimdiensten bezahlen lässt. Genau dies aber tat Brandt. Die SPD ist entsetzt: im Lichthof ihrer Zentrale in Berlin, die auch noch „Willy-Brandt-Haus“ heißt, steht die überlebensgroße Skulptur eines CIA-Agenten. Die energischen, ja teils unhöflichen Versuche des Abwiegelns um jeden Preis beweisen, wie groß der Schaden, den über 300.000 geheim an den Namensgeber des Hauses gezahlte D-Mark angerichtet haben, für die gesamte Sozialdemokratie ist. Denn nun kommt heraus, wie wenig es Brandt in Wirklichkeit wohl um die Interessen derer, die ihn gewählt hatten, ging. Auch 1969, als er Bundeskanzler wurde.

Der Warschauer Kniefall – konzipiert in Washington?

Die Gedanken gehen nun weiter. Brandt begann sofort nach seiner Wahl eine Politik der Aussöhnung mit den Russen. Natürlich wussten das die Stellen in der CIA, die ihn schon 1950 bezahlt hatten, genauestens. Hat er die Politik der Annäherung an den Ostblock auch im amerikanischen Auftrag begonnen? Die USA hätten auf Moskau nicht ohne Weiteres zugehen können – Brandt konnte es. Lieferte der deutsche Bundeskanzler hier sein Meisterstück als Einflussagent Washingtons? Wurde sein Kniefall in Warschau, den er als „spontan“ beschrieben hatte, als PR-Maßnahme in Washington ersonnen? Wie sich das Bild im Licht der empfangenen Gelder doch ändert! Konnte Günter Guillaume in Brandts Umfeld platziert werden, weil hier eine große Agentengeschichte, ein Wettlauf zwischen Ost und West, im Bonner Kanzleramt lief? Die Frage ist rein hypothetisch, aber reizvoll: Wurde der Top-Spion Guillaume aus Ostberlin – natürlich im Auftrag Moskaus – darauf angesetzt, den Top-Einflussagenten der Amerikaner, Brandt, aus dem Bonner Kanzlersessel zu kippen?

Für die deutsche Sozialdemokratie ist sie wirklich schrecklich desillusionierend, die Geschichte von Willy Brandt, den geheimen 306.500 D-Mark und den vielen verdächtig guten Freunden in Washington.

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