Europa wird an Einfluss verlieren. Wolfgang Ischinger

Ludwig Erhards Coup

Mit einem frechen Coup trotzte Ludiwg Erhard den Alliierten die notwendige Zustimmung zum Leitsätzegesetz ab, mit dem Soziale Marktwirtschaft eingeführt wurde. Am Abend vor dem Tag der Währungsreform, also am 19. Juni 1948, ließ er seinen Pressesprecher Kuno Ockhardt die Aufhebung von Bewirtschaftung und Preisbindung über den Rundfunk ankündigen, obwohl dieses Gesetz noch gar nicht genehmigt war.

Der Tag nach der Verkündigung des Endes der Zwangsbewirtschaftung war der 20. Juni 1948, der Tag der Währungsreform in den drei Westzonen des von den Alliierten besetzten Deutschen Reiches. Und es war dieser Tag, an dem die Alliierten Ludwig Erhard, den von ihnen eingesetzten Direktor der Verwaltung für Wirtschaft, in ihr Frankfurter Hauptquartier zitierten. Er wurde zum amerikanischen Militärgouverneur Lucius D. Clay persönlich gebeten. Der herrschte ihn, als der den großen Raum betrat, an: Was sei ihm eingefallen, die Besatzungsvorschriften zu missachten! Wie habe er die eigenmächtig abändern können? Ludwig Erhard, der diese Szene gelegentlich zum Besten gab, pflegte dann mit vergnügtem Schmunzeln fortzufahren, wie er den Vorwurf parierte: „Herr General, ich habe die Vorschriften nicht abgeändert, ich habe sie abgeschafft.“

Der Coup zeigte ungeahnte Wirkung

Die folgenden Tage waren erfüllt von geradezu euphorischer Hektik in allen deutschen Städten, ja auch in den Dörfern. Es war, als hätte Erhard irgendwo ein geheimes Ventil der Wirtschaft aufgedreht. Schaufenster und Regale waren am Montag nach dem 20. Juni 1948 plötzlich mit Waren gefüllt, die es zuvor allenfalls auf dem Schwarzmarkt gegeben hatte. Erhards Entscheidung, die dann mit dem „Leitsätzegesetz“ vom 21. Juni 1948 bestätigt wurde, ist ein wesentlicher Beitrag – wenn nicht der wesentlichste überhaupt – zum „deutschen Wirtschaftswunder“. Die Menschen hatten nicht nur neues Geld, sie hatten auch die Waren, die sie damit kaufen können. Der Kreislauf der Marktwirtschaft begann quasi sofort, sich zu entwickeln.

In seinem Ansinnen, die Soziale Marktwirtschaft einzuführen, war Erhard durchaus planvoll vorgegangen. Bewusst hatte er den Überraschungseffekt für die Kundschaft, die ja Geld hortete, gefördert, indem er die Händler vorher kaum verhohlen zum Horten ihrer Güter bis zum Tag X, also zur Währungsreform, angehalten hatte. Und der Coup gelang! Wie sich bald zeigen sollte, ging Erhard kluges, aber auch wagemutiges Kalkül auf. Und das Moment der Überraschung war nicht nur auf die deutschen Kunden gezielt, sondern mehr noch auf die Alliierten, die ja zustimmen mussten. Beeindruckt von dem Erfolg, gab General Clay dem Leitsätzegesetz am 30. Juni seine Zustimmung.

Zwei Monate intensive Vorbereitung

Am 21. April 1948, exakt zwei Monate vor der Währungsreform, hatte Ludwig Erhard mit einer programmatischen Rede vor dem Wirtschaftsrat Aufsehen erregt. Er plädierte darin nicht nur für eine Währungsreform, sondern auch für freie Preisbildung: „Diese nach landläufiger Auffassung harte Lösung ist nach meiner festen Überzeugung zugleich die sozialste, wenn sie nur für die nicht arbeits- oder einsatzfähigen Menschen die notwendigen sozialen Hilfen vorsieht“, referierte er. Die Alliierten Kommissare wollten dem nicht zustimmen. Teils waren ihre Ansichten von Keynes’ Ansichten zur Nationalökonomie geprägt, teils waren sie – verständlicherweise – schlichtweg misstrauisch gegen die Deutschen. Doch Erhard ließ nicht locker: Das „Votum des Marktes“ sei „die Stimme des Volkes“.

In seinem Zimmer im Frankfurter Hotel “Monopol” entwarf er in den folgenden Tagen und Nächten ein Gesetz, dass über Nacht mit der neuen Mark die Soziale Marktwirtschaft bringen sollte. Dieses „Leitsätzegesetz“, wie er es nannte, gab für rund 400 Warengruppen die Preise frei. Erhard schrieb sich selbst fast unbeschränkte Rechte zur Durchsetzung der Maßnahmen in den Gesetzestext. Doch das wäre allein noch nicht erfolgreich gewesen – es bedurfte auch des Geldes. Edward Tenenbaum, ein junger Beamter aus dem US-Finanzministerium, ließ parallel zu Erhards Arbeit am Gesetzestext eine Expertengruppe im Luftstützpunkt Rothwesten bei Kassel so lange hinter Stacheldrahtverhau beraten, bis sie über die Modalitäten einig war: 40 Deutsche Mark pro Kopf am 20. Juni 1948, weitere 20 Mark zwei Monate später. Alte Guthaben sollten zugleich dergestalt abgewertet, daß rund 80 Prozent des westdeutschen Geldvermögens vernichtet wurden. Erhard war das egal. Er wollte den freien Markt.

Ein Akt des Widerstands gegen Hitler

März 1944 hat Erhards Arbeit an der gedanklichen Vorbereitung einer Wirtschaftsform für ein Deutschland nach Hitler angefangen. Er stellte schon damals eine Denkschrift fertig, die er „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung" nannte. Darin ging er von der Voraussetzung eines für Deutschland verlorenen Krieges aus – 1944 war das nichts weniger als Hochverrat! Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, der übermäßigen Sympathie für CDU-Politiker nicht eben verdächtig, sollte dieses Memorandum von 1944 später die „Geburtsurkunde der Sozialen Marktwirtschaft" nennen. Erhard schrieb darin: „Das erstrebenswerte Ziel bleibt in jedem Falle die freie, auf echten Leistungswettbewerb beruhende Marktwirtschaft mit den jener Wirtschaft immanenten Regulativen."

Unmittelbar vor dem Attentat vom 20. Juli 1944 übersandte Erhard die Denkschrift Carl Friedrich Goerdeler, der im Zentrum des zivilen Widerstandes gegen das NS-Regime stand. Und bereits auf der Flucht verfasste Goerdeler ein Memorandum, in dem er seinen Mitverschwörern Ludwig Erhard, den Professor aus Nürnberg, empfiehlt: „Er wird euch gut beraten!“ Goerdeler konnte diese Empfehlung guten Gewissens aussprechen, denn er wusste, dass Erhard sich auf Hans Großmann-Dörth, Walter Eucken, Franz Böhm, Constantin v. Dietze und Adolf Lampe bezog: Nationalökonomen, die gemeinsam in Freiburg ab den späten 1920er Jahren die Soziale Marktwirtschaft in ihren Grundzügen entwickelt hatten. Diese Hochschullehrer sind in der Fachwelt als „Freiburger Widerstandskreise“ bekannt, sie arbeiteten direkt und unmittelbar mit dem Kreisauer Kreis zusammen.

Die Freiburger Grundlagen

Ludwig Erhard gilt als Vertreter des Ordoliberalismus, der im Wesentlichen von Walter Eucken in dessen Werk „Grundlagen der Nationalökonomie“ aus dem Jahre 1939 geprägt wurde. Kaum geringer ist der Einfluss von Franz Böhm. Dieser hatte mit seiner Habilitationsschrift 1933 hier eine weitere Grundlage geschaffen. Im Ordoliberalismus kommt dem Staat die Aufgabe zu, einen Ordnungsrahmen für freien Wettbewerb zu erzeugen, in der die Freiheit aller Wirtschaftssubjekte – auch voreinander – geschützt wird. Alfred Müller-Armack nutzte die Erkenntnisse der Freiburger Forschungen nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Er gab ihnen den Namen, unter dem sie heute noch bekannt sind: Soziale Marktwirtschaft. Mit der Durchsetzung dieses Wirtschaftskonzepts, das andere formuliert hatten, erwarb sich Ludwig Erhard grundsätzlichen Einfluss auf die Politik der jungen Bundesrepublik. Mit Material von: Konrad-Adenauer-Stiftung, Volker Hentschel, Der Spiegel, de.wikipedia.org.

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