Die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ist ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie. Philipp Mißfelder

Acht Diplomaten, die gegen Hitler kämpften

Das Netz des Widerstands gegen Hitler war weitgespannt und umfasste einige hundert Menschen; umso tragischer ist es, dass kein Staatsstreich gegen den Diktator gelingen konnte. Das lag auch daran, dass die Zahl der NS-Täter und die der Mitläufer in die Millionen ging. Auch im Auswärtigen Amt waren die Täter und die Konformisten weit in der Überzahl. Doch es gab auch hier Widerstand.

1.) Ulrich v. Hassell

„Ulrich v. Hassell war eine der markantesten Persönlichkeiten des deutschen diplomatischen Dienstes in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nach 1933 geriet er zunehmend in Widerspruch zur Politik des nationalsozialistischen Regimes. 1938 wurde er von seinem Posten als Botschafter in Rom abgelöst und zunächst in den Wartestand versetzt.“ Das schreibt Wilhelm Girardet in dem unten angeführten Band. Girardet führt weiter aus, dass v. Hassell zusammen mit Carl-Friedrich Goerdeler und dem ehemaligen Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck, dann einen Gesprächskreis gebildet habe, der als frühes Rückgrat des Widerstands gegen Hitler angesehen werden kann: die „Goerdeler-Beck-v.-Hassell-Gruppe“. Ulrich v. Hassell konferierte 1941 ausführlich mit den wichtigsten Vertretern des „Kreisauer Kreises“, bei denen er sich vor allem einig war in dem Wunsch, den Staatsstreich möglichst bald herbeizuführen. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde v. Hassell verhaftet, in einem zweitägigen Prozeß vor dem Volksgerichtshof am 8. September 1944 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet. Der Ausspruch, er sei „ein großer Gescheiterter der Geschichte“, stammt von ihm selbst.

Doch ganz so möchten wir Heutigen da nicht zustimmen. Girardet berichtet: Der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt, der durch „Abkommandierung“ als Soldat im Rahmen seines Dienstes Zeuge des nicht öffentlichen Prozesses geworden war, schrieb im Juni 1946 an die Witwe Ilse v. Hassells von einer „schlechthin vorbildlichen Haltung“ ihres Mannes in einem Prozeß, der „ausschließlich auf menschliche Entwürdigung und seelische Vernichtung“ ausgerichtet gewesen sei. – Ulrich v. Hassell hat sein Urteil voller Würde entgegengenommen. Äußerlich wie seelisch ungebrochen ist er zum Galgen gegangen. In jenem kleinen Raum in Plötzensee.

2.) Georg Ferdinand Duckwitz

Hans Kirchhoff, emeritierter Professor für neuere und neueste Geschichte in Kopenhagen, ist der der Biograph von Georg Ferdinand Duckwitz. Er schreibt in dem unten bibliographisch erfassten Band, dass Duckwitz „eine zentrale Figur in eben jener Rettungsaktion (war), die als greatest hour der Dänen während des Zweiten Weltkriegs gilt, (…) besonders in Israel und den USA, wo der dänische Einsatz als Licht im Dunkel des Holocaust gerühmt wird“. Am 8. September 1943 hatte Hitlers Reichbevollmächtigter für das besetzte Dänemark per Telgramm die Deportation der bis zu 8.000 Dänen jüdischen Glaubens befohlen. „Ich weiß, was ich zu tun habe“, notierte Duckwitz daraufhin in sein Tagebuch.

Spätestens am 17. September 1943 begann Duckwitz, die Betroffenen, denen die Verschlepppung nach Auschwitz unmittelbar drohte, zu warnen. „Sein Verhalten in den September- und Oktobertagen 1943 ist durch seinen Bericht aus der Nachkriegszeit bekannt. Jetzt kann dieser mit dem Tagebuch verglichen werden, das hier zum ersten Mal systematisch ausgewertet worden ist“, schreibt im Jahre 2014 Professor Kirchhoff. Sein Urteil ist eindeutig: Duckwitz’ Beitrag zur Rettung fast aller jüdischen Bürger Kopenhagens ist maßgeblich; in der Jeruslalemer Gedenkstätte Yad Vashem wird er im übreigen schon seit Jahren als “Gerechter unter den Völkern” geehrt.

In die Attentatspläne, die in den Bombenanschlag des 20. Juli 1944 münden sollten, war Duckwitz von Anfang an eingeweiht. Er sollte, so sahen es die Staatsstreichpläne vor, die Statthalterrolle für Dänemark von einem SS-General in Kopenhagen übernehmen. Abschließend sei nochmals Hans Kirchhoff zitiert: „Duckwitz glaubte daran, daß Geschichte einen Sinn hat und daß er in Dänemark eine Rolle spielen sollte. Heute können wir sehen, daß diese Rolle nicht zufällig war: Duckwitz besaß die politischen und diplomatischen Begabungen, die ihn nach dem Krieg als Botschafter nach Kopenhagen zurückbrachten und ihn später auf die höchsten Positionen des Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik führten, zuletzt als Staatssekretär und Vertrauter Willy Brandts.“

3.) Eduard Brücklmeier

Im Oktober 1936 traf ein neuer deutscher Botschafter in London ein: Joachim v. Ribbentrop. Ein junger Diplomat, der viel Erfahrung mit Angelegenheiten des Commonwealth hatte, fiel ihm bald auf, und er beorderte ihn in seinen Stab: Eduard Brücklmeier. Dem jungen Diplomaten gefiel das gar nicht, denn er war schon seit 1933 erbitterter Gegner des NS-Regimes gewesen. Brücklmeier war als begeisterter Freund des britischen Lebensstils bekannt; er war als Diplomat unter anderem in Bagdad, Teheran und Colombo gewesen, bevor er nach London kam. Und völlig entsetzt war er, als Ribbentrop ausgerechnet ihn Anfang 1938 nach Berlin mitnahm, als er von Hitler zum Außenminister berufen wurde.

Eduard Brücklmeier war im September 1938, als der erste Bombenanschlag gegen Hitler geplant wurde, also wiederum unmittelbar im Ribbentrop’schen Ministerbüro. Von hier aus stand er mit weiteren Verschwörern gegen den Kopf des NS-Regimes in Kontakt. Im Falle einer wirklichen Durchführung des Attentates gegen Hitler, das anlässlich der Sudentenkrise geplant war, wäre er unmittelbar im Zentrum des Geschehens gewesen. Mehrfach übernachtete er in seinem Büro, um zur Weitergabe des Befehls für den Aufstand bereit zu sein.

Am 6. Oktober 1939 wurde Brücklmeier erstmals von der Gestapo verhaftet. Er hatte in den Tagen des Kriegsbeginns prognostiziert, dass der Krieg zu einem noch nie erlebten, totalen Desaster für Deutschland führen werde und dass das Deutsche Reich kaum drei Jahre gegen die zweifelsohne bestehende, wirksame Allianz der Alliierten bestehen könne. Mit großem Glück entging er der Deportation in das KZ Sachsenhausen. Später gehörte Brücklmeier zum engeren zivilen Umfeld um die militärisch gesteuerte Verschwörung, die in das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 mündete. Er tat mit einem Wort alles, was in seiner Macht stand, um den Diktator zu beseitigen. Die Zeit, die ihm bis zu seiner Verhaftung am 27. Juli 1944 blieb, hat er größtenteils diesem Ziel gewidmet. Am 30. September 1944 wurde Brücklmier durch Roland Freisler dem Galgen überantwortet, am 20. Oktober, drei Wochen später, wurde er gehenkt.

4.) Herbert Mumm v. Schwarzenstein

Schon 1933 geriet der im Auswärtigen Dienst tätige Herbert Mumm v. Schwarzenstein in das Fedenkreuz der neu eingerichteten Gestapo, die Ermittlungen betrafen „regimekritische Gesinnung“. Zwar schätzte man seine Fähigkeiten als Diplomat, jedoch mißtraute ihm die Behörde bezüglich seiner politischen Haltung, obwohl konkrete Attentatspläne nicht bekannt waren. Diese Einschätzung war korrekt. 1935 wurde Herbert Mumm v. Schwarzenstein gleichzeitig mit anderen hochrangigen Ministerialbürokraten wie dem Juristen Helmut Nicolai und dem Rassenbiologen Achim Gercke von der Gestapo verhaftet und gemäß § 6 des Gesetzes zur Widerherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April beziehungsweise 23. Juni 1933 in den Ruhestand versetzt. Ab 1940 war er in ständigem Kontakt zu verschiedenen Kreisen, die den Sturz Hitlers vorbereiteten, darunter ist vor allem der Solf-Kreis zu nennen.

Mumm wurde am 23. Februar 1942, während seiner Haft wurde er gefoltert und misshandelt; zum Tode wegen Hoch- und Landesverrats sowie wegen „Wehrkraftzersetzung durch Begünstigung der Kriegsfeinde“ wurde er schließlich im Frühjahr 1944 verurteilt. Als Begründung wurde angeführt, Mumm und Halem hätten zusammen mit Römer ein Attentat auf Hitler vorbereitet. Am 20. April 1945 wurde Herbert Mumm von Schwarzenstein im Zuchthaus Brandenburg an der Havel gehenkt.

5.) Hasso v. Etzdorf

Rainer Blasius, der bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Ressort Politisches Buch verantwortet sowie im Rheinland als Hochschullehrer wirkt, ist einer der besten Kenner der Lebensgeschichte von Hasso v. Etzdorf, einem unprätentiös agierdenden, aber umso entschiedeneren Gegner Hitlers. Blasius kannte Etzdorf persönlich, er interviewte ihn immer wieder zu seinen Denkschriften gegen den Nationalsozialismus; von ihm stammt das einzige ausführliche – und zugleich gültige – Lebensbild dieses beeindruckenden, noblen Mannes, der im persönlichen Gespräch offfenbar die besten Seiten der untergegangenen Zeit vor dem Nationalsozialismus zu repräsentieren wusste.

Blasius stellt das Traktat „Das drohende Unheil“, das Etzdorf zusammen mit dem Abwehroffizier Helmuth Groscurth ab Spätherbst 1939 in arkanen Widerstandskreisen zirkulierten, in den Mittelpunkt seiner Schilderung. Demnach stellten die beiden Autoren „nachdrücklich den Erfolg einer Invasion Frankreichs in Frage, sie prognostizierten den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika korrekt". Weiter war Etzdorf, so Blasius, von der Unzuverlässigkeit des zeitweiligen Bundesgenossen UdSSR überzeugt. Er sagte ein „Zerbrechen der militärischen und inneren Front, Zerfall, Bolschewismus oder bestenfalls Partikularismus und Loslösung“ voraus. Den Sturz der nationalsozialistischen Herrschaft bezeichneten Etzdorf und Groscurth als einzige Möglichkeit, um eine Ausweitung des Zweiten Weltkriegs zu verhindern. Sie ließen – und das 1939! – eine prophetische Prognose für die Ergebnisse der Hitlerschen Kriegspolitik folgen: „Noch nie war Deutschland dem Chaos und dem Bolsche¬wismus näher als jetzt, nach sechs Jahren des Hitler-Regimes, das es in den letzten Wochen fertigbrachte, 20 Millionen Men¬schen dem Bolschewismus zu überantworten.“

Etzdorf resignierte ab 1940 angesichts der Erfolge des NS-Regimes. Er sah, so Blasius weiter, „nun seine Hauptaufgabe darin, die sich aus seiner Dienststellung als Verbindungsmann ergebenden Informations- und Reisemöglichkeiten zu nutzen und für eine ungeschminkte Unterrichtung über die außenpolitische und militärische Lage zu sorgen (…). Davon profitierte insbesondere Ulrich von Hassell, der mittlerweile mit Beck und dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl-Friedrich Goerdeler zu den führenden Persönlichkeiten des (…) Widerstandes zählte.“ Etzdorf sah auch die Bemühungen der Widerstandskämpfer um Stauffenberg skeptisch. Die Zeit des Nationalsozialismus hat er überlebt.

6.) Rudolf v. Scheliha

Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann hat 2014 in dem unten bibliographisch annotierten Band über Rudolf v. Scheliha, den lange verkannten Widerstandkämpfer, folgendes geschrieben: „Rudolf von Scheliha wurde am 14. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht wegen Landesverrats zum Tode verurteilt und acht Tage später, am 22. Dezember 1942, im Strafgefängnis Berlin hingerichtet. Das gegen ihn verhängte Todesurteil war falsch und seine Hinrichtung war Mord. Rudolf von Scheliha war kein Landesverräter, sondern ein Widerstandskämpfer. Einer, der gegen Hitler und für Polen gekämpft hat. Außerdem war Rudolf von Scheliha Corpsstudent. Hat das eine etwas mit dem anderen zu tun? Hat er auch deshalb Widerstand geleistet, weil er Corpsstudent war und das corpsstudentische Netzwerk im konservativen Widerstand genützt hat? Das sind Fragen, die bisher zu selten gestellt und nur stückweise beantwortet worden sind.“

Was maßgeblich zur Irritation über Scheliha beigetragen hat, ist seine Nähe zur „Roten Kapelle“, einem höchst aktiven Widerstandskreis, der nach 1945 über Jahrzehnte hinweg im Geruch des Landesverrats zugunsten der UdSSR stand; die „Oragnisation Gehlen“ und ihr Wirken sind in diesem Zusammenhang von Interesse. Wippermann über Scheliha: „Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: Rudolf von Scheliha war kein Landesverräter, sondern ein Widerstandskämpfer. Dies im doppelten Sinne. Rudolf von Scheliha war einmal ein Widerstandskämpfer für Polen. Dies als Mitglied des Moltke-Scheliha-Wühlisch-Kreises und wegen seiner sonstigen persönlichen Aktivitäten für verfolgte Polen und Juden. Darüber hinaus war Rudolf von Scheliha auch ein Widerstandskämpfer gegen Hitler. Er hat gegen das nationalsozialistische Regime gekämpft.“

7.) Adam v. Trott zu Solz

Eine der führenden Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus – so darf Adam v. Trott zu Solz bezeichnet werden. Seine vielfältigen Kontakte zu britischen und amerikanischen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens waren Grundlage für seine zahlreichen, aber letztlich vergeblichen Bemühungen, für die deutsche Widerstandsbewegung Brücken zu den Regierungen Großbritanniens und der USA zu schlagen. Nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 verurteilte ihn der NS-Volksgerichtshof zum Tode; am 26. August 1944 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Das Leben Trott und sein Einsatz für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde jüngst von Benigna v. Krusenstjern mit einer umfassenden Biographie gewürdigt: daß es Sinn hat zu sterben – gelebt zu haben“:http://www.wallstein-verlag.de/9783835305069-benigna-von-krusenstjern-dass-es-sinn-hat-zu-sterben-gelebt-zu-haben.html – einem Standardwerk, erschienen bei Wallstein in Göttingen. Schon deswegen bedarf es an dieser Stelle nur weniger Zeilen über v. Trott; umso mehr des Hinweis auf die lohnende Lektüre. Auch Wolfgang v. der Groeben hat sich in „Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler“ mit Spezialaspekten im Leben Trotts beschäftigt, unter anderem mit den Werten, auf denen seine Erziehung und seine Mitgliedschaft im Göttinger Corps Saxonia beruhten.

8.) Friedrich-Wilhelm v. Prittwitz und Gaffron

Auch der Mann, der bis März 1933 deutscher Botschafter in Washington war, Friedrich-Wilhelm v. Prittwitz und Gaffron, gehört zu den Diplomaten, die im Widerstand gegen Hitler Zeichen setzten; siehe dazu die vorherige Kolumne „Vier Widerstandskämpfer der ersten Stunde“.

Zu den Widerstandskämpfern gehören auch zwei besondere Persönlichkeiten, deren Wirken bisher nur in unvollständigen Zusammenhängen bekannt war und die aus dem Bereich der Wirtschaft kamen: Nikolaus v. Halem und Wilhelm Frhr. v. Flügge. Diese beiden werden in den nächsten Folgen der Kolumnen zu diesem Thema behandelt. Die hier wiedergegebenen Texte und vor allem die Zitate sind ausnahmslos Auszüge aus Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler, herausgegeben von Sebastian Sigler bei Duncker & Humblot, Berlin 2014.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Sigler: Es gibt kein Ende der Geschichte

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