Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Der Milliarden-Benutzer

Mark Zuckerberg will mit seinem Dienst Facebook in Entwicklungsländer vordringen; dort, wo es keinen Zugang zum Internet gibt, sollen Drohnen diesen ermöglichen. Sebastian Sigler hinterfragt die scheinbar edle Absicht.

Das Online-Netzwerk Facebook hat nach eigenen Angaben kürzlich erstmals die Marke von einer Milliarde Nutzern innerhalb eines einzigen Tages geknackt. Das bedeutet, dass innerhalb von 24 Stunden ungefähr jeder siebte Mensch auf diesem Planeten auf dem größten und bekanntesten Portal vorbeigeschaut hat. Oder besser: dort stundenlang virtuell an etwas teilgenommen hat, das real gar nicht stattfand.

Das ist erst der Anfang

„We just passed an important milestone“, teilte Firmenchef Mark Zuckerberg am Donnerstag mit. „Und das ist erst der Anfang“, orakelt er vielsagend: „It’s just the beginning of connecting the whole world.“ Bei solch weltumspannendem Ansprüchen, geäußert von einem 31-jährigen, doch wohl hochintelligenten Menschen – da sollte man gut hinhören. Immerhin, Zuckerberg verfügt über ein selbstverdientes Vermögen von gut 35 Milliarden US-Dollar. Er wäre also durchaus in der Lage, umgehend mit der Realisierung seiner Vernetzung der ganzen Welt zu beginnen.

Vielleicht sollte Zuckerberg jedoch auch einen kleinen Teil seiner Aufmerksamkeit auf das derzeit schon bestehende Netzwerk richten. Facebook musste jüngst Fehler im Umgang mit rassistischen Kommentaren in seinem Netzwerk einräumen. Und die Entschuldigung von Facebook klang ziemlich ärmlich. Für das Löschen verwerflicher Inhalte aus Deutschland, so hieß es da, seien Teams „im Ausland“ zuständig. Also nicht in Deutschland, da, wo die ätzenden Inhalte verstanden werden und ihre unheilvolle Saat aufgehen könnte. Sondern im Ausland, irgendwo. Das ist eine schwierige Nachricht. Denn sind diese Teammitglieder mit deutschen Befindlichkeiten – und die können komplex sein – auch wirklich vertraut? Das aber ist nicht noch nicht einmal der Kern des Problems: die Facebook-Profiler suchen gar nicht speziell nach rassistischen und beleidigenden Kommentaren. Das sei, so ließ sich ein Facebook-Sprecher schmallippig herbei, „bedauerlich“. Und dies, so scheint es wiederum, ist noch sehr milde ausgedrückt.

Wer auf Facebook online ist, hat natürlich die Vorteile, Kontakt pflegen zu können, die ihm oder ihr sinnreich und wertvoll erscheinen. Ds ist angenehm, auch wenn es sich beim Blick auf das eigene Netzwerk allzu häufig nur um den Blick auf Lebensillusionen handelt. Und es ist auch egal, ob die Kontakte wirkliche Freunde sind. Wirklich wichtig ist doch der Datenstrom, der erzeugt wird und erkennbar macht, wer wie denkt – und, viel wichtiger noch, wer für wann was plant. In erster Linie nutzen die Milliarde Menschen, die bei Facebook an einem Tag online sein kann, ihrerseits ebendiesem Netzwerk. Wer ein Facebook-Konto hat, ist Zuarbeiter bei der Erstellung des gigantischen Datennetzwerks, das wiederum Werbeeinnahmen in scher unvorstellbarer Größe generiert.

Zuckerbergs Kriegserklärung

Rund zwei Drittel der Weltbevölkerung hätten noch keinen Zugang zum Internet, betont Zuckerberg häufig. Genau hingehört: Gibt der Facebook-Gründer hier indirekt Nachricht davon, was er mit seinen Milliarden vorhaben könnte? Er wolle, so fügt er an, in Entwicklungsländern günstigen oder kostenlosen Zugang zu ausgewählten Online-Diensten organisieren, unter anderem mit Drohnen. Natürlich, damit nicht nur eine Milliarde Menschen seinen Dienst nutzt – möglichst täglich.

Drohnen sind Fluggeräte, die sonst eher in militärischen Zusammenhängen genannt werden. Findet denn hier ein Krieg statt? Und warum? Die Inhaber der realen oder fiktiven Freundesnetzwerke sind es ja nicht, die auch nur im Mindesten wichtig sind. Aber, wir erinnern uns, die Daten sind es! Kündigt Zuckerberg also einen Krieg um die Reichweite von Werbeinhalten an? Facebook, das steht für „promoting understanding and (…) including everyone in the opportunities of our modern world“, wie Zuckerberg es selbst formuliert hat. Und nun hat der Selfmade-Milliardär also erstmals mehr als eine Milliarde Menschen an einem einzigen Tag für seine Zwecke nutzen können. Es soll ein Anfang sein: „A more open and connected world is a better world.” Ja, genau, Herr Zuckerberg – eine schöne neue Welt!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Sigler: St. Martin statt Halloween!

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