Es ist gar nicht wahr, dass die Jugend vor allem an Konsum und an Genuss denkt. Joseph Ratzinger

Mehr Licht!

Die Republik hat sich in seinem Glanz gesonnt, ihr fehlt diese Wärme jetzt. Guttenberg kann sicher sein: Er wird vermisst.

Nein, Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht zurück. Aber er hat ein Buch über den Teich geschickt und alleine das reicht, um hier gehörig für Aufregung zu sorgen. Vielleicht bleibt es dabei, wer weiß: Da Zukunftsprognosen der sicherste Weg sind, sich lächerlich zu machen, sollte man damit vorsichtig sein. Ein Blick in die junge Vergangenheit wird auch auf ein Buch und viel Getöse fallen. Wer weiß, was Sarrazin gerade macht? Keinen Schimmer? Genau.

Trotzdem, auch ohne von der Zukunft zu fabulieren, kann man aus dem Hier und Jetzt seine Schlüsse ziehen: Das politische Berlin ist aufgeschreckt, das mediale auch, zahlreiche Bayern schlafen schlecht. Die meisten Autoren schaffen das nicht. Warum der Freiherr?

Noch stemmen sich viele Medien gegen eine Rückkehr

Die Antwort ist vermutlich ganz einfach: Er fehlt der Republik. Guttenberg war Konsens, auf ihn konnte man sich einigen, weitgehend unabhängig von Bildungsgrad, Brieftasche und Partei. Alle vermissen ihn.

Manche wollen es natürlich nicht zugeben: Ein Großteil der Medien stemmt sich noch gegen die mögliche Rückkehr. Der Betrug, das Nicht-wirklich-eingestehen-Wollen, sehen sie – mit Ausnahme der „Bild“ – als unerlässliche Sünde. Kein Wunder, sitzen dort doch vornehmlich Menschen, die sich über einen Doktortitel, mindestens aber einen anderen akademischen Grad freuen. Die sind naturgemäß ein bisschen tiefer verletzt, gerade weil sie Guttenberg einst so sehr liebten.

„Mir doch egal“ gibt es nicht

Über die lauten Stimmen vergisst man schnell, dass die Masse der Menschen in Deutschland nicht mal einen Doktor im Freundeskreis hat. Wer weiß, ob dieses elitäre Statussymbol oder der Verstoß gegen dessen Würde dort dieselben, heftigen Reaktionen hervorruft? Und dass es gerade die Akademiker-Zeitschrift „Zeit“ ist, die Guttenbergs (medialer) Rückkehr den Weg ebnet, entbehrt nicht nur einer gewissen Ironie nicht, es lässt auch ein zartes Verzeihen der Kaste anklingen.

Weil man es dort genau wissen wollte, hat der „Stern“ eine Umfrage in Auftrag gegeben: Je nach Betonung lehnen demnach 51 Prozent der Deutschen eine Rückkehr Guttenbergs ab, bzw. 49 Prozent befürworten eine solche. Je nach Lesart halten 53 Prozent Guttenberg für wenig glaubwürdig, bzw. 47 Prozent für glaubwürdig. Man kann sich die Überschrift also gewissermaßen aussuchen – die Hälfte bleibt so oder so eine ganze Menge. Fraglich, ob viele Politiker an Guttenbergs Stelle noch halb Deutschland hinter sich hätten. Und die zentralste Botschaft: Die Prozente gehen auf, die Option „mir doch egal“ gibt es nicht! Guttenberg interessiert.

Dass Seehofer Guttenberg nicht vermisst, verwundert nicht

Was man (wie so oft bei solchen Umfragen) ohnehin nicht erfährt, ist der Zeitpunkt der Befragung. Der aber ist wichtig: Wenn nämlich erst die Mehrheit der Medien eine Woche lang druckt und sendet „bleib wo der Pfeffer wächst!“ und man dann die Leute fragt, so misst man auch (!) die Wirkung der Berichterstattung und nicht nur wirkliche, dauerhaft beständige Meinung. Einen Vergleich mit einer Erhebung vom März 2011 (62 Prozent Zustimmung) raucht man deshalb besser in der Pfeife, als darauf aufgebaut von einem „Abwärtstrend“ Guttenberg’scher Beliebtheit zu sprechen.

Spannender ist das öffentliche Schweigen der Politik: Dass Seehofer die Rückkehr Guttenbergs ungefähr so sehr herbeisehnt, wie Philipp Lahm die von Michael Ballack, ist leicht zu begreifen – nicht jeder hat sich ohne Allergie in Guttenbergs Licht gesonnt. Darüber hinaus herrscht weithin Stille: Glaubt man Guttenberg, hätte Angela Merkel ihn gerne behalten, geäußert hat sie sich dazu bisher nicht. Zu hören war dagegen der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel. Er warf Guttenberg im „Stern“ vor, „einen Ehrenkodex gebrochen“ zu haben. „Ein Großteil der deutschen Elite, die fleißig ihre akademischen Arbeiten geschrieben hat, kommt nicht darüber hinweg.“

Guttenberg: Einer fürs Herz

Eliten. Henkels Definition schließt locker 98 Prozent der Deutschen aus. Und man kann sich vorstellen, dass viele im Volk ohnehin skeptisch auf „die Eliten“ schauen – ob nun zu Recht oder nicht, sei dahingestellt. Vielleicht wird Guttenberg Henkel den antielitären Ritterschlag noch mal danken. Sicher ist: Technokraten (auch mit Doktortitel) ist in Krisenzeiten kaum zuzutrauen, des Volkes Herz zu gewinnen.

Der „Spiegel“ geht in seiner aktuellen Ausgabe davon aus, dass Merkel Guttenberg genau deshalb vermisse: Vielleicht nicht der Beste in der Sache, aber einer fürs Herz, (eine gute Ergänzung zu Kanzlerin). Vielleicht ahnt Guttenberg all dies, wenn er nun zum Rundumschlag ausholt, gegen Parteien, Politiker, Wirtschaft, Universitäten schimpft: Er muss gar nicht zu Kreuze kriechen, zu groß ist die Sehnsucht nach ihm vielerorts.

Das nämlich ist die (vorzeitige) Pointe der Geschichte Guttenberg: Wenn da nicht so ein großes Loch gähnte in unserer politischen Landschaft, würde ein Buch von drüben vom Teich nicht solche Wellen schlagen. Für Guttenberg dürfte deshalb klar sein, der Funke glüht noch. Mal sehen, wann er pusten kommt.

Leserbriefe

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    Kenji – 01.12.2011 - 16:04

    Der Antielitäre Schlag von Henkel soll zu Guttenberg noch von nutzen sein? Um sich etwas später als “Mann des Volkes” und als "einer von unten " zu propagieren? Denn genau das ist Herr Guttenberg nicht. Guttenbergs “Licht” strahlt anscheind so hell, dass er es erneut schafft die Zivilbevölkerung zu blenden. Sein Rundumschlag soll wiederrum nur von sich selbst ablenken. Er erhöht sich selbst indem er die anderen reduziert und kritisiert. Dementsprechend lassen wir seine Unfähigkeit die Schuld bei sich selbst zu suchen vorsichtshalber unter den Tisch fallen. Politik muss nicht sexy oder “fürs Herz” sein, sondern einzig und allein menschlich. Guttenberg hat nicht gefehlt. Der Grund wieso das Medienecho aufhörte als er verschwand, war ganz einfach – Wir verlangen nicht wonach wir nicht bedürfen.

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    WMKW – 01.12.2011 - 20:03

    Vielen Dank, besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

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    P. Feldmann – 01.12.2011 - 22:31

    Lieber Sebastian Pfeffer, wieder ein Artikel von Ihnen, den ich unterschreiben würde. (Obwohl mir zu Gutenberg vorher- und auch jetzt nachher eigentlich eher egal ist. ) Mich hat an der ganzen lächerlichen Diskussion über die Plagiate eigentlich vor allem eines gestört: diese widerliche Bigotterie mit der das Thema Wissenschaft überzogen wurde. Die Einen wollten mit dem enttarnten Sündenbock davon ablenken, dass in der Tat mehr als die Hälfte aller Promotionen um der Karriere und Eitelkeit willen (um am allerwenigsten um der wissenschaftlichen Erkenntnis willen) das Licht der Welt verhängen. Die Anderen sahen ihre Götter verraten. Beide, die Zyniker und die Gläubigen vereinen sich in frömmelnder Eintracht zur Steinigung des Unehrerbietigen. Dabei hat er nichts anderes gemacht als die Meisten- aber: eben deshalb!

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    kleinErna – 02.12.2011 - 03:52

    So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Weder den von Sebastian Pfeffer, noch den von P. Feldmann. “Herr, lass Hirn regnen” kann man da nur ausrufen!
    Dass ein Großteil unserer Wähler (wie in aller Welt übrigens) ein bisschen naiv ist, ist schon klar, dass es aber die Journalisten auch sein müssen, steht nirgendwo geschrieben!

    Was bezwecken Sie mit einer Aussage, wie der Oberen? Dass sich die Unsicheren, Leichtgläubigen, Naiven bestärkt fühlen in ihrer Hinwendung zu KTzG? Hatten wir sowas nicht schon einmal; einen redegewandten Schaumschläger mit wenig Substanz aber blindgläubigem Massenanhang? Wo bitte ist der Unterschied, wo die Leistung?

    Man sollte schon einmal hinterfragen, was KTzG denn eigentlich bisher getan hat in seinen beiden Ministerien. Soviel offiziell bekannt wurde, hatten die beiden Nachfolger große Schwierigkeiten, das jeweilige Schiff wieder flott zu bekommen und das obwohl KTzG jeweils nur kurze Zeit der Steuermann gewesen ist. Und haben Sie sich die Vita dieses Herrn einmal genau angesehen: Ein langes, sehr langes Studium, mit einem eher unterdurchschnittlichen Examen (von der Promotionsarbeit mal ganz zu schweigen). Dann ein bisschen Basisarbeit im elterlichen Betrieb (das macht der Bruder mittlerweile auch viel besser). Dann ein paar Monate CSU-Generalsekretär, ein paar Monate Wirtschaftsminister, ein bisschen länger Verteidigungminister (die gößte Leitung dort war die Feststellung, dass es sich um Krieg handelt, am Hindukusch). Eine tolle Leistung ist das, damit kann man die Welt verändern. Bravo! Das machen “Andere” während ihres unbezahlten Volotariates (und vielleicht sogar besser?).

    Ich kann und mag mir auch nicht vorstellen, dass ein moderner Felix Krull in diesen Zeiten nur mit seinem losen Mundwerk die Welt verbessern kann. Wenn Soie das können, sind sie jedenfalls ganz schön mutig.

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    Sebastian Pfeffer – 02.12.2011 - 11:18

    @Kenji:
    Ich bin bis zu dem Punkt mit Ihnen einer Meinung: „Politik muss nicht sexy oder “fürs Herz” sein, sondern einzig und allein menschlich.“ Da beschreiben Sie glaube ich Ein und das Selbe mit anderen Worten. Das Guttenberg für sie weder „fürs Herz“ noch „menschlich“ ist, ist ihr gutes Recht. Trotzdem denke ich, dass die Demokratie auch Menschen braucht die, auf die sich ein Großteil (mehr als die Wahlmehrheit) „gefühlsmäßig“ einigen kann. Und davon sind Sie ein recht kleiner Teil. In GB erledigt diese Aufgabe bsp. die Monarchie (ohne Wertung, nein ich will keine ;).

    @P. Feldmann:
    Ich gebe ihnen Recht. Die Causa Guttenberg legt den Finger in gleich mehrere Wunden, Sie benennen eine davon. Ich dachte damals mehrmals „hätte er sich doch wenigstens einen gescheiten Ghostwriter gesucht“. Nicht weil sein Betrug dadurch besser geworden wäre, sondern weil ich nicht fassen konnte, wie dumm sich so ein Mann verhalten hatte. Man google mal Ghostwriter und Promotion – ein wenig Nachfrage muss da sein. Seien wir positiv: Vielleicht nimmt die Zahl der Plagiate und Geisterarbeiten seit Guttenberg ja ab und die Unis sind wachsamer.

    @ kleineErna:
    Dass Sie nicht meiner Meinung sind habe ich verstanden und das ist ihr gutes Recht. Ich wünsche Ihnen trotzdem nicht, von Hirnen erschlagen zu werden und von dem „schon einmal gehabten Schaumschläger“ (?!) sind wir wohl glücklicherweise extrem weit entfernt.

    Zur Sache: Es ging mir in dem Text nicht um eine Beurteilung Guttenbergs, sondern um die Frage, was wir (ohne über die Zukunft zu fabulieren) aus der derzeitigen Erregung hierzulande für Schlüsse ziehen können. Ich stimme Ihnen zu, die Vita des Freiherrn wird dadurch weder besser noch schlechter. Ich wünsche ihn mir übrigens auch nicht zurück ;)

    Beste Grüße,
    Sebastian Pfeffer

  • Theeuropean-placeholder
    Gunter Weigand – 03.12.2011 - 02:25

    Eigentlich ist das viel zu deprimierend. Dass ihn so viele zurückwollen, bei all dem, was er sich geleistet hat.
    Wenn Guttenberg wenigstens einen Kniefall à la Tiger Woods hinbekommen hätte. Aber das Volk braucht nicht einmal das, sein simples Dasein in adeligen Würden (von Gottes Gnaden) reicht anscheinend völlig aus…

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