Die meisten Amerikaner hören Arabisch nur, wenn im Fernsehen ein wütender Mann mit Gewehr herumzetert. Omar Offendum

Hilfe zur Selbsthilfe

Homophobie ist heilbar. Und je weniger Menschen homophob sind, desto geringer wird die Gefahr, sich anzustecken. Eine Therapie in acht Punkten.

Herbert Grönemeyer küsst einen Mann. Das soll ein Zeichen setzen gegen Homophobie in diesem Land, und wirkt vielleicht auch bei der ein oder anderen Frau im mittleren Lebensalter, für die Grönemeyer seit „Mensch“ der fleischgewordene Traummann ist.

Die Kampagne „Mundpropaganda – Gentlemen gegen Homophobie“ wurde von der Zeitschrift „GQ“ gemacht und ist zumindest für die Initiatoren ein Erfolg. Große Aufmerksamkeit und mal ehrlich, echt clever, prominente Männer knutschen rum, hihi. Natürlich schiebt Grönemeyer noch so einen Satz hinterher: „Dabei küsse ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Mann.“ Soll ja kein Zweifel aufkommen – geschenkt.

„Heterosexuelle unter sich“, twitterte der schwule Theaterregisseur René Pollesch zu der Kampagne, womit viel Wichtiges gesagt ist, aber eben nicht alles. Natürlich können heterosexuelle Leute eine Menge dazu beitragen, Homophobie zu bekämpfen. Homophobie ist ja keine phobische Störung im klinischen Sinne. Trotzdem ist sie quasi heilbar.

Anleitung für Toleranz

Zum einen, weil sie oft Ausdruck einer (unbewussten) Angst vor den eigenen unterdrückten Neigungen ist. Zum anderen, weil sie dem Wunsch nach konformem Verhalten entspringt: Werden im Umfeld Schwule verachtet, verachtet man mit – wer will schon auf der Seite der Schwuchteln sein.

Das heißt aber auch: Je weniger Menschen homophob sind, desto weniger ansteckend ist diese Phobie. Desto geringer wird der psychische Druck, die eigenen Neigungen zu unterdrücken und/oder sich konform zu verhalten. Eine Gesellschaft kann quasi geimpft werden, von jedem Einzelnen, jeden Tag.

Durchaus mit politischen Konsequenzen. Seit Kaiser Wilhelm 1872 den Schwulenparagrafen eingeführt hatte, gab es nur sieben Jahre lang keine gesonderte Gesetzgebung für schwule Männer in Deutschland. Ja, auch das Lebenspartnerschaftsgesetz ist ein Sondergesetz. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Nicht. Bis heute.

Zwar hat selbst die Union längst akzeptiert, dass Homosexuelle eigentlich rechtlich völlig gleichgestellt werden müssten. Sie scheut aber vor der politischen Aktion zurück und lässt das Verfassungsgericht diese Arbeit machen, weil es da draußen noch genügend homophobe Wähler gibt, die sie nicht vergraulen will. Das hat Angela Merkel im Wahlkampf mit ihrem „Bauchgefühl“ wohl wirklich gemeint.

Die folgende Liste hilft im Zweifel also auch ihr: Achtmal Hilfe zur Selbsthilfe.

1. Sie sind mindestens so gut wie Du. Wenn Homosexualität eine Krankheit wäre, wie käme es dann, dass jede und jeder Heterosexuelle (auch) eine(n) Homosexuelle(n) finden kann, der oder die größer, schöner, stärker, schlauer und erfolgreicher ist als er oder sie? Klingelt es? (Wenn nicht, bestätigt das die These.)

2. Du liebst sie. Jeder hat homosexuelle Freunde, Brüder, Schwestern – vielleicht sogar Mütter oder Väter. Zwischen fünf und zehn Prozent der Weltbevölkerung sind homosexuell, überall. Waren es und werden es sein. Viele auch bi. Zwar gibt es wohl kein „homosexuelles Gen“, die Vererbung ist komplizierter, aber das Homo ist dem Mensch in seine DNA geschrieben.

3. Du legst zweierlei Maß an. Mann und Frau die Ehe vorzubehalten, weil sie Kinder bekommen, ist Quatsch. Längst nicht alle heterosexuellen Paare bekommen Kinder, immer weniger Ehen sind von Dauer und prinzipiell können auch gleichgeschlechtliche Paare Nachwuchs haben.

4. Die Natur ist klüger als Du. Das Fortbestehen einer Gesellschaft ist mehr als die Summe ihrer befruchteten Eizellen. Eine komplexe soziale Spezies wie der Homo Sapiens eine ist (auch wenn man daran immer wieder zweifeln mag), kann Menschen gut gebrauchen, die ihre Lebenszeit und -kraft komplett in Arbeit, Kreativität und Freundschaft stecken und nicht in (eigene) Kinder.

5. Deine Angst ist unbegründet. Wenn sich alle Schwulen und Lesben offen lieben, heiraten und Kinder adoptieren, hat deshalb kein einziger Heterosexueller auf diesem Planeten einen Nachteil. Die Partnerschaft von Mann und Frau wird keinen Deut „weniger wert“, Rechte sind kein Nullsummenspiel.

6. Du hast Vater und Mutter und trotzdem deine Probleme. Wenn Kinder unbedingt Mutter und Vater brauchen, damit sie nicht degenerieren, stellen sich mindestens zwei Fragen: Wo kommen all die Spinner her? Und warum nehmen wir nicht allen Alleinerziehenden sofort ihre Kinder weg? Also: Kein Kind lebt isoliert. Es hat stets Vorbilder beider Geschlechter und braucht vor allem Liebe, Fürsorge und Geborgenheit, um fürs Menschsein gewappnet zu sein.

7. Du profitierst davon. Eine Diskriminierung kommt selten allein. Eine homophobe Gesellschaft wird dazu tendieren, auch andere „Randgruppen“ zu drangsalieren. Und wer ist nicht irgendwie zu groß, zu dünn, zu arm, zu hip, zu unsportlich, zu links, zu irgendwas?

8. Du glaubst an gestern. Gott hat gesagt, dass … Ach was, welcher? Zu wem und wann? Verbrennen wir immer noch Rothaarige oder verbieten das Fliegen? Religionen wandeln sich, es sind Menschen, die sie interpretieren und deuten. Der Papst hat längst begriffen und gesagt, dass Homosexuelle nicht des Teufels sind. Andere werden folgen.

Heilung kann so einfach sein. Machen wir es kurz: Homophobie soll dahin gehen, wo der Pfeffer wächst.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Pfeffer: Die lauwarme Partei

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Homosexualitaet, Homophobie

Debatte

Mehr Respekt für die geschlechtliche Identität

Medium_bddf7471e8

Klares Nein zu Homo- und Transphobie

Zum internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie fordern Anton Hofreiter und Volker Beck mehr Respekt für die geschlechtliche Identität. weiterlesen

Medium_e2c798a42a
von Anton Hofreiter
18.05.2016

Kolumne

Medium_897b247acc
von David Berger
14.12.2015

Kolumne

Medium_897b247acc
von David Berger
08.07.2015
meistgelesen / meistkommentiert