Das einzige Tier bei uns zu Hause bin ich. Oliver Kahn

Besser rechts als weich

AfD schlägt Piraten. Wir lernen: Der Verdacht, ein Weichei zu sein, wirkt in Deutschland schwerer als der Verdacht, ein Rechtspopulisten zu sein.

Als die Deutschen kürzlich in die Wahllokale getrottet sind, standen dort zwei kleine Parteien zur Wahl. Beiden hätte man zugetraut, die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken, keine davon war die FDP. Das ist eine andere Geschichte. Diese Geschichte handelt von den beiden politischen Neulingen im bundespolitischen Setz-dein-Kreuzchen-Spiel: den Piraten und der AfD.

Beide Parteien haben ziemlich viel Publicity bekommen. Bei beiden war sie alles in allem ziemlich schlecht und dabei in vielen Punkten gleich. Die Piraten wurden als thematisch verengt bezeichnet, die AfD auch. Den Piraten wurden die Spinner in den eigenen Reihen vorgeführt. Der AfD ebenso. In beiden Parteien wurden Streitereien ausgemacht, Widersprüchlichkeiten und Unprofessionalität.

Doch an ganz entscheidenden Punkten weicht die Wahrnehmung beider Parteien diametral voneinander ab. Auf dem bundespolitischen Spielplatz stehen sie in entgegengesetzten Ecken. Die Ecke der AfD ist irgendwo rechts, die der Piraten irgendwo links.

Die AfD ist der große fiese Junge

Der AfD-Chef Bernd Lucke hat keine Scheu, Wörter wie Gleichschaltung oder Entartung zu sagen. Er schlägt schon mal „Lösungen“ für das „Problem“ der Sinti und Roma vor oder spricht von Ausländern als „Bodensatz“. Das macht Lucke und seine Anhänger nicht zwangsläufig zu Nazis. Aber bis weit von rechts der Mitte würde kein Politiker so reden. Da kann Lucke noch so sehr auf vermeintliche Gemeinsamkeiten mit der Linken verweisen. Wer redet wie ein Rechtspopulist, wird auch für einen gehalten.

Martialisch, provokant und hart. Die AfD ist der große fiese Junge auf dem Spielplatz der Bundespolitik. Und das kommt an. Zumindest hat es für knapp-knapp-knapp fünf Prozent gereicht. In aktuellen Umfragen steigt die AfD weiter empor: Wären am Sonntag Wahlen zum Bundestag, säße die selbsterklärte Alternative für Deutschland mit Sicherheit drin. Die Piraten, die auch mal eine Alternative sein wollten, würden fehlen. Ihr Abstieg in die Bedeutungslosigkeit hält an.

Vieles hat das Scheitern der Piraten mit verursacht. Sie sind zu schnell gewachsen und waren dann überfordert mit dem Spiel auf der großen Bühne. Sie nahmen sich vor, alles anders zu machen und haben dabei den Überblick über das verloren, was sie eigentlich tun wollten. Aber ihr wohl größter Fehler ist einer, den sie vermutlich nie als solchen erkannt haben und den man ihnen menschlich kaum vorwerfen kann. Die Piraten wirken weich.

Hinter den Bully schart sich immer wer

Bei ihnen ging es nie darum, koste es was es wolle zu siegen. Die Piraten wollten Fehler im System korrigieren und sich damit selbst überflüssig machen. Auch das nicht um jeden Preis: Sie treten schon mal zurück, wenn alles zu viel wird. Ihre Leute sind oft furchtbar nett, kein „Kettenhund“ weit und breit. Piraten sagen meist ausgewogene und überlegte Sätze und versuchen, korrekt zu sein. Ein Christopher Lauer, der bei den Piraten fast provokant wirkt, sieht selbst gegen einen staubtrockenen Roland Pofalla („Fresse“) brav aus.

Die Piraten sind der kleine schüchterne Junge auf dem Spielplatz der Bundespolitik. Der, den alle Lehrer als zurückhaltend und höflich beschreiben. Der, dem nicht nur die Schaufel weggenommen wird, sondern den sie damit dann auch noch verprügeln. Der, dem dabei selten jemand zur Seite springt.

Hinter den Bully schart sich dagegen immer wer. Selbst wenn er in der rechten Ecke steht. Die Piraten wollten einen neuen Stil einführen. Politik sollte moderieren, offen sein. Das hat nicht verfangen. Ein wenig Preußen steckt dem Land halt doch noch in den Genen. Gewählt wird lieber die starke Hand mit der klaren Kante, vermeintlichen Schwächlingen wird misstraut. Wir lernen: In Deutschland scheint es immer noch besser zu sein, als aggressiver Rechtspopulist aufzutreten, als ein linksliberales Weichei zu sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Pfeffer: Die lauwarme Partei

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