Sarrazin ist ein unterbeschäftigter Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose Andrea Nahles

Egalitarismus ade

Die Exzellenzinitiative hat das Ende des Egalitarismus an deutschen Unis eingeleitet. Doch die Fixierung auf das Label Elite zementiert bestehende Ungleichheiten des Bildungssystems. Zukunftsfähig ist es in der aktuellen Form nicht – das vorhandene Potenzial geht großteils verloren.

Seit der Exzellenzinitiative befindet sich das deutsche Hochschulsystem im Umbruch. Dies betrifft nicht nur die Konzentration von Spitzenforschung auf wenige universitäre Leuchttürme. Neuste Daten zeigen, dass die Exzellenzinitiative auch Einfluss auf die Präferenzen von Studienbewerbern hat. So weisen Zahlen der Studienstiftung und Erkenntnisse aus dem jüngsten Studierendensurvey darauf hin, dass insbesondere die leistungsstärksten Abiturienten – Stipendiaten und solche mit einem Abiturschnitt von 1,2 oder besser – von dem Elitelabel angezogen werden. Ihr Anteil an den Exzellenzuniversitäten ist seit 2005 kontinuierlich gestiegen. Dagegen verzeichnen die Hochschulen, die nicht von der Initiative profitiert haben, aber auch solche, die nur mit Clustern und Graduiertenschulen erfolgreich waren, einen Rückgang beziehungsweise eine Stagnation in diesem Studierendensegment. Für das bisher so egalitäre deutsche Hochschulsystem bedeutet dies eine kleine Revolution. Ein Wettlauf um die besten Studierenden kündigt sich an.

Der Wettlauf beginnt

Während die nichtexzellenten Universitäten Strategien entwickeln müssen, um den Exodus von Top-Bewerbern zu verhindern, scheinen die mit dem Elitelabel ausgestatteten Universitäten in diesem Wettbewerb gut aufgestellt. Die Exzellenzinitiative hat ihnen nicht nur üppige Forschungsmittel, sondern auch ein außerordentlich effektives Rekrutierungswerkzeug beschert.

Aber auch die vermeintlichen Gewinner stehen vor Herausforderungen. Denn angesichts der großen Anzahl von Top-Bewerbern übersehen einige, dass die Anwärter mit den besten Abiturnoten nicht zwangsläufig diejenigen sind, die am besten zu ihnen passen. Dennoch setzen die meisten auf den Notendurchschnitt als ausschlaggebendes Kriterium bei der Auswahl zukünftiger Studierender. Mit potenziell bedenklichen Folgen für die Zusammensetzung der Studierendenschaft: Da in Deutschland der schulische Erfolg junger Menschen stark mit ihrer sozio-ökonomischen Herkunft korreliert, birgt eine notenbasierte Auswahl die Gefahr, dass sich an Exzellenzuniversitäten zukünftig nicht nur eine intellektuelle, sondern auch eine monetär-soziale Elite sammelt. Dies liefe dem gesellschaftlichen Auftrag des öffentlich finanzierten Bildungssystems zuwider und würde Universitätsverantwortliche in Erklärungsnot bringen.

Potenzial wird verschwendet

Noch schwerer wiegt jedoch, dass der starre Fokus auf die Abiturnote verhindern könnte, dass die Universitäten das in ihrem Bewerberpool vorhandene Potenzial voll ausschöpfen. Ein Blick in die Organisationsforschung und Praxis zeigt, dass es sinnvoll ist, auch Studierende mit nicht-akademischem Hintergrund, internationaler Herkunft und unterschiedlichsten Biografien zu gewinnen. Die führenden US-Universitäten wie Harvard, Princeton und Yale haben dies schon lange erkannt und rekrutieren gezielt in solchen Gruppen, immer mit dem Ziel vor Augen, einen exzellenten Campus zu formen.

In diese Richtung müssen auch die neun Exzellenzuniversitäten denken. Aufgrund ihrer begrenzten finanziellen und personellen Ausstattung sowie engen rechtlichen Rahmenbedingungen fehlt es ihnen jedoch oft an den Ressourcen, die nötig wären, um ein ausgewogeneres Auswahlsystem, proaktives Marketing und zielgerichtete Unterstützungs- sowie Stipendienangebote zu realisieren. Wenn Politiker und Verantwortliche es mit der Exzellenz ernst meinen, müssen sie aber die Vorrausetzungen für solche Maßnahmen schaffen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Eliteuniversitäten keine neue Exzellenz hervorbringen, sondern alte Eliten reproduzieren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thorsten Bultmann, Wolfgang A. Herrmann, Michael Hartmann.

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