Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Das „Wir schaffen das!“ war falsch

Warum haben wir uns angesichts der überwältigenden Zahl an Schutzsuchenden nicht von Anfang an darum gekümmert, dass diese Menschen zumindest für die ersten zwei Jahre ihres Aufenthaltes feste Perspektiven vermittelt bekommen?

Was läuft eigentlich falsch in unserer Gesellschaft beim Umgang mit Flüchtlingen? Alles – wie sich zum Beispiel am Fall der im Oktober 2016 in Freiburg vergewaltigten und ermordeten Studentin Maria L. auf tragische Weise gezeigt hat. Der Irrtum einer möglichen Ad-hoc-Integration hunderttausender zumeist traumatisierter alleinstehender Männer aus Krisen- und Kriegsgebieten in eine offene Gesellschaft wie die deutsche wird immer augenfälliger. Statt daraus jedoch die richtigen Schlüsse zu ziehen, beharren wir auf unserem Irrtum. Wie schon mehr als einmal in der deutschen Geschichte fügen wir uns mit dieser Unfähigkeit, einen Fehler einzusehen und ideologische Schablonen zur rechten Zeit mit der Realität abzugleichen, großen Schaden zu. 2017 sollte deshalb endlich das Jahr einer längst überfälligen Verschiebung unserer Perspektiven werden.

Deutsche Tugenden?

Wenn es etwas gibt, das uns Deutsche auszeichnet, dann ist es neben anderen Tugenden ganz gewiss unsere Beharrlichkeit. Wenn wir einmal etwas beschlossen haben, ziehen wir es auch durch, komme, was da wolle, das hat die Geschichte mehrfach bewiesen. So haben wir es schon 1848 gehalten, als wir endgültig die Schnauze voll hatten von den ganzen Regionalisten und lieber Nationalisten sein wollten. So haben wir es ab 1939 gehalten, als wir wider jede Vernunft einen bereits vorher verlorenen Krieg und einen abscheulichen Vernichtungsfeldzug führten und sich selbst im April 1945 noch genug Irre finden ließen, die tatsächlich glaubten, dieser Krieg könne am Ende gewonnen werden, da es dem „Führer“ jetzt endlich möglich sei, mit der Berliner Straßenbahn von der West- an die Ostfront und zurück zu fahren. Wir geben eben lieber am Ende alles verloren als vorher einen unserer leider immer wieder fatalen Irrtümer zu.

Genau diese Art von Beharrlichkeit ist es, der wir Deutschen im Moment erneut anheimfallen. Trotz zahlreicher Beweise möchten wir uns einfach nicht eingestehen, dass wir die Herausforderungen der Flüchtlingskrise genauso intelligent und effizient handhaben, wie wir es auch mit dem Berliner Flughafen, mit der Konzeption unserer Inneren Sicherheit und unserem Bildungssystem tun. Wie könnte es sonst passieren, dass wir männliche Jugendliche, von denen wir in vielen Fällen wenig mehr wissen, als dass sie jetzt bei uns sind, nachts unbetreut durch die Städte und Parks unserer offenen Gesellschaft spazieren gehen lassen? Wie könnte es sonst passieren, dass wir uns anvertraute Minderjährige in der Öffentlichkeit Alkohol trinken und mit Drogen handeln lassen? Dass Zwangsprostitution und Vergewaltigungen in bestimmten Erstaufnahmeeinrichtungen eine Zeit lang sozusagen zum Lokalkolorit gehörten und es dem Vernehmen nach in manchen bis heute so ist?

Das „Wir schaffen das!“ war falsch

Die 2015 unter dem Etikett „Wir schaffen das!“ formulierte und 2016 trotz multipler gegensätzlicher Erkenntnislagen fulminant bekräftigte Annahme, man könne und müsse hunderttausende in diesem Zeitraum ins Land gekommene alleinreisende Männer aus den verschiedensten Werte- und Weltkontexten von heute auf morgen in alle Bereiche einer freien pluralistischen Gesellschaft „integrieren“, war und bleibt falsch. Sie kann längst als empirisch widerlegt gelten, wie es sich nicht nur durch den Sexualmord an Maria L., sondern auch anhand gestiegener Fallzahlen in Sachen Raub-, Sexual- und Rohheitsdelikten deutschlandweit zeigt. Erkennen wir diese Entwicklung und ziehen die richtigen Schlüsse aus ihr? Nein! Wir blenden die Tatsachen aus, berufen uns auf das von uns erkannte einzig Wahre und Gute und machen stur Heil weiter wie bisher.

Die eigentlichen Fragen bleiben dabei nicht nur unbeantwortet, sie werden erst gar nicht gestellt, sondern vom Tisch gewischt und als rechtspopulistisch oder neuerdings schlicht als „rechts“ gebrandmarkt, als wäre rechts auf einmal kein zumindest physisch existenter Flügel unserer demokratischen Parlamente und ansonsten sowieso kein legitimer politischer Standpunkt mehr. Auch wissenschaftlichen Einwänden gegen die vernunftwidrig verfochtene Hypothese, doch, doch, das ginge schon in Ordnung so mit den Integrationsmöglichkeiten der in beträchtlicher Anzahl in sehr sensible Nischen der deutschen Bevölkerungspyramide einwandernden Menschen ohne Sozial- und Sexualpartner, wurde kein Gehör geschenkt. Dabei möchte man eigentlich annehmen, eine solche Hypothese lasse jeden Soziologiestudenten im dritten Semester schrill aufheulen.

Wir führen nur Scheindebatten

Stattdessen führen wir Scheindebatten über Kopftücher, über die Irren vom IS und über eine Religion, die eigentlich nichts dafür kann, dass sie von den entfesselten Dämonen einer seit Jahrzehnten vor allem an den erodierenden Rändern der Gesellschaft erbärmlich scheiternden Migrationspolitik und einer seit den 1990ern erbarmungslos vorgetragenen Kriegsführung der westlichen gegen die islamische Welt eingeholt wird.

Was wir jetzt tun können? Uns ein paar bittere Wahrheiten eingestehen. Zum Beispiel die, dass Maria L. nicht hätte sterben müssen, wenn wir unsere Angelegenheiten geordnet hätten und aufgrund engmaschiger Betreuung jederzeit wüssten, wo uns anvertraute, zu uns aus fürchterlichen Verhältnissen und durch fürchterliche Verhältnisse geflohene, orientierungslose Kinder in Männergestalt sich um drei Uhr in der Nacht , beziehungsweise zu jedem anderen Zeitpunkt des Tages aufhalten. Viele Flüchtlinge haben in ihrem jungen Leben schon Gewalterfahrungen gemacht, die man sich auch als durchschnittliche bundesdeutsche Couch-Potatoe, abgestumpft durch rund vierzig Jahre mediale Gewaltinszenierung, schlicht nicht vorzustellen vermag. Niemand weiß, wie oft ein männlicher, alleinreisender Flüchtling bereits Vergewaltigungen und Morde gesehen hat, wie oft er selbst vielleicht auf der Flucht oder im Krieg vergewaltigt wurde und wie oft er schon die in rauheren Teilen der Welt als unserem nicht unbedingt seltene Erfahrung gemacht hat, Gewalt bringe ihn weiter.

Viele Flüchtlinge haben keine Perspektive

Warum lassen wir zu, dass sich die Kette der Gewalterfahrung in vielen Fällen gerade für junge Flüchtlingsmänner nahtlos fortsetzt, weil zum Beispiel Antanzdiebstähle und andere Formen der Straßenkriminalität für sie oft die einzige Perspektive einer Teilhabe an den Segnungen des Werbefernsehens und der Gangsta-Rap-Videos sind? Warum haben wir uns angesichts der überwältigenden Zahl an Schutzsuchenden nicht von Anfang an darum gekümmert, dass diese Menschen zumindest für die ersten zwei Jahre ihres Aufenthaltes feste Perspektiven vermittelt bekommen? Perspektiven wie einen geregelten Tagesablauf mit haushaltlichen Eigenleistungen, verpflichtende Bildungsangebote und die bereits erwähnte engmaschige soziale Betreuung inklusive begleiteter Anfangskontakte zum „normalen“ Leben in Deutschland.

Junge Männer ohne Verpflichtungen hängen nicht in Einkaufszentren rum und belästigen dort Frauen, weil sie grundsätzlich böse oder weil sie in jedem einschlägigen Fall muslimische Geringschätzer der Frau sind. Gerade sexuell und wirtschaftlich frustrierte junge Männer tun so etwas nun mal ganz unabhängig von ihrer jeweiligen Kultur und sie würden es in den meisten Teilen der Erde tun, wenn man sie ließe. Man lässt sie aber in funktionierenden Gesellschaften nicht, sondern bindet sie ein in ein wirksames Netz aus Verpflichtungen, Konsequenzen und Konventionen.

Wir haben zu viele Warnungen ignoriert

Die auf ideologischem Boden gewachsene Mär, jeder Flüchtling an sich sei auch mit seiner uns unbekannten Vorgeschichte ganz direkt aus der Lamäng integrier- und verkraftbar und die kategorische Ablehnung jedes Einwandes dagegen ist eine Massensuggestion, die Tag für Tag gefährlicher wird. Sie ignoriert alle Anzeichen der nachgerade klassischen Destabilisierung eines Landes, das Ziel jungmännlich dominierter Flüchtlingstrekks ist. Sie ignoriert Warnungen wie die in vielen Städten eskalierten Silvesterfeierlichkeiten 2015, ignoriert ungeschminkte Statistiken und natürlich ignoriert sie auch, dass es sich bei den hierzulande abzeichnenden unguten Entwicklungen genau um jene handelt, denen bei der Verfassung des Genfer Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge ausdrücklich Rechnung getragen wurde. Aber die Väter des Abkommens hatten natürlich handlungsstarke Staaten im Sinn, in deren Nachbarländern Krieg wütete, als sie die Ausweisung straffällig gewordener Flüchtlinge und diverse andere Maßnahmen zur Vermeidung von Chaos erlaubten; und nicht einen tausende von Kilometern vom Ort der Auseinandersetzungen entfernten Verwaltungs-, Medien- und Wirtschaftskoloss, in dem sich eine lahme Legislative, eine völlig verstopfe Judikative und eine überbordende Bürokratie gegenseitig und alle gemeinsam die Exekutive blockieren.

2015 und 2016 haben auf diese Weise alle verloren: Die Menschen aus dem Maghreb, die der Langeweile und der Armut entfliehen wollten, dabei entweder ertranken oder feststellen mussten, dass auch Deutschland ihnen kein anderes Angebot zu machen hat als einen trostlosen Alltag, eine miese Unterkunft und feindliche oder ängstliche Blicke in der Fußgängerzone. Die Familien aus Syrien, die ihre Lebensersparnisse zusammengerafft haben, um sich zu retten und trotzdem die Hälfte ihrer Lieben zurücklassen mussten. Die aus den Höllen des Krieges und der Flucht in die Höllen der Erstaufnahmeeinrichtungen gerieten, wo sie weitere Erniedrigungen und Gewalt erleben oder gar erleiden mussten. Die Menschen aus Zentralafrika, die wochenlange Reisen und erhebliche Gefahren auf sich nahmen, um dann – wenn sie Glück hatten – gerettet zu werden und jetzt größtenteils im völlig überforderten, von Krisen und Naturkatastrophen geschüttelten Italien festzuhängen oder im Holzlattenhagel auf dem Grünstreifen eines Pariser Boulevards zu zelten.

Auch wir Deutschen haben verloren

Auch wir Deutschen haben verloren. Die Fähigkeit zu maßvoller und sachorientierter Debatte zum Beispiel, um die es schon vorher nicht mehr wirklich gut bestellt war. Das Gefühl der persönlichen und der allgemeinen Sicherheit. Den Bezug zur Realität und mit ihm das Vermögen zu erkennen, dass es eine klassische Whatabout-Nebelkerze ist, angesichts von Flüchtlingsgewalt auf Einzelfälle und die Gewaltausübung deutscher Männer zu verweisen. Denn um den unbestrittenen Fakt, dass es auch unter deutschen Männern Sexualmörder, Vergewaltiger, Totschläger und Straßenräuber gibt, um den geht es doch gar nicht. Genauso wenig geht es um die völlig absurde Frage, ob etwa alle Flüchtlinge Kriminelle seien, was niemand bei klarem Verstand behaupten würde.

Es geht darum, wie wir den legitimen Anspruch der – um ein aktuelles Wort zu nutzen – schon länger, beziehungsweise immer in Deutschland lebenden Menschen einlösen können, vor noch mehr Kriminalität und Gewalt durch die Menschen unter den Flüchtlingen geschützt zu werden, die offenbar verroht, traumatisiert, gewalterfahren oder einfach skrupellos sind. Denn eben das ist im Sinne des benannten Abkommens ein ganz natürlicher Anspruch jeder Gesellschaft, die Flüchtlinge in großen Dimensionen beherbergt, und zwar unabhängig von der Frage, ob es in dieser Gesellschaft vorher denn keine Triebtäter, Lustmörder, Rudelgrapscher und Drogendealer gegeben habe.

Wir sollten uns vor der Realität nicht verschließen

2017 sollten wir versuchen, uns den Sachfragen zuzuwenden, statt weiter wie das Kaninchen auf die Schlange auf ein immer wahlloser definiertes „Rechts“ oder einen angeblich grundsätzlich „bösartigen“ Islam zu starren. Es sollte uns auch mal wieder um Klarheit bei den Begrifflichkeiten gehen. Ein Flüchtling kommt aus einem Kriegsgebiet, er sucht befristeten Schutz bei uns, der ihm so lange zu gewähren ist, bis in seiner Heimat Frieden herrscht. Ihm zu zeigen, dass er hier willkommen ist, sollte selbstverständlich sein.

Seine langfristige Integration aber ist zunächst eigentlich keine ernsthafte Perspektive für beide Seiten. Perspektiven sollten sein: Sein menschenwürdiges Aus- und Zurechtkommen, eine gründliche Prüfung seines Schutzersuchens in einer der Notlage angemessenen kurzen Zeit und danach eine wirklich geeignete Anleitung und Begleitung dabei, im Gastgeberland irgendwann alleine klarzukommen. Außerdem sinnvolle Beschäftigungs-, Selbstorganisations- und Bildungskonzepte sowie behördliche Genauigkeit bei allen Identitäts-, Führungs- und Aufenthaltsfragen.

Das ist natürlich um einiges mühsamer, als ganz der deutschen Tradition des fatalen Irrtums verpflichtet weiter auf bisherigen Heilsbotschaften und Halbwahrheiten zu beharren und die Dinge einfach laufen zu lassen. Eines sollten wir aber nicht vergessen: Wenn die soziologische Großexperimentallage „Wir schaffen das!“ erst richtig aus dem Ruder läuft, nur weil wir es nicht hinbekommen haben, unsere aus falschen historischen Analogien und Analysen, aus Denkverboten und Verniedlichungen gespeiste Version einer ad absurdum führenden, schrankenlosen Menschlichkeit gegen die erwachsene Haltung echter Humanität mit Grenzen und Regeln einzutauschen, können wir auch daran nicht den Flüchtlingen die Schuld geben. Dann haben nur wir selbst erneut versagt, weil uns das Festhalten an ideologischen Wahrheiten und trunkenen Idealen wieder einmal wichtiger waren als das Aufwachen in einer Realität, die uns langsam aber sicher auf die Füße zu fallen droht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Simone Peter, Michael Klonovsky , Egidius Schwarz.

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