Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann darüber soll man schweigen. Ludwig Wittgenstein

„Hier wird alles dem Partyleben unterstellt“

Euphorie Anfang der 1990er, Einbruch Ende der 1990er: Techno wird die letzten 20 Jahre ziemlich durchgewirbelt. In Berlin erlebt elektronische Tanzmusik aber einen schier nie endenden Hype. Warum es sich hier anders tanzen lässt als anderswo, und wieso Masse – in diesem Fall wirklich – Qualitätskriterium wird, erklärt Sascha Funke im Gespräch mit Bettina Koller.

The European: Als die Wiedervereinigung kam, waren Sie erst zwölf Jahre. War Ihre Wende persönlich von Techno geprägt?
Funke: 1989 habe ich zwar Westradio gehört, allerdings waren meine Ohren größtenteils der Chartmusik ausgesetzt, so war ich ein Fan der Pet Shop Boys. Der stark spürbare Technoansatz in der Popmusik hat mich damals bereits sehr angesprochen. Allerdings habe ich als 12-Jähriger über musikalische Begriffsdefinitionen wenig nachgedacht. Später habe ich mit meinem musikalischen Wegbegleiter Paul Kalkbrenner immer Marusha gehört: Wir haben Kassetten aufgenommen, Titel gemerkt und Platten gekauft. Zu dieser Zeit begannen wir auch, in ehemaligen Jugendclubs der DDR in Lichtenberg einige Partys zu veranstalten. Nachdem dort anfangs nur Pop und Hip-Hop lief, hatten wir innerhalb weniger Monate wöchentlich unseren eigenen Techno-Abend. Zuerst machten wir bis 24 Uhr dort Musik, hinterher gingen wir in die richtigen Clubs, wie den Walfisch und den Bunker.

The European: Was ist Ihnen aus dieser Anfangszeit noch besonders in Erinnerung?
Funke: In den 1990ern war alles extrem unprofessionell und ungezwungen. In den Clubs existierten keine Codes: Unter der DJ-Kanzel waren wir alle vereint. Die Clubs waren alle im Ostteil der Stadt, publikumsmäßig allerdings durchmischt. Es war eine wahnsinnige Euphorie zu dieser Zeit und auch relativ rauschfrei: Wir tranken fast ausschließlich Cola und haben die ganze Zeit getanzt. Als das E-Werk schloss, ging die erste Phase zu Ende. Techno musste sich wieder neu erfinden.

The European: Wie ging es denn nach dieser ersten Phase weiter?
Funke: Zuerst war ich lediglich Tänzer und Konsument, in der zweiten Phase hat sich das verändert: Ich wurde zum Unterhalter – zum DJ und Produzenten. Mit der Öffnung des Berghain vollzog sich eine völlig neue Art des Ausgehens. Die Partys endeten meist erst sonntagnachts. Die Afterhour-Kultur wurde zum festen Bestandteil der Szene. In den letzten fünf Jahren gibt es in Berlin wieder einen starken Aufwärtstrend, immer mehr internationale Gäste bereichern die Stadt. Der Vibe von damals ist sicherlich verschwunden, alles ist professioneller, dennoch gibt es immer wieder euphorische Momente.

The European: Was macht die ehemals geteilte Stadt denn nun zur Techno-Hauptstadt?
Funke: Das No Limit. Nirgendwo wird alles so bedingungslos dem Partyleben unterstellt, das gibt es in abgeschwächter Form höchstens noch in London. Mit Beginn der “Nullerjahre” zogen die ersten DJs aus Europa und Nordamerika wegen der günstigen Mieten nach Berlin. Von den vielen leer stehenden Gebäuden profitiert vor allem die Clubszene, für eine Party findet sich immer ein Ort. Außerdem muss man hier nicht mit so vielen Institutionen kämpfen. Menschen aus allen möglichen Großstädten können sich erst in Berlin verwirklichen. Als ich eine Weile in Frankreich auf dem Land lebte, habe ich auch Musik gemacht und war im Nachtleben unterwegs. Allerdings ist es in Berlin schöner und als Originalberliner ist es sowieso am schönsten.

The European: Neben der Clubkultur, inwieweit haben sich die Möglichkeiten für DJs und Produzenten verändert?
Funke: Zum einen ist der technische Standard stark angestiegen, zum anderen ist das Produzieren von Musik heute wesentlich kostengünstiger. Vor 20 Jahren brauchte man Equipment für 10.000 D-Mark, um einen guten Track zu machen, heute ist das schon mit 1.000 Euro möglich. Musikinteressierte können relativ leicht produzieren und viele schlechte Produktionen überschwemmen dadurch den Markt. Mit dem parallelen Siegeszug des Internets wird der Markt immer unübersichtlicher und Musik verliert an Wert. Eine der Hauptaufgaben des DJs ist es, die guten Tracks aus dem riesigen Angebot an MP3s und Schallplatten zu filtern. Vor zehn Jahren war die Auswahl an Musik um einiges übersichtlicher.

The European: In dem Film “Berlin Calling”, der die Geschichte eines Berliner DJs erzählt, haben Sie einen kurzen Gastauftritt. Außerdem haben Sie einen Titel zum Soundtrack beigesteuert. Nun läuft die Musik in jedem zweiten Autoradio. Zieht Erfolg manchmal auch Leute an, die Sie nicht ansprechen wollten?
Funke: Mitte der 1990er-Jahre hatte Techno plötzlich ein ganz anderes Level: Eineinhalb Millionen Menschen tanzten vor der Siegessäule. Einige Leute fanden es schockierend, dass so viele Menschen plötzlich Teil der Musik waren und es scheinbar nichts Besonderes mehr war. Heutzutage ist das anders: Das internationale Publikum kommt gezielt nach Berlin, hat was zu sagen und bringt neuen Schwung und Energie in die Szene. Das ist ausschließlich positiv zu bewerten.

The European: Erste Phase, zweite Phase, Aufschwung – wo geht denn die Reise des Technos noch hin?
Funke: Techno ist, was man draus macht. Die Musik ist universell und global, da sie keine Sprache benötigt, reißt sie die Leute in Chile gleichermaßen mit wie in Berlin. Es ist eine Musik, die jemanden binnen Minuten zum Tanzen bringen kann und dann stundenlang nicht mehr loslässt. Auf den ersten Blick ist andere Musik oft viel komplexer, aber Techno hat diese lang anhaltende Magie. In Berlin sind wir dem Optimum schon sehr nah: Wir haben wunderschöne Clubs, einen relativ entspannten Senat – die Infrastruktur ist perfekt. In Berlin gibt es vieles, das ohne Subventionen und Sponsoren Erfolg hat. Jedes Jahr denke ich, dass der Zenit nun erreicht ist. Aber die Entwicklung der Techno-Szene ist weiterhin in vollem Gange, die Clubs sind voll. Ich hoffe, dass es so weitergeht.

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